Ganz schön blass um die Nase war er, der Anwärter, der auf der Behandlungsliege saß.

Wir befanden uns im Krankenhaus von Pirmasens.

Uns Nordlichtern unter den Rheinland-Pfälzern sagt der Städtename „Pirmasens“ nicht viel. Für mich persönlich hatte dieser Name bis Herbst 2017 den leicht exotischen Klang des Südens dieses schönen Bundeslandes, eben klangvolle Sprache, gutes Essen, guter Wein und schöne Landschaft. Gedanken an Urlaub und Idylle.

Dass es anders sein könnte, schwante mir erstmals, als die Polizeiinspektion Pirmasens zum Danke-Polizei-Tag 2017 auf meinem Programm stand. Da erfuhr ich sozusagen im Vorbeigehen, dass die Einsatzbelastung dort recht hoch sein kann – so hoch, dass man es nicht einmal bis Schweix schaffe. Durch diesen Ort mit dem nicht minder exotisch klingenden Namen war ich auf dem Weg von Frankreich nach Pirmasens gefahren. Er liegt direkt an der Grenze. Gerade mal 20 Minuten Fahrtzeit nach Pirmasens.

Pirmasens war einmal eine reiche Stadt, was man dem Stadtbild auch ansieht. Bis in die 70er Jahre florierte dort die Schuhindustrie, was sich aber im Zeitalter der Massenproduktion überlebte. Es gibt immer noch sehr reiche Menschen in Pirmasens, aber auch eine Menge Arbeitslose, die der Niedergang der Schuhindustrie hinterlassen hat. Zudem hat die Stadt so ziemlich die niedrigsten Mieten in weitem Umkreis, was zum Zuzug weiterer Menschen führt, denen es finanziell nicht so gut geht, bspw. anerkannte Asylbewerber. Da es dort aber keine Arbeit gibt, lebt man dort zwar preisgünstig, aber ist eben auch arbeitslos.

Insgesamt eine schwierige Bevölkerungsstruktur mit einer Menge sozialem Zündstoff, was sich auch darin widerspiegelt, dass der Pirmasenser Maimarkt so ziemlich das einzige Volksfest sein dürfte, auf dem absolutes Alkoholverbot herrscht.

 

Das Wetter war sehr schön, als ich Ende April zu einer Freitagsspätschicht dort eintraf. Ich sah sogar bei einer der Verkehrskontrollen einen Storch.

 

Mein erstes Streifenteam, Dietmar und Laura, packte mich in den Streifenwagen und los ging es.

Nach zwei sehr freundlichen Verkehrskontrollen mussten die beiden den Verkehr um einen Wagen mit einer Reifenpanne herum regeln – der mitten auf einer Brücke stand und diese damit auf eine Spur reduzierte. Es hat mich überrascht, wie unfassbar schnell da der Verkehr aufgelaufen ist.

Anschließend fuhren wir noch ein bisschen Streife.

 

Nach einem kleinen Eis wurde ich dem nächsten Streifenteam zugeordnet, Marvin und Ella. Laura musste nämlich in einen Fußballeinsatz.

Mit den beiden lernte ich dann den schwierigeren Teil der Bevölkerung von Pirmasens kennen.

Es begann mit einem Einsatz wegen Stromdiebstahls. Einem Mieter war offensichtlich der Strom abgestellt worden. Also holte er sich den Strom eben woanders. Der Bestohlene war davon unbegeistert.

Der Mann, der sich den Strom offensichtlich aneignete, war auch unbegeistert – von der aus seiner Sicht unbotmäßigen Einmischung der Polizei. Und zwar derart, dass mein Streifenteam sich Verstärkung rief.

Um noch mehr Unbegeisterung ins Spiel zu bringen: Ein Paar mit einem Kleinkind hatte ein Planschbecken im Innenhof aufgebaut. Der Ehemann regte sich lautstark über das Polizeiaufkommen auf. Nur das. Das Eintreffen der Polizei reichte aus. Mehr war noch nicht passiert. – Meiner Ansicht nach hätte er sich besser über seinen Nachbarn mit dem eigenartigen Verständnis von „mein“ und „dein“ aufregen sollen …

Ein weiterer Einsatz wegen einer Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau folgte.

Dann konnte Marvin zu voller Form auflaufen, sein Hobby ist nämlich – Tuning. Er selbst macht das natürlich in legaler Weise. Entsprechend hatte er allerdings einen sehr guten Blick.

So stoppten er und Ella einen Fahrer, dessen Wagen dunkel lackierte Blinker hatte. Er war damit wohl einige Jahre unbehelligt durch die Gegend gefahren. Dann lernte ich noch, anhand eines weiteren gestoppten Wagens, dass es verboten ist, seine Blinker mit dem Standlicht zu synchronisieren. Mir persönlich erschließt sich auch gar nicht, was da der Sinn sein sollte, deswegen bin ich da weniger anfällig. Aber wieder mal sehr spannend, für was sich Leute interessieren …

Und schon kam der Maimarkt ins Spiel. Meine Streife wurde zur Verstärkung gerufen. Ein Randalierer leistete Widerstand.

Bei unserem Eintreffen war er schon quasi auf dem Weg in die Dienststelle und der Einsatz löste sich wieder auf.

In der Dienststelle erfuhr ich dann, dass der Anwärter durch den Widerstand verletzt worden war. Da saß er sozusagen live vor mir – unser Vereinszweck. Dietmar fuhr den jungen Mann ins Krankenhaus, ich begleitete ihn auch. Offensichtlich wirkte meine Anwesenheit beruhigend.

„Mein Finger schmerzt.“

Er vertraute mir an, dass er dort schon einmal eine Verletzung gehabt hatte. Genau an diesem Finger.

Ich war selbst einmal Beamtin auf Probe gewesen, wenn auch in einer anderen „Branche“. Die Angst, diese Probezeit nicht zu überstehen, weil man sich gesundheitlich etwas Unbrauchbares zuzieht, kenne ich ganz gut.

Dietmar nahm sehr gut Luft aus der Sache. Aber letztlich konnte nur ein Arzt die erwünschte Erleichterung bringen.

Nach einer Röntgenaufnahme wussten wir dann – es war nichts Schlimmes passiert.

Ich atmete auf und machte mich dann von der Dienststelle aus wieder auf nach Hause. Dank der miserablen Zugverbindungen zwischen meinem Wohnort und Pirmasens war ich mit dem Auto angereist und hatte noch zweieinhalb Stunden Fahrt vor mir.

In jedem Fall war es eine spannende Schicht gewesen.

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