„Ich hätte jetzt gern was zum Türaufmachen“, seufzte Markus.

„Du hast doch mich dabei“, sagte Mario.

 

Dieser Kurzdialog ist exemplarisch für die Stimmung des Streifenteams, das mich für die Nachtschicht unter seine Fittiche genommen hatte. Markus und Mario sind erfahrene Polizisten. Sie hatten sich mit einem Witz (Situationskomik, also niedergeschrieben nicht lustig) bei mir eingeführt. Die Nacht begann also mit einem Lacher und das sollte nicht der letzte bleiben.

 

 

Doch zurück zur Haustür eines Mehrfamilienhauses, vor der wir standen.

 

Die Polizei Montabaur hatte einen Anruf aus einem benachbarten Bundesland bekommen. Ein junger Mann hatte sich gemeldet und mitgeteilt, dass sein Freund wiederum von dessen Ex bedroht werde. Der bedrohte Freund wohnte im Zuständigkeitsbereich der Inspektion, bei der ich diese Nachtschicht mitfahren durfte. Entsprechend fuhren meine Herren als erste Streife an die genannte Adresse.

Es war alles ruhig. Nichts wies auf eine Bedrohungslage an. Da man aber nie wissen konnte, hätte Markus gern unauffällig die Haustür geöffnet und vorsichtig dahinter gespäht. Marios Vorschlag war allerdings recht weit von dem entfernt, was man sich unter „unauffällig“ vorstellt.

Letztlich entschieden sich die beiden, einfach bei dem genannten Namen zu klingeln.

Keine Reaktion.

Noch einmal, etwas nachdrücklicher.

„Joah?“ erklang eine müde Frauenstimme.

Irritierter Blickwechsel zwischen den beiden Beamten.

„Polizei, lassen Sie uns bitte herein.“

 

In der Wohnung, die zum Klingelschild mit dem Namen des Bedrohten gehörte, empfing uns eine Frau, die sichtlich schon geschlafen hatte. Die Wohnung strahlte Familienleben aus. Bunt. Ein bisschen unaufgeräumt. Bügelwäsche. Vor allen Dingen – total friedlich.

Von einer Bedrohung keine Spur.

Markus erzählte von dem Anruf, den die Polizei bekommen hatte.
„Ihr Name und Ihre Adresse wurden genannt.“

„Aber hier ist alles ruhig“, sagte die Dame ratlos.

Dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie rief einen Jungennamen.

Ein Teenager trat auf den Plan.

Der Blick, mit dem er die Polizei maß, wirkte so betont harmlos, dass ich gar nicht anders konnte als misstrauisch zu werden.

Und richtig …

Nach einigen gewechselten Worten, durch meine Polizisten in sehr eindringlichem Tonfall vorgetragen, gab er zu:
„Na ja, das war ich. Ich hab das meinem Freund geschrieben.“

„Was? Dass du bedroht wirst?“
Seine Mutter war fassungslos.

„Ja, schon.“

Er wollte nicht weiter mit der Sprache heraus. Der Grund dafür war allerdings für die Polizei nicht weiter relevant. Wichtig war, dass sich niemand in Gefahr befand.

Meine These ist, dass er sich interessant machen wollte. Er war nämlich blutjung. Und – wie sich später im Laufe des Gespräches herausstellte, kannte sich das Paar nicht einmal persönlich.

Nun, denn …

 

Im Streifenwagen stellte Mario fest:
„Sensationell. Das war wirklich eine Bedrohungslage aus dem Paralleluniversum.“

 

 

Die beiden waren nicht nur lustig, sie waren auch sehr nett. Nicht nur zum Gast auf der Rückbank, sondern auch zu Kindern und älteren Damen.

 

Unser erster Einsatz war ein Ladendiebstahl in einem Baumarkt, der aber letztlich gar keiner war. Ein Kunde, Kunde 1, hatte eine bereits bezahlte Ware umgetauscht und die neue Ware aus dem Regal genommen. Er lief dann nicht zur Kasse, sondern direkt zum Ausgang, was einen Mitkunden, Kunde 2, misstrauisch machte.

Resultat: Kunde 1 fand sich im Büro der Marktleitung wieder und die Polizei traf auf eine hochgradig aggressive Stimmung. Kunde 2 war noch vor Ort, weil Kunde 1 ihn wegen Verleumdung anzeigen wollte. Der Marktleiter versuchte beiden Seiten klarzumachen, dass doch eigentlich nichts passiert war, schließlich hatte die Kassiererin die Sachlage schon lange aufgeklärt. Kunde 2 war mit dieser Interpretation grundsätzlich durchaus einverstanden, wurde allerdings langsam sauer, weil er die Anzeige in Aussicht hatte.

Das Erscheinen der Polizei wirkte auf beide Seiten höchst deeskalierend und schließlich trennte man sich dann friedlich. Ohne sich verbal oder via Anzeige weiter auf die Füße zu treten.

 

Beim Verlassen des Baumarktes erspähten meine beiden Herren einen kleinen Jungen auf dem Arm seines Vaters, der äußerst fasziniert den Streifenwagen anstarrte. Vollkommen nachvollziehbar, aus meiner Warte. 😉

Keine Minute später saß der Kleine auf dem Fahrersitz und durfte mal das Blaulicht anwerfen.

Ich weiß schon, warum ich Fan unserer Polizisten bin, die meisten sind einfach zu nett.

 

 

Nach kurzen Ermittlungen wegen eines verlorenen Kennzeichens wurde mir die beste Pizza von Montabaur vorgeführt – und ja, sie ist wirklich sehr lecker.

In diesem Zusammenhang lege ich Wert auf die Feststellung, dass Polizeibeamten keine festgelegten Pausenzeiten haben. Man stelle sich das auch mal vor – eine Streife bei der Festnahme beispielsweise eines Mannes, der eine alte Dame beraubt, also mit Gewalt um ihr Erspartes erleichtert hat.

Nach einem kurzen Blick auf die Uhr sagt Polizist 1 zu Polizistin 2: „Du, jetzt ist Pause.“
Polizistin 2: „Ach ja. Moment!“
Polizistin 2 zu Räuber: „Setzen Sie sich doch mal bitte auf die Bank da und warten Sie, bis wir fertig sind.“

Diese Berufsgruppe kann nicht einfach zu einer festgeschriebenen Zeit den Stift, bzw. die Handschellen, fallen lassen und eine Pause einlegen.

§ 4 ArbZG (Arbeitszeitgesetz) schreibt vor, dass ein Arbeitnehmer, der zwischen sechs und neun Stunden arbeitet, 30 Minuten Pause machen muss. Dies dient der Erhaltung der Arbeitsfähigkeit. Nun wird mir bestimmt wieder jemand entgegenhalten, dass Beamte ja keine Arbeitnehmer seien. Aber Menschen sind sie und müssen ebenfalls ihre Arbeitsfähigkeit erhalten. Also muss bei einer Achtstunden- (oder gar Zwölfstunden)-Schicht Zeit für eine Mahlzeit sein Die wird halt eingenommen, wenn Zeit ist. Manchmal ist auch keine Zeit. Sogar ich, die ich nur ab und an mitfahre, habe schon erlebt, dass Essen einfach nicht drin war. Da bin ich dann morgens erstmal in irgendeinem großen Bahnhof über das Sortiment der nächstbesten Bäckereikette hergefallen.

Hier war es zum Glück anders.

Wenn man also Polizisten voll uniformiert bei der Nahrungsbeschaffung antrifft, ist also ein Anzeichen dafür, dass sie nebenbei, während sie ihren Job machen, sich etwas zu Essen holen – allzeit bereit, selbiges kalt werden zu lassen, wenn ein Einsatz ansteht.

 

„Notruf der Polizei Montabaur.“

Ein Anruf hatte mein Gespräch mit dem Wachhabenden unterbrochen. Eine ältere Dame erkundigte sich, ob die Polizei bei ihr angerufen hätte.

Nein, hatte sie nicht.

Durch gezielte Fragen des Wachhabenden stellte sich heraus, dass die Dame offensichtlich Opfer falscher Polizeibeamte werden sollte – der Anrufer hatte sich als Polizist der benachbarten Polizeiinspektion Straßenhaus ausgegeben. Die Dame wohnt allerdings gar nicht im Dienstgebiet von Straßenhaus, sondern im Gebiet der PI Montabaur. Zum Glück hatte sie Verdacht geschöpft.

Markus und Mario nahmen sich, mich im Schlepptau, der Sache an. Sie wartete bereits auf ihrem Balkon, sichtlich beunruhigt.

„Wir sind jetzt die Echten“, rief Markus ihr beim Aussteigen zu, und nahm damit schon einmal eine Menge Druck aus der Situation. Ihr gelang sogar ein kurzes Lächeln.

Markus und Mario nahmen ihre Aussage auf. Immer in der Hoffnung, dass die die Polizei irgendwann genug Informationen hat, um solchen Betrügern nachhaltig das Handwerk zu legen. Das Hauptaugenmerk der Dame lag allerdings in erster Linie auf ihrer persönlichen Sicherheit.
„Was mache ich denn, wenn die wiederkommen?“

Ein Nachbar war bei ihr und versprach zu bleiben.

Grundsätzlich ist es untypisch für falsche Polizisten, trotzdem anzurücken, wenn sie aufgeflogen sind. Ich kann allerdings die Beunruhigung der Dame sehr gut verstehen. Meinen beiden Herren konnten das auch, und es gelang ihnen, sie zu beruhigen.

 

Wo wir schon mal draußen waren, bekam meine Streife den Einsatz wegen der Bedrohungslage. Von dort ging es zum Streifefahren.

 

Nach einer kurzen Pause in der Dienststelle, weil Markus und Mario ihre Berichte verfassen mussten, wurden sie zu einem Randalierer in einer Kneipe gerufen. Nach weiterem Streifefahren und weiteren Berichten in der Dienststelle kam noch ein Einbruchsalarm rein. Allerdings hatten wir zum Tatort, einem Einfamilienhaus im Grünen, gute 20 Minuten Anfahrt, was der Einbrecher genutzt hatte, um sich davon zu machen.

Schon auf der Anfahrt ging die Sonne auf. Das ist im Westerwald wirklich ein grandioses Schauspiel. Während Markus und Mario sich mit der Spurenlage befassten, wurde ich von Frühlingsgefühlen übermannt. Bei der Rückfahrt in die Dienststelle wurde ich durch die tolle Landschaft im Licht eines Frühlingsmorgens schwer von der Polizeiarbeit abgelenkt. Trotzdem ist mein Fazit: Polizei Montabaur – Ihr seid sensationell!

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