Diese Erkenntnis hatte schon Albert Einstein. Recht hatte er. Diese Erkenntnis ist auch universal anwendbar. Aus der Sicht eines deutschen Durchschnittsverdieners ist Hartz IV ein Alptraum. Aus der Sicht eines Bewohners der Slums von Kapstadt ist Hartz IV das Paradies auf Erden. Und aus der Sicht eines Kongolesen, der mitten im Bürgerkrieg lebte, waren sogar diese Slums so erstrebenswert, dass er 6.000 Kilometer zu Fuß zurücklegte, um diese zu erreichen… hat er mir selbst in Kapstadt erzählt.

Alles ist relativ, aber eigentlich wissen das doch intelligente Menschen. Sollte man nicht folgerichtig als Blogger oder Journalist bei seinen Lesern eine gewisse Grundintelligenz annehmen und im Sinne der Lesbarkeit nicht in jedem zweiten Satz eine Relativierung vornehmen?

Abgesehen davon gibt es meiner Ansicht nach Themen, da verbietet sich jegliche Relativierung, nämlich dort, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Bei einem Bericht über Gewalt gegen Frauen fände ich es ausgesprochen verfehlt, darauf hinzuweisen, dass auch Frauen Arschlöcher sein können. Was sie sehr gut draufhaben, wenn sie wollen. Dennoch ist Prügeln einfach kein zivilisierter Umgang und eine Frau, die Opfer von Gewalt wird, verdient in erster Linie Mitgefühl und Hilfe. Man würde ihr wohl auch kaum in einem Atemzug erzählen, dass es auch Frauen gibt, die verdammte Zimtzicken sind. Oder dass die Dame sieben Häuser weiter vor einigen Jahren ihrem Mann mit einem Bierseidel das Nasenbein zertrümmert hat. Auch Gewalt! Niemand, der mit einem halbwegs normalen Gefühlsleben ausgestattet ist, würde einem Gewaltopfer so kommen. Zum Glück!

Ebenso wäre die Empörung wohl groß gewesen, wenn zu Beginn der 90er bei einer Reportage über die abgefackelten Asylbewerberheime neben ausführlichen Berichten über das Leid der Opfer die Autoren sich mit den Worten vorstellen würden:

„Fritzchen Müller und Emil Schmitz lasen neulich im Hauptstadtecho, dass ein Somali einen Afghanen angriff, weil er ihn für den Mann hielt, der seine Tochter attackiert hat. Es sind also nicht immer Nichtmigranten schuld, wenn Migranten angegriffen werden.“

Mutet absurd an, nicht wahr?

Im Jahre 2011 Realität.

Glauben Sie nicht? Dann folgen Sie diesem Link zu einem Artikel des Süddeutsche Zeitung Magazins Nr. 17/2011.

Zuerst habe ich mich gefreut. Super! Eine intelligente Zeitschrift, die ich auch noch gern lese, nimmt sich dieses mir so sehr am Herzen liegenden Themas an. Mit der Überschrift „Ein Job zum Davonlaufen?“ kommt der Artikel auch vordergründig recht freundlich daher. Also habe ich mich glücklich draufgestürzt und an die Lektüre gemacht.

Es beginnt damit, dass manchmal Urinbeutel auf Polizisten geworfen werden.

Ein guter Anfang. Ekelgefühl kommt hoch. Das bringt den Leser direkt ins Thema. Endlich mal ein Perspektivwechsel?

Ja, doch, der Perspektivwechsel ist gut gelungen. So in etwa bis zur Mitte des dritten Absatzes. Der Polizist Olaf Heinze bekommt etwas zwischen die Beine geworfen. Es explodiert, er trägt Risse, Verbrennungen und Splitterwunden davon. Ein Splitter ist ihm acht Zentimeter ins Fleisch gejagt. Aber, so beruhigen uns die Autoren, es war nur ein „aufgemotzter Böller“. Keine „Bombe“ oder gar die „Rückkehr des linken Terrors“ wie angeblich, laut den beiden Schreibern, „tagelang“ die Zeitungen geschrieben haben sollen.

Ähm… hä? Nach meiner Erinnerung war diese Angelegenheit (die übrigens 15 verletzte Polizisten zurückließ, insofern ist es mir echt scheißegal, ob es ein Böller oder eine Bombe war) außer in der lokalen Presse von Berlin keine Zeile wert. Selbst da war sie nach 24 Stunden vom Tisch. Na ja, vielleicht beobachte ich einfach die falschen Zeitungen…

Hier wären wir übrigens beim Thema Empathie. Eigentlich erstaunlich, dass es ausgerechnet Männern unklar zu sein scheint, was es für einen Mann bedeutet, eine splitternde Explosion zwischen die Beine zu bekommen… ob der das dann noch so dringend braucht, im gleichen Atemzug erzählt zu bekommen, wie „harmlos“ doch eigentlich alles war?

Nach einem kurzen Ausflug über die KfN-Studie und der Feststellung, dass Straftaten gegen Polizeibeamte und polizeiliche Einrichtungen von 2009 (2.200) nach 2010 (2.900) um etwa ein Drittel angestiegen sind, werden Castor-Transporte und die Love-Parade-Katastrophe mehr oder minder in einem Atemzug abgehandelt. Ja, nee, ist klar. Dieses Drama ist natürlich unverzichtbarer Bestandteil jeglicher kritischen Auseinandersetzung mit der Polizei, weil man dieser Institution immer noch kräftig eine Mitschuld unterjubeln will. Leider unterscheidet auch hier mein Gedächtnis von der mittlerweile offiziellen Version und ich weiß noch sehr genau, dass die Polizei von Anfang an gegen das Abhalten der Love-Parade auf exakt diesem Gelände gewesen ist. Wie kann sie dann schuld sein? Wäre es nicht wirklich kritisch, mal nach der Schuld jener zu fragen, die sich gegen besseres Expertenwissen durchgesetzt haben? Vermutlich aus Profitgier?

Es geht weiter mit S21. Dazu möchte ich gar nicht viel sagen. Das ist mir mittlerweile einfach zu dumm. Es sind weiß Gott genug Videos auch von S21-Gegnern im Umlauf, mit denen die meisten Vorwürfe an die Polizei ad absurdum geführt werden.

Nur so viel. Es kommt irgendwie rüber, dass seit S21 auch noch das ganz bürgerliche Klientel nicht mehr hinter der Polizei stünde. Also, ich halte mich für sehr mäßig bürgerlich. Bürgerlich im Sinne, dass ich der bürgerlichen Demokratie anhänge, aber auch nicht bürgerlich im Sinne von spießig. Und ich stehe trotzdem hinter der Polizei!!! Bin ich wirklich damit so allein wie dieser Artikel suggeriert?

Sollte ich da heute Morgen in meiner Gemeinde etwas falsch verstanden haben, als im Gottesdienst auch und an erster Stelle für alle Polizistinnen und Polizisten gebetet wurde, die heute in den Einsatz mussten?

Nächstes Thema – Wolfgang Thierse und seine Teilnahme an der Blockade des rechtsextremistischen Aufmarsches in Dresden. “ Der Mann hatte in der Sache natürlich völlig recht,…“ steht da.

Ach ja? Ich gehe mal zu Gunsten der beiden Autoren davon aus, dass sie damit seine antiextremistische Einstellung meinen und nicht die Tatsache, dass er sich rechtswidrig verhalten hat. „Thierses Verhalten empört viele Beamte bis heute, denn er ließ die Polizei schlecht aussehen“, geht es weiter. Nein, liebe Journalisten, wenn man die Verfassung dieser Republik drauf hat, dann ließ er in erster Linie sich selbst schlecht aussehen. Die gilt nämlich für alle, auch für Leute, deren Gedankengut uns nicht gefällt. Aber das Grundgesetz spielt ja offensichtlich immer nur dann eine Rolle, wenn die Rechtsextremisten ins Spiel kommen. Alle anderen brauchen sich offenbar nicht an die Gesetzeslage zu halten, weil sie ja die politisch korrekte Einstellung haben. Ehrlich, bei so einer Argumentation glühen mir die Platinen durch. Demnach fahre ich dann ab morgen mal mit 100 durch die Innenstadt, denn ich stehe politisch auch zwischen den Extremen. Wenn ich mich deswegen nicht mal ans Grundgesetz halten muss, dann muss mich doch wohl die Straßenverkehrsordnung noch viel weniger jucken, oder? Und mein zweifellos früher oder später hereinflatterndes Knöllchen inklusive Führerscheinentzug werde ich dann als „Repression“ deklarieren und auf die böse Polizei schimpfen…

Der ganze zweite Teil des Artikels ist überschrieben mit „Polizisten sind eigentlich ständig überfordert“. Das kann man empathisch nehmen. Muss man aber nicht. Im Gesamtzusammenhang fällt mir das doch etwas schwer.

Dem Polizisten, der am 1. Mai 2010 in Berlin einem Demonstranten vor den Kopf trat, wird ein ganzer Absatz gewidmet. Die am gleichen Tag bei gleicher Gelegenheit 98 verletzten Polizisten sind keiner Erwähnung wert. Auch nicht die vier, die so schwer verletzt waren, dass Dienstunfähigkeit resultierte. Denen hätte so ein bisschen Empathie sicherlich auch gut getan.

Als Gegenpol zu den Polizisten kommen Amnesty International und ein Mitglied der Roten Hilfe zu Wort.

Amnesty beklagt ein Klima der Straflosigkeit bei der Polizei. Davon, dass diese Behauptung gebetsmühlenartig wiederholt wird, wird sie auch nicht wahrer. Dazu habe ich bereits einen langen Blogbeitrag verfasst. Zu Amnestys merkwürdiger Art des Umgangs mit Informationen bezüglich des Polizeithemas auch. An dieser Stelle wäre ein kleiner Hinweis darauf schön gewesen, wie oft jemand, der einen Polizisten angreift, mit einem warmen Händedruck vom Richter davonkommt. Aber schon klar, man muss seine Relativierungen sparsam handhaben… und möglichst an der richtigen Stelle vornehmen.

Der Herr von der Roten Hilfe ruft übrigens gemäß diesem Artikel nicht einmal die Polizei, wenn bei ihm eingebrochen wird. Ich hoffe, ihm ist verdammt bewusst, dass er damit zu einem Klima der Straflosigkeit beiträgt, denn er macht es damit der Polizei schwerer, diese Typen zu kriegen. Falls es ihn interessiert, welche schwerwiegenden psychischen Folgen Einbrüche haben, kann er ja mal ein paar Gespräche mit dem Weißen Ring führen. Schön, dass er so nett dazu beiträgt, anderen diese Erfahrungen nicht zu ersparen.

Er gibt Mitleid mit Polizeibeamten vor, was aber aufgesetzt wirkt, sonst würde er nicht die längst widerlegte Mär vom Korpsgeist wiederkäuen. Manche wenige haben den sicher. Aber eben auch nicht alle. Wieder eine Stelle, an der Relativierung aus Sicht der Autoren anscheinend unnötig ist…

Alles in Allem bleibt für mich das Fazit, dass dieser Artikel weder ausgewogen ist noch der Problematik gerecht wird.

Wäre er ausgewogen, würde doch neben der Roten Hilfe und Amnesty vielleicht einmal das viel zitierte Bürgertum, das angeblich seit neustem auch gegen die Polizei ist, zu Wort kommen. Ich zum Beispiel.

Ich zum Beispiel habe nämlich die Schnauze gestrichen voll von der permanenten Gewalt und Randale. Und zumindest der Teil des Bürgertums, den ich kenne, auch. Aber vielleicht kenne ich auch nur die falschen Leute, so wie ich offenbar die falschen Zeitungen lese…

Und nein, der Problematik wird der Artikel auch nicht gerecht. Dafür sorgt schon die relativierende Vorstellung der Autoren im Vorfeld, die direkt dazu sagen müssen, dass es nicht immer die Schuld von Demonstranten ist, wenn Polizisten verletzt werden. Nein, ist es nicht. Manchmal verunfallen sie auch einfach nur. Ändert das etwas daran, dass manche eben auf Demonstrationen Opfer von Gewalt werden und ändert das auch nur das Geringste am Leid dieser Opfer?

Wobei mir ehrlich gesagt das Wort „Demonstrant“ für solche Typen auch gar nicht in den Sinn kommt. Demonstranten sind für mich Menschen, die sich auf dem Boden des Versammlungsrechts befinden. Dieses sieht meines Wissens keine Attacken auf Polizeibeamte vor. Insofern können sich bitte mal all jene entspannen, die sich ständig auf den Schlips getreten fühlen, wenn man sich erfrecht, Gewalt gegen Polizisten auf Demos zu verurteilen.

Ich glaube mittlerweile sowieso, dass dieses ständige Angepisstsein diesbezüglich sowieso nur dazu dient, einen Nebenkriegsschauplatz zu eröffnen. Dann ist der Fokus wieder weg vom ungeliebten ideologischen Gegner und man selbst so schön im Mittelpunkt und in der Rolle der verfolgten Unschuld. Nicht, dass da am Ende jemand Mitleid mit den bösen Polizeibeamten entwickelt.

Nein, man sollte Gewalterfahrungen nicht relativieren. Wenn ein Mitglied egal welcher Bevölkerungsgruppe Leid erfährt, sollte es egal sein, wie die anderen Mitglieder dieser Bevölkerungsgruppe drauf sind. Dass mit Sicherheit irgendein Mitglied der besagten Bevölkerungsgruppe ein Arschloch ist, liegt für mich auf der Hand. So ist der Mensch. Die Lektüre der letzten 10.000 Jahre Menschheitsgeschichte haben mich von dem Gedanken geheilt, irgendeine Gruppe von Individuen sei rundweg gut. So etwas gibt es nicht. Und Gruppierungen, die das von sich behaupten, meide ich wie der Teufel das Weihwasser.

Auch kein einzelner Mensch ist ausschließlich edel, hilfreich und gut. Ich bspw. kann eine verdammte Zicke sein und „Keine Gewalt gegen Polizisten“ mache ich auch aus Eigennutz. Weil ich erstens Spaß an den meisten Aspekten habe und weil ich zweitens der Meinung bin, dass Polizisten eines der letzten Bollwerke sind gegen die angeblichen Heilsbringer, deren angestrebte Welt so unheimlich schön ist, dass sie nur mit Gewalt durchgesetzt werden muss, weil sie keiner freiwillig wählen würde, der halbwegs bei Verstand ist.

Insofern steht es keinem Menschen zu, über andere zu richten oder ihre Gewalterfahrungen kleinzureden. An Gewalt ist nichts zu relativieren!

Gewalt gegen Polizisten ist inakzeptabel. Punkt!

Zwei Tage vor dem ersten Mai bereiten sich Städte wie Berlin und Hamburg auf diesen Tag vor. Vermutlich auch Zürich und Wien.

 

„Mit Blick auf den 1. Mai betonte die Gruppe, Gewalt sei ‚ein unverzichtbarer Bestandteil im revolutionären Aufbauprozess‘. Und eine andere Gruppe unterzeichnete ihren Aufruf zu Gewaltaktionen mit dem Schlusssatz ‚Mit feurigen Grüßen‘.“
(Quelle)

 

Was verleitet diese Menschen eigentlich dazu, sich einzubilden, ihr Weltbild sei so unvergleichlich gut, dass sie sich einfach das Recht nehmen können, andere mit ihrer Gewalt zu überziehen? Sind das einfach Leute, die sich besser fühlen, wenn ihre Gewaltexzesse von wohlklingenden Begründungen untermalt werden? Weil es irgendwie geiler ist, Polizisten aus „politischen“ Gründen zu Brei zu schlagen, als weil sie einem gerade den Führerschein abnehmen wollen? Oder liegt dem vielleicht doch eine Theorie zu Grunde, die Sinn macht?

 

Nun, wenn man die Theorien dieser Leute so liest, dann fällt einem das Hauptargument ins Auge: die Gleichheit aller Menschen! Man darf sich an dieser Stelle auf keinen Fall davon verwirren lassen, dass offenbar Menschen in Uniform weniger gleich sind, denn sonst dürfte man ja auf diese nicht hemmungslos einprügeln. Verbal und physisch. Und auf Zivilpolizisten. Und auf alle anderen, die nicht ins Weltbild passen.

 

Na gut, lassen wir diese Details einmal beiseite.

 

Wenn alle Menschen (außer Uniformierten, Zivilpolizisten und jenen, die nicht ins Weltbild passen), gleich sind, bedeutet das ganz folgerichtig, dass Frauen gleichberechtigt sind. Folgerichtig sind unsere Revolutionäre – oder politisch korrekter – revolutionäre_innen jeglichem Sexismus gänzlich abhold.

 

Ebenso spielt es diesem Weltbild überhaupt keine Rolle, welche Herkunft jemand hat. Deswegen ist es auch irrelevant, ob jemand einer außerehelichen Beziehung entsprossen (vulgo: Bastard) sein könnte.

 

Nun, die besseren Menschen, deren Vorstellungen so gerecht und menschlich sind, dass sie sie mit Gewalt durchsetzen müssen, können auch beweisen, dass sie insbesondere die beiden vorgenannten Punkte draufhaben. Guckstu hier:

Eigentlich wollte ich in den Kanton Uri. Mal so richtig in die Alpen rein. Ich mag ja Berge.

Eine ganz tolle Idee – an einem sonnigen Karfreitag!!!!

Schon nach 25 km auf der Uferstraße des Vierwaldstätter Sees Richtung Uri gab ich auf. Irgendwie klemmte ich immer hinter Radfahrern, die es offensichtlich als Affront ansahen, so weit rechts zu fahren, dass ich sie auf kurviger enger Straße hätte überholen können, ohne sie am rechten Außenspiegel kleben zu haben. Hinter mir wiederum schnüffelten Töfflenker (für Deutsche: Motorradfahrer) an meinem Auspuff, die irgendwie glaubten, ich würde nur schleichen, um sie ganz persönlich zu ärgern. Nicht alle, aber in ausreichender Menge, um mich so dermaßen in den Wahnsinn zu treiben, dass ich ernstlich darüber nachdachte, absichtlich in ein paar Blitzanlagen zu rasen – in der Hoffnung, auch diesen Nashörnern ein exklusives Erinnerungsfoto in gehobener Preisklasse aus der Schweiz zu beschaffen… lediglich die Radfahrer in der Straßenmitte haben mich letztlich davon abgehalten. So hat alles sein Gutes…

Hey, ich hab nix gegen Töfflenker. Im Gegenteil. Ich arbeite selbst an einem Führerschein dieser Art. Aber ich wäre auch gern schneller als Schneckentempo gefahren. Von daher hätte ich es wirklich begrüßt, wenn diese speziellen Verrückten nicht versucht hätten, in meinen Kofferraum einzuziehen. Für mich war es nämlich nur sehr mäßig prickelnd, vor der Wahl zu stehen, sobald etwas Unvorhergesehenes passiert, entweder einen Radfahrer platt zu fahren oder einem Motorradfahrer via Vollbremsung das Genick zu brechen…

Auch gegen Radfahrer habe ich nichts. Wenn sie nur ein bisschen darüber nachdenken könnten, dass es sie möglicherweise auch ein klitzekleines Bisschen betreffen könnte, wenn sie sich gänzlich ungeschützt ihre Vorfahrt erzwingen. Vorzugsweise, wenn sie gar keine Vorfahrt haben…

Also brach ich das Ganze ab und fuhr in einem großen Bogen über Schwyz (SZ) durch den Kanton Aargau (landschaftlich sehr lieblich und angenehm ruhig an einem Karfreitag) zurück nach Luzern, um dort in Ruhe ein Eis einzufahren.

Dort erlebte ich Folgendes:

Luzern, Alpenstrasse, Karfreitag, 15:20 Uhr

Die Alpenstrasse ist eine auch an Feiertagen recht stark befahrene Straße im Zentrum von Luzern. Vier spanische Jugendliche erachteten es für vollkommen unnötig, die etwa 20 Meter entfernte Ampel zu benutzen, um diese zu überqueren. Nun ist es so, dass die Schweizer Polizei, was rote Ampeln betrifft, recht wenig Spaß versteht. So wenig, dass die Redensart „Bisch durä bi rot?“ als Synonym für „Bist Du verrückt?“ in die Umgangssprache eingegangen ist! (Behauptet jedenfalls mein Reiseführer!) Abgesehen davon, dass man auf dieser ganz speziellen Straße wirklich einen Knall haben muss, um einfach so drüberzuhüpfen. Oder Teenager sein. Was ja in etwa das Gleiche ist.

Ich nehme an, dass es keine bewusste Provokation war, dass sie das genau vor einem Streifenwagen gemacht haben. Dieser war nicht blau-weiß, schwarz-weiß oder auch rot-gelb. Er war silber-orange. Auch stand nicht „Policia“ drauf, sondern „Polizei“. Bis auf die Blaulichter also eigentlich nicht zu erkennen…

Jedenfalls hielt dieser Streifenwagen an. Andernfalls hätte er die Hoffnung und Zukunft der spanischen Nation umgefahren. Muss ja nicht sein.

Drei der hoffnungsfrohen Jungtouristen versammelten sich auf meiner Straßenseite und guckten erstmal dumm. Der Vierte hatte wohl als erstes gepeilt, was Sache war, denn er sprang schnell zurück auf den Bürgersteig.

Der Polizist am Steuer lehnte sich aus dem Fenster und erklärte dem jungen Mann die Bedeutung und Funktion von Ampeln an stark befahrenen Straßen.

Es war übrigens nicht misszuverstehen. Selbst wenn man des Schwiizerdütschen noch weniger mächtig ist als ich. Selbst für einen spanischen Schüler lag auf der Hand, um was es ging.

Die drei Jugendlichen auf meiner Seite erhielten nur einen scharfen Blick der Polizeibeamtin auf dem Beifahrersitz. Der Vierte signalisierte auch mit einer Handbewegung Verständnis. Daraufhin verzichteten die beiden Beamten auf weitere Maßnahmen und ließen die Angelegenheit auf sich beruhen.

Nun, ich hatte als Teenie einmal eine durchaus ähnliche Begegnung mit der Polizei. Damals ging mir der Arsch auf Grundeis.

Tja, andere Zeiten, andere Sitten.

Unsere vier jungen Spanier kannten jedenfalls keine Vokabel für „Respekt“ oder „Wertschätzung“. In keiner Sprache. Als es den drei Geistesleuchten vor mir dämmerte, dass es sich hier um die Polizei gehandelt hatte („Es la policia!“ – Ach, nee… Applaus, Du Blitzmerker!), ging es los.

Sie brüllten los: „Fuck la policia!“ (Nicht mal für ein korrektes „Fuck the police“ reichte das Englisch aus.) Mehrfach. Ziemlich lächerlich aus Kehlen, die den Stimmbruch nicht einmal in entferntester Aussicht haben. Noch bevor das Polizeiauto außer Sicht war, begannen sie eindeutige und international verständliche Gesten in Richtung des Wagens zu machen. Gesten, die eine Kastration andeuten. Ziemlich ordinär für meinen Geschmack. In dem Alter hatte ich so was noch nicht drauf…

(Bevor mir jetzt wieder Vertreter einer bestimmten politischen Richtung mit dem Schmu über meine privilegierte Kindheit kommen, über die sie nicht das Geringste wissen: denkt mal bitte darüber nach, ob es wirklich die Vertreter der ausgebeuteten Klasse Spaniens sind, die sich einen Osterurlaub in der Schweiz leisten können. Alles klar? Bingo!)

Na ja, offensichtlich haben die beiden Polizeibeamten es in ihrem Rückspiegel nicht mehr gesehen. Hoffe ich! Oder aber auch ignoriert!

Leider reicht mein Spanisch nicht aus für eine Ansage wie „unterbelichtete Vollpfosten“ oder „verzogene kleine Kackbratzen“, also beschränkte ich mich auf ein „Oh, my God!“, begleitet von einem ausdrucksvollen Augenrollen. Das reichte aber auch schon. Nicht, dass sie angemessen beeindruckt waren. Aber überrascht waren sie schon. Vermutlich nicht an Solidarität mit der Polizei gewöhnt. Möglicherweise haben auch ihre Erziehungsberechtigten eine gewisse Wahrnehmungsstörung, wer Schuld an ihren Bußen trägt. Scheint ja ein europaweites Problem zu sein.

Es ist in Luzern nicht leicht, seiner Abneigung gegen die Polizei so nachhaltig Ausdruck zu verleihen wie in vergleichbaren deutschen Städten. Das hängt damit zusammen, dass Luzern konsequent gegen Sprayer vorgeht. (Ja, ja, ich weiß, Streetart is no crime. Es ist aber auch kein Verbrechen, sich diese nicht an jeder Straßenecke aufzwingen lassen zu wollen!)

Aber in dieser Unterführung nahe beim Naturkunde-Museum haben sich doch so einige Spezialisten austoben können. Unsere kleinen, spanischen Freunde hätten sich hier zumindest über die korrekte Version ihrer Beschimpfung informieren können.

Falls es mit dem Englischen nicht so klappt, wurde netterweise auch die französische Übersetzung dazu mitgeliefert (ich habe mal ein Jahr in Paris gelebt und da einen teilweise recht bedauerlichen Wortschatz aufgeschnappt):

Abschließend sei mir noch eine Bemerkung erlaubt: Es kann durchaus sein, dass ich mir in Zürich ein feistes Bußgeld eingehandelt habe. Ich bin mir nicht sicher. Aber wenn es so ist, gibt es nur einen einzigen Menschen auf der Welt, der dafür Verantwortung trägt. Ich hätte ja auch mit dem Zug fahren können, anstatt in einem fremden Land in einer fremden Stadt mit dem Auto unterwegs zu sein. Warum sollte ich also den Züricher Polizisten Vorwürfe machen?

In dem Sinne wünsche ich allen Schweizer Polizisten gute Nerven im Umgang mit nervigen Touristen. Und mit allen anderen, die ihnen das Leben manchmal schwer machen.

(Geschrieben am 22.04.2011)

Der Schweizer an sich ist ja bekannt für seine Diskretion. Zumindest für die Schweizer Polizei unterschreibe ich diese Charakterisierung uneingeschränkt.

Ok, ich hatte das Ziel, Abstand zu „Keine Gewalt gegen Polizisten“ zu gewinnen, aber erstens ist es in jedem Land auf der Welt schwierig, der Polizei dauerhaft aus dem Weg zu gehen, und zweitens bin ich ja kein Verbrecher auf der Flucht.

Außerdem fiel mir neulich nachts kurz vorm Einschlafen ein, dass den Teil der „Keine Gewalt gegen Polizisten“-Homepage, der der Schweizer Polizei gewidmet ist, immer noch das Foto eines Spielzeugautos ziert. Ein unhaltbarer Zustand, dem man doch relativ schnell und einfach abhelfen können sollte. Dachte ich… 🙄

Außerhalb der großen Städte war es mir für vier Tage unmöglich, die sehr scheue Spezies des Schweizer Streifenwagens vor die Linse zu bekommen. Auch innerhalb der großen Städte war das nicht so leicht. Entweder war ich gerade unter Hochdruck damit befasst, die Geschwindigkeitsbegrenzung im Auge zu behalten, dabei möglichst keinen Unfall zu bauen und auch noch meinen Weg zu finden. Kein günstiger Moment, um den Fotoapparat hochzureißen. Meistens jedoch war ich zu Fuß unterwegs und dann fuhren sie mit solch einem Affenzahn an mir vorbei, dass ich nicht einmal Zeit hatte, die Kamera scharf zu machen… (Welcher Schwachkopf hat eigentlich das dämliche Gerücht in die Welt gesetzt, der Schweizer an sich sei langsam? Ich bin selten bei so gut wie allen Verkehrsmitteln mit solch einem zügigen Tempo befördert worden wie hier.)

Trotz intensiver Versuche ist es mir nicht gelungen, alle Luzerner Streifenwagen abzulichten. Die sind nämlich sehr vielfältig. Guckstu hier, hier, hier und hier. Und das sind noch nicht alle…

Also entschied ich schließlich, dem Zufall etwas nachzuhelfen. Meine gestrige Joggingstrecke wählte ich am Polizeiposten meines Urlaubsortes Weggis (LU) vorbei. Und tatsächlich. Ein wunderschönes Exemplar parkte genau vor dem Haus. Danke schön!

Dafür bin ich auch sehr dankbar, denn ich hatte schon Angst, diese sehr liebenswürdige Botschaft in einer Unterführung in Weggis würde ihren Adressaten gar nicht erreichen, weil die Polizei dort nur als Phantom existiert.

Da mir das Jagdglück an diesem Tag hold zu sein schien, beschloss ich, die Stadt Zürich zu besuchen. Immerhin war in der Tagesschau des Schweizer Fernsehens vor einigen Tagen vom Bußenstreik der Züricher Stadtpolizei berichtet und dabei wörtlich gesagt worden, die Polizei zeige dort trotzdem weiter Präsenz.

Nun, was soll ich sagen? Seit „Keine Gewalt gegen Polizisten“ habe ich sowieso eine andere Art, Städte zu besichtigen als früher. Natürlich spielt der kulturelle Teil weiterhin eine wichtige Rolle, aber mir fallen auch Graffiti ins Auge, die ich früher ignoriert hätte. Wie zum Beispiel dieses geradezu kreative Exemplar:

Zur Erläuterung: Die 117 ist die Schweizer 110.

(Zur Erläuterung: die 117 ist die Schweizer 110)

Es war übrigens an der Bahnhofstraße angebracht. Für Uneingeweihte vielleicht ein etwas unspektakulärer Straßenname, aber es handelt sich hierbei um die absolute Haupteinkaufsmeile von Zürich. Auch die Börse liegt an dieser Straße.

Nun, es muss auch hier mit der Schweizer Diskretion zusammenhängen, dass ich die mir von SF1 versprochene Polizeipräsenz nicht bemerkte. Dabei war das Ziel, doch etwas mehr Auswahl an Fotos zu haben, damit auch dieser Teil der Homepage endlich richtig schön wird. Natürlich würde ich bei allem, was ich im Rahmen des Blogs schon über die Persönlichkeitsrechte von Polizeibeamten gesagt habe, niemals gegen ihren Willen Fotos von ihnen ins Netz stellen, auf denen man ihre Gesichter erkennen kann. Aber erstens war der Plan, sie zu fragen, und zweitens, sie so abzulichten, dass man sie nicht erkennt. Oder das Foto entsprechend nachzubearbeiten…

Nachdem ich das Outdoor-Kulturprogramm hinter mich gebracht hatte (das Indoor-Kulturprogramm habe ich auf einen Tag verschoben, an dem nicht 25 Grad im Schatten und herrlicher Sonnenschein herrschen würden), und ich immer noch kein Polizeibild im Kasten hatte, beschloss ich, auch hier nachzuhelfen.

Dem geneigten Besucher der Schweiz, der ein iPhone besitzt, sei gesagt, dass man für jede größere Stadt eine App herunterladen kann mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten sowie Notfalladressen… unter anderem den Anschriften sämtlicher wichtiger Polizeidienststellen. Wer will denn bitte entscheiden, was sehenswert ist und was nicht? Und irgendwie war das ja auch so ganz allmählich ein Notfall…

Das Ergebnis dieses Stadtrundgangs der etwas anderen Art wird ein eigenes Album bekommen. Ich gehe davon aus, dass dies nicht mein letzter Aufenthalt in der Schweiz war und somit noch ein paar Bilder dazukommen.

Überflüssig zu sagen, dass auch in Zürich die Unterstützerszene für meine Aktion „All cops are beautiful“ blüht. Allerdings gedeiht sie nicht so gut wie andernorts, weil verständnislose Menschen diese freundlichen Unterstützerbotschaften an sehr frequentierten Ecken wie z. B. dem Hauptbahnhof regelmäßig entfernen. Meine diesbezüglichen Funde sind auf der entsprechenden Fotostrecke zu besichtigen.

Es gibt auch in der Schweiz Stimmen, die trotz meiner Schwierigkeiten, überhaupt mal eine Polizeistreife zu Gesicht zu bekommen, davon faseln, die Schweiz sei ein Polizeistaat. (Besonders geschmackvoll vor dem Hintergrund, dass in Syrien derzeit Sitzblockaden damit aufgelöst werden, dass einfach in die Menge geschossen wird. Habe ich aus der Schweiz noch nie gehört.) Jedenfalls habe ich den ultimativen Beweis für die Polizeistaatlichkeit der Schweiz gefunden und fotografiert:

Dieser Aufkleber war am Zaun des Geländes der Kantonspolizei Zürich an der Kasernenstraße angebracht.

Ja, nee, ist klar. In Polizeistaaten würde solch ein Aufkleber mit Sicherheit nicht hängen bleiben. Vielmehr würde man den, der ihn dahingepappt hat, hängen. Habe ich aus der Schweiz auch noch nie gehört.

Na ja… von Fakten haben sich Anhänger des politischen Extremismus, egal welcher Couleur, noch nie verwirren lassen.

An dieser Stelle mein herzliches Beileid an alle Schweizer Polizeibeamte, die zum 1. Mai in Zürich das zweifelhafte Vergnügen haben werden. Ich werde in Gedanken auch bei Euch sein!!!  (Und in Berlin, Hamburg, Wien… etc…)

Zum Abschluss bekam ich dann doch noch einmal die geballte Polizeipräsenz zu Gesicht. Wie man am etwas unglücklichen Bildaufbau sieht, waren auch diese beiden weit entfernt vom Vorurteil des langsamen Schweizers – ich bin froh, dass das Foto wenigstens scharf ist. Fragen konnte ich sie leider auch nicht mehr, aber ich denke, da man sie gar nicht erkennen kann, geht das schon in Ordnung.

Die Ausfahrt aus Zürich gestaltete sich übrigens etwas schwierig, da einige Ampeln ausgefallen waren. Dabei habe ich gelernt, dass der Züricher Polizist, wenn er den Verkehr regelt, nicht nur eine Warnweste trägt, sondern auch weiße Handschuhe, damit man seinen Handbewegungen besser folgen, respektive Folge leisten, kann. Das ist echt klasse! Und es funktioniert! 🙂

(Geschrieben am 21.04.2011; im Kanton Schwyz habe ich übrigens bis zum letzten Tag keinen Streifenwagen vor die Linse bekommen… )

„Keine Gewalt gegen Polizisten“ hat durchaus positive Nebeneffekte für mich. Ich lerne eine Menge interessanter Menschen und nicht minder interessanter Gegenden kennen. So hat mich ja das Theater die Auseinandersetzung um S21 nach Stuttgart verschlagen. Und da ich auch in der Schweiz gelesen werde, wurde mir plötzlich schmerzlich bewusst, dass meine Vorstellungen von diesem Land reichlich… nun ja… nebulös waren. Um es mal schmeichelhaft auszudrücken.

Ein Zustand, dem abgeholfen werden musste. Nach einem Kurzaufenthalt in Basel im Januar war ich dermaßen angetan, dass jetzt der Vierwaldstätter See dran ist.

Ab und zu brauche ich auch mal Abstand von diesem Thema. Immerhin mache ich das neben meinem Hauptberuf und manchmal wird mir die ganze Gewalt einfach zu viel. Außerdem habe ich noch andere Hobbys, denen ich zwischendurch einfach mal wieder nachgehen möchte. Programmierung und Vereinsrecht sind einfach nichts, was ich freiwillig erkunden würde… das sind nur die unvermeidlichen Nebenwirkungen des kommunikativen und kreativen Teils dieses Projekts.

Wo kann man nun besser Abstand gewinnen als auf einem Berg? Davon hat die Schweiz eine Menge extrem beeindruckender Exemplare zu bieten. Die Blicke von dort oben sind so schön, dass es schmerzt, und man fragt sich, wer eigentlich, wenn er das Privileg hat, in solch einer Umgebung zu leben, noch auf die Idee verfällt, Polizisten anzugreifen. Überhaupt Menschen verletzen zu wollen. Eigentlich kann das keine Finanzfrage sein, denn die Berge stehen kostenlos in der Umgebung herum und wenn man einigermaßen gut zu Fuß ist, kann man da auch hoch, ohne eine Fahrkarte zu kaufen. Wenn man nicht gut zu Fuß ist, reicht’s eigentlich auch nicht mehr zum Polizistenprügeln. Oder?

Ich war übrigens mit dem Zug auf meinem ersten Schweizer Berg. (Ein gut ausgebauter Nahverkehr ist ein Zeichen für einen sehr hohen Zivilisationsgrad… ;-))

Natürlich wäre ich nicht ich, wenn ich nicht sogar auf einem Berg eine Begegnung mit der Polizei gehabt hätte. Das war allerdings vor etwa 20 Jahren in Südtirol. Zuerst wurde ich Zeugin, wie ein Einheimischer versuchte, einem deutschen Ehepaar zu erklären, warum sein Nachwuchs doch bitte aufhören solle, im Hochgebirge mit Steinen um sich zu werfen. Die Antwort der Deutschen lautete in etwa, dass der Südtiroler sich nicht in ihre Angelegenheiten einmischen solle. Sie würden ihre Kinder eben nicht durch repressive Erziehung einschränken und ihnen die Möglichkeit zur freien Entfaltung bieten. Die lieben Kleinen sollten ihre Grenzen selbst erfahren. (Übrigens kann man eine derartige Antwort auch auf so manchen Deutschen in der Schweiz übertragen und hat dann in etwa heraus, warum man sich hier auf höchst schlüpfrigem diplomatischen Parkett bewegt, wenn man einen einigermaßen positiven Eindruck hinterlassen will.) Im Anschluss wurde ich Zeugin einer Bergrettungsaktion, denn einer der Steine war eine Kehre weiter unten auf der Stirn eines Herrn gelandet, der den Berg auf einer Trage in einem Hubschrauber Richtung Krankenhaus verließ. Damit hatte er auch noch Glück. Zwei Kehren weiter unten wäre der Flug Richtung Friedhof gegangen. Aber Hauptsache, da haben sich mal wieder irgendwelche Kinder frei entfaltet, um ihren Eltern Erziehungsarbeit zu ersparen. Und Hauptsache, man kann dies wortreich mit einer nachgewiesenermaßen gescheiterten Erziehungstheorie unterfüttern.

Und dann wurde ich von der Südtiroler Polizei als Zeugin vernommen. Im Regelfall gehe ich davon aus, dass mein Gegenüber erkennt, dass ich ein Individuum bin und mit solchen Persönlichkeiten nichts am Hut habe. Hier aber war für mich wirklich massives Fremdschämen angesagt.

Ich hoffe, das kam die Eltern so verdammt teuer, dass sie sich dann doch mal in Erziehung geübt haben. Allerdings vermute ich eher, dass das für die lieben Kleinen eine erste Trainingseinheit war, um heutzutage in Berlin die Pflastersteine und in Stuttgart die schwäbischen Superkastanien mit höherem Perfektionsgrad in die Flugbahn auf andere Menschen zu bekommen…

Mein erster Schweizer Berg, die Rigi, hielt hingegen tatsächlich keine Polizeibegegnungen für mich bereit.

Nun hatte ich im Vorfeld Kontakt zum VSPB (Verband Schweizerischer Polizeibeamter) aufgenommen, weil es dort Solidaritätspins mit der blauen Schleife von Eurocop gibt. Diese Schleife steht für „No violence against police“ oder aber „Stopp der Gewalt gegen die Polizei“ (und wer mir jetzt erzählen will, das sei kein korrektes Deutsch, dem sage ich: „Ab auf die Schulbank und Studium der deutschen Sprache, wie sie sich vor der aktuellen Verluderung präsentierte. Mit besonderer Hinwendung zum Dativ.“)

Der VSPB hat seinen Sitz in Luzern. Was liegt also näher als mal eben in Luzern dieses Schleifchen abzuholen, wenn man eh da in der Ecke Urlaub macht. Soweit zum Thema Abstand… 😉

Zu den Vorurteilen, mit denen man als Deutsche in Hinblick auf die Schweiz ausgestattet ist, gehört u.a. dass man die Größe der dortigen Großstädte eindeutig unterschätzt. Die Anfahrt war also schon für mich sehr abenteuerlich und schweißtreibend, weil mein Navi mich partout über eine Ausfahrt schicken wollte, die gerade gesperrt war. (An dieser Stelle mein Dank an die Schweizer Autofahrer, die mich liebenswürdigst über drei Spuren haben wechseln lassen…)

Irgendwie hatte ich gehofft, meine Anziehungskraft auf Streifenwagen vorübergehend verloren zu haben. Zwar freue ich mich immer, meine Freunde und Helfer zu sehen, aber bei aller Freude über diesen Anblick werde ich auch immer sofort von Adrenalin und schlechtem Gewissen überschwemmt. Fahre ich die vorgeschriebene Geschwindigkeit? Mache ich auch alles richtig? Ist mein Auto in ordnungsgemäßen Zustand? Da bin ich übrigens in guter Gesellschaft, ich kenne sogar einen Polizisten, dem sofort diese Fragen in den Kopf schießen, sobald er seine Kollegen formatfüllend in seinem Rückspiegel erspäht.

In Deutschland bin ich mir im Regelfall weitgehend sicher, dass ich alles richtig mache. In der Schweiz weiß ich das allerdings nicht so genau. Natürlich beachte ich die Verkehrszeichen. Aber wenn ein solches mir sagt, dass eine Straße wegen „Felsreinigung“ nur beschränkt befahrbar ist, kann es schon mal passieren, dass ich in meinem Erstaunen darüber das nachfolgende Verkehrsschild übersehe. Außerdem sitzt mir ständig die dortige Bußgeldverordnung im Nacken, die in Deutschland derartig übersteigert wird, dass dort das Gerücht kursiert, ab 20 km/h Geschwindigkeitsübertretung müsse man in U-Haft. Muss man nicht. Hat mir ein Schweizer Polizist glaubhaft versichert. Billig ist trotzdem anders und bei aller Sympathie für die Schweiz – ich lass mein Geld lieber für andere Dinge dort. Fahrkarten für Züge auf Berge zum Beispiel. Oder Schokolade. (Ich weiß, dass Ihr nicht gerne auf Schokolade reduziert werden, liebe Schweizer, aber ich muss sie einfach erwähnen. Da hättet Ihr halt weniger Suchtpotential in diese Droge einbauen sollen.)

Einen erhöhten Schwierigkeitsgrad hat man auch, weil sich die Schweizer Polizeiautos von Kanton zu Kanton unterscheiden. Manchmal auch innerhalb eines Kantons. Sogar innerhalb Luzerns habe ich mehrere Modelle gesehen. Zu Beginn konnte ich nie sicher sein, ob ich nicht doch eines hinter mir habe. Aber auch in der Schweiz gibt es eindeutige Anzeichen – Blaulichter auf dem Dach und eine klare Beschriftung mit „Polizei/Police“ und/oder „117“.

Nun, da ich von Luzern weder Ahnung noch Stadtplan hatte und mein Reiseführer (übrigens von Merian, also in dem Fall waren die Deutschen mal unschuldig 😉 ) sich ausschwieg, wo man denn in Luzern am besten parkt, programmierte ich mein Navi auf ein Parkhaus, das sich irgendwie zentral anhörte.

Es führte mich ein ein Stadtviertel von Luzern, das… nun ja… wie kann ich das am besten beschreiben? Ich sag mal so – hatte ich mich tags zuvor auf der Rigi noch gefragt, wer eigentlich Schweizer Polizeibeamte verprügelt, so wusste ich es beim Fahren durch dieses Viertel plötzlich. Der Eindruck dieses Quartiers war so, dass, als nun tatsächlich ein Streifenwagen hinter mir auftauchte, ich mich darüber so sehr freute, dass ich ganz vergaß, an die Schweizer Bußgelder zu denken. Die Polizisten fuhren auch sehr lange hinter mir her. Ich nehme an, ihnen war klar, dass ich nicht wirklich absichtlich dort unterwegs war.

Hoffentlich hatten sie Zeit, den Aufkleber mit der Webadresse von „Keine Gewalt gegen Polizisten“ zu studieren. Vielleicht habe ich ja neue Leser gewonnen. Falls ja, danke schön. Hat sich wirklich sehr beruhigend auf mich ausgewirkt.

Nun, trotz dieses interessanten Umweges war ich auf die Minute pünktlich beim VSPB. Dort hatte ich eine nette Unterhaltung mit der Dame, die mir die blauen Pins gab. Und ein Plakat der Aktion „Stopp der Gewalt gegen die Polizei“. Danke für das informative Gespräch. Und danke für die Unterstützung durch die blaue Schleife, die ich seitdem täglich am Revers trage.

Danach hatte ich schon wieder Spaß an meinem Thema. Wenn ich jetzt noch fünf Tage Abstand bekomme, dann werde ich mich wieder voller Elan in das Projekt stürzen.

Für den Rest des Tages genoss ich Luzern. Wirklich eine wunderschöne Stadt.

Heute muss ich aber erstmal wieder auf einen Berg. Wenn das Wetter mitspielt. Wird vermutlich der Pilatus. Angeblich begegnet man dort dem Geist von Pontius Pilatus. Mal sehen. Wenn der mir zu nahe tritt, kriegt er allerdings was auf die Nase.

(Geschrieben am 19.04.2011, als ich mir noch einbildete, tatsächlich auf Dauer Abstand zu dem Thema halten zu können…)