Der Polizist neben mir und ich tauschten einen Blick. Innerlich atmete ich einige Male tief durch. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Ehrlichkeit mit schlechtem Betragen verwechseln. Wenn ich meine Meinung nicht sagen kann, ohne anderen gleich verbal an die Wäsche zu gehen, dann schweige ich lieber.

Ich pumpte aktuell nicht wenig Adrenalin. Ich hatte keinerlei Ahnung, wie die Sachlage, die eine Dame gerade auf diese „nette“ Weise beurteilte, ausgehen würde. Genau deswegen war mir reichlich unwohl. Angst ist kein gute Grundlage für rationale Erklärungen. Deswegen war ich froh, dass der junge Mann neben mir das Wort ergriff und die Dame aufklärte, die uns diese „nette“ Frage um die Ohren geschlagen hatte.

 

*

 

„Nimm alles mit, wir räumen den Wagen schon mal aus“, hatte Maurice zu mir gesagt. Ich hielt mich gerade im Wachraum der Polizeiinspektion Mainz 1 auf und überlegte, ob ich leichtsinnigerweise doch mal wieder einen vorzeitigen Abgang einleiten sollte. Immerhin hatte ich noch fast zwei Stunden Fahrt vor und noch mehr „Solidarisches Frieren mit unserer Polizei“ (Verkehrskontrolle mit Maurice, Jonas und vier Bereitschaftspolizisten an einem kalten Dezemberabend) hinter mir. Ich taute nur langsam auf und es war schon recht spät.

 

Auch vor dem Verharren an der Kontrollstelle war die Spätschichtbegleitung vergleichsweise ruhig gewesen. Nach einer Unfallaufnahme passierten wir auf dem Rückweg in die Dienststelle einen Bus, dessen Fahrer meinte, den Berufsverkehr an einem Freitagnachmittag blockieren zu müssen. Seine Begründung: Es habe beinahe einen Unfall gegeben. Die Polizei sollte den Beinaheunfallverursacher nun die Konsequenzen seines Handelns spüren lassen.

Aha?

Wir erinnern uns – es hatte keinen Unfall gegeben. Vor dem Hintergrund war seine Blockadeaktion natürlich eine Überreaktion. Zwar passt er damit gut in den Zeitgeist, gefährdete aber wiederum andere Verkehrsteilnehmer. Er kassierte einen Platzverweis und war sichtlich überrascht, dass nicht immer nur die anderen Leute Fehler machen.

 

Würden auch die letzten Minuten der Schicht so bleiben, wäre es kein Verlust, verschwände ich zeitnah… allerdings hatte ich derartige Entscheidungen schon bereut. Und beendet ist eine Schicht grundsätzlich erst dann, wenn der Dienstgruppenleiter „Schichtende“ ausruft…

 

„Da wollen welche eine Gaststätte nicht verlassen.“

 

Im Laufen zum Streifenwagen ringelte ich mich wieder in die Schussweste.

Wir fuhren mit vier oder fünf Streifenwagen vor der fraglichen Gaststätte vor. Übrigens ein sehr gutes Etablissement, in dem ich als Studentin bereits mehr als einmal verkehrte und auch jederzeit wieder einkehren würde.

 

Der Innenraum war gerammelt voll. Sogar die Terrasse war bis zum letzten Platz besetzt. Zur Erinnerung, es war Anfang Dezember. Vorm Eingang knubbelten sich weitere Gäste – die an einem Türsteher abprallten.

Hätte ich dafür Zeit gehabt, hätte ich mich gefreut, dass eine von mir sehr geschätzte Gaststätte mittlerweile derart gut läuft. Hatte ich aber nicht.

„Ein Junggesellenabschied“, informierte der Türsteher meine Begleiter. „Haben sich dann daneben benommen und wollen jetzt nicht mehr gehen.“

Meine Begleiter drängelten sich in den Innenraum. Schlagartig stiegen Erinnerungen an einen Einsatz in einer Kneipe in Ludwigshafen in mir auf – bei dem zum schlechten Schluss ein Zechpreller zu Boden hatte gebracht werden müssen. Dafür wäre hier kein Platz. Zumindest würde ich in keinem Fall ausweichen können, sollte es so weit kommen.

Hier bin ich nur im Weg – und verstehen werde ich auch nichts…

Also bog ich vor der Tür ab und postierte ich mich auf der Terrasse – vor einem Fenster mit ungebremsten Blick auf den Tisch, an dem die besagten Herren saßen.

Entsprechend konnte ich nichts hören, aber sehen – Maurice schien die Verhandlungen zu führen. Zwei der Herren schienen die Wortführer der Junggesellenabschiedsfeier zu sein, sie wirkten aufgebracht. Einer der beiden sprang auf.

Oha…

Das sah für mich reichlich bedrohlich aus.

Was, wenn die Situation darin kippt?

Vor meinem inneren Auge sah schon ich eine Hundertschaft dieses Etablissement stürmen. Die darauf folgenden Schlagzeilen konnte ich mir ebenfalls lebhaft vorstellen.

Irgendwie bekam ich so langsam das Gefühl, dass, egal was meine Herren darin auch machen würden, es irgendwie falsch enden würde…

Zwar hörte ich nichts vom Gespräch drinnen – dafür umso mehr von den auf der Terrasse geäußerten Expertenmeinungen draußen.

„Die Bullen kriegen es mal wieder so gar nicht hin.“

Ach nein? Was genau weißt du denn, warum sie hier sind und was sie wollen?

Aber wen interessierte das schon? Wir leben schließlich in einer Zeit, in der es als absolut verzichtbar erachtet wird, sich zur Unterfütterung seiner Meinung erstmal mit Faktenwissen zu versorgen…

„Die sind so lächerlich.“

Ich schaltete wieder in den Ignoriermodus. Wenn man einem polizeifreundlichen Verein vorsitzt, kann man nicht jedem Kommentar auf einem derartigen Niveau Aufmerksamkeit schenken…

 

Maurice schaffte es, die Junggesellenrunde dazu zu überreden, Personalausweise auszuhändigen. Zwei der Polizisten kamen aus der Gaststätte. Einer ging zum Streifenwagen, um abzufragen, ob gegen einen der Herren der lustigen Runde etwas vorlag. Sein Kollege blieb bei mir vor der Gaststätte stehen. Ich weiß nicht, ob er hier nur auf seinen Kollegen wartete oder ob sein Job gewesen war, auf mich aufzupassen. Jedenfalls kam es so, dass wir nebeneinander standen, gemeinsam durch die Scheibe starrten und lauthals mit der Frage konfrontiert wurden, die die Überschrift dieses Erlebnisberichtes bildet.

 

„Warum greift die Polizei hier nicht mal ordentlich durch?“

 

Die Sprecherin ließ diese Frage hinter unserem Rücken erschallen. Wir drehten uns zeitgleich um. Eine Frau kam näher.

Nun ja, auf diese Frage würden mir eine ganze Latte Antworten einfallen.

Weil 10 Polizisten gegen 10 Junggesellen ein ziemlich ungünstiges Verhältnis ist.

Weil es zu Solidarisierungseffekten der Umstehenden kommen könnte und das Verhältnis dann noch schlechter wäre. Und ja, die Polizeibeamten waren bewaffnet. Aber kein Polizeigesetz Deutschlands gibt es her, in solch einer Umgebung eine Schusswaffe einsetzen – und das ist auch gut so.

Weil man folgerichtig im Falle eines Falles tatsächlich Verstärkung würde kommen lassen müssen – und weil vermutlich die Besitzer dieser Gaststätte kaum glücklich über das zweifellos folgende Rauschen im Blätterwald sein dürften.

Weil es jede Menge Leute treffen würde, die zum gegebenen Zeitpunkt einfach nur friedlich ihre Freizeit genossen. Selbst wenn sie teilweise ausgesprochen unintelligente Sprüche absonderten, so hatten sie dafür noch lange nicht verdient, unter Umständen auch einen Schlagstock abzubekomen. Zumindest nehme ich an, dass ein „robuster Schlagstockeinsatz“ gemeint ist, wenn Leute fordern, dass die Polizei „mal ordentlich durchgreifen soll“. Gut, ich hätte die Dame fragen können, was sie sich eigentlich genau darunter vorstellt.

 

Letztlich ist aber die genaue Definition von „mal ordentlich durchgreifen“ egal. Denn jeder, der eine solche Polizei fordert, muss sich darüber im Klaren sein, dass diese Polizei dann IMMER ordentlich durchgreift. Nicht nur bei den anderen.

Wir haben auf der Facebook-Seite unseres Vereins eine ganze Menge Leser, die sich für polizeifreundlich halten und bei jeder sich bietenden Gelegenheiten Waffeneinsatz aller Art fordern. „Die müssen einfach mal ordentlich durchgreifen.“

Gleichzeitig ist das Gros genau dieser Leser nicht in der Lage, sich an die einfachsten von uns Seitenadmins aufgestellten Regeln eines respektvollen Miteinanders zu halten. Wie können diese Leute so sicher sein, dass eine Polizei, die „mal ordentlich durchgreift“, dies nicht bei ihnen selbst tun würde?

Was auf die Situation in der Gaststätte übertragen geheißen hätte, dass meine Herren nicht nur die widerspenstigen Junggesellenverabschieder mit ihren Schlagstöcken quer durch den Raum geprügelt hätten, sondern dass auch der Polizist neben mir der Dame mal schnell für ihre unbotmäßige Hinterfragung des laufenden Einsatzes den Schlagstock in die Zähne geschlagen hätte.

Ja, sie hatte „nur mal eben“ gefragt. Aber die Herren in der Kneipe waren auch „nur mal eben“ laut geworden und wollten „nur mal eben“ in Ruhe weiterfeiern. Nicht vergleichbar?

Dann versuchen Sie doch mal, in Russland bei einem Polizeieinsatz der Polizei eine derartige Frage zu stellen. Die Begeisterung darüber, wenn ihnen ihr Job in einer derartigen Weise erklärt wird, dürfte sich da deutlich anders auswirken als hierzulande…

Um nicht missverstanden zu werden. Ich finde durchaus, dass hier auf einige Formen des Fehlverhaltens eine Konsequenz deutlich schneller und vielleicht auch in manchen Fällen härter erfolgen sollte. Das muss nicht unbedingt bei jedem Delikt eine knackige Gefängnisstrafe sein. Aber eine Geldbuße, wenn man Polizisten im Einsatz mit überflüssigen Fragen nervt, wäre aus meiner Sicht schon mal ein guter Anfang. Ich bin durchaus der Ansicht, dass die eine oder andere Strafe durchaus höher ausfallen dürfte und dass Judikative und Legislative da nacharbeiten sollten. Dennoch halte ich unreflektierte Forderungen nach einer Polizei, die hart durchgreift, vielfach für unausgegoren. Ich jedenfalls bin froh, dass unsere Polizei ist, wie sie ist – demokratisch legitimiert und rechtsstaatlich verfasst. Eine Polizei, die man hinterfragen darf.

 

Im Übrigen vergessen auch viele Leute, was es mit Menschen macht, die sehr oft zu ihren Waffen greifen (müssen). Ein Verrohungseffekt tritt ein, der auch die eigene Seele belasten kann. Die meisten Polizistinnen und Polizisten, mit denen ich ins Gespräch komme, haben ihren Beruf gewählt, um anderen Menschen zu helfen. Mir sagte einmal ein Polizist, der für eine gewisse Zeit mit einer ganzen Menge sehr grenzwertiger Menschen konfrontiert war: „Ich merke, dass ich im Umgang mit diesen Leuten selbst zum Arschloch werde. Ich will aber kein Arschloch werden.“

Darüber sollte der eine oder andere nachdenken, bevor er unreflektiert solche Forderungen in die Welt haut.

 

Um es kurz zu machen – mein Begleiter sagte der Dame, dass es derzeit keinen Anlass gäbe, etwas anderes zu tun als zu reden.

Gegen keinen der Herren lag etwas vor. Der Polizist, der die Abfragen gemacht hatte, verschwand mit den Ausweisen wieder im Lokal, Maurice redete weiter auf die Gruppe ein – und plötzlich standen sie auf und griffen nach ihren Jacken.

Es dauerte dann noch eine ganze Weile, bis die Herren Junggesellenverabschieder sich zur Tür geschafft hatten. Genug Weile, dass ein junger Mann den Polizisten, der schon der Dame ihre Frage beantwortet hatte, ansprechen konnte:
„Ich bin hier ganz hart am Wetten, dass ich auf ein Foto mit einem Polizisten komme.“

Übrigens eine Frage, die ich auch öfters stelle – aber nicht, wenn ganz klar ein Einsatz stattfindet.

Nun ja.

Der Polizist lehnte ab. Weil er gerade im Einsatz war und immer noch nicht klar war, ob die Truppe rund um den Junggesellen auf Abruf es wirklich problemlos aus der Gaststätte schaffen würde.

Und tatsächlich…

Zwar strömten sie alle auf die Straße, aber einer von ihnen schaukelte sich plötzlich hoch, dass er seinen Ausweis noch nicht wiederhätte. Er beschuldigte Maurice, seinen Ausweis einbehalten zu haben.

Die Situation wurde wieder kritisch.

„Ich habe Ihren Ausweis nicht.“

„Doch, natürlich. Und ich gehe hier nicht weg, bevor ich den nicht wiederhabe.“

Aggression lag in der Luft.

„Ich habe alle Ausweise Ihrem Kumpel gegeben, der X heißt.“

„Sie haben meinen Ausweis nicht irgendwem zu geben. Ich geh hier nicht weg, bevor ich meinen Ausweis nicht habe.“

Zu meiner Erleichterung trat X auf den Plan und reichte dem Herrn seinen Ausweis.

Der entschuldigte sich (!) und trollte sich.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Alkohol ist nicht wirklich hilfreich beim Verstehen von Situationen, die komplexer sind als das Anheben eines Bierglases…

 

Tatsächlich war dies nun der letzte Einsatz! Ich war sehr erleichtert, dass meine Herren es so lösen konnten.

Ich bewundere (mal wieder) die endlose Geduld, mit der sie die Sachlage gelöst haben. Aber sie haben sie gelöst. Mit den Mitteln, die sie hatten.

Ich fand sie jedenfalls mal wieder klasse, unsere Polizeibeamten. Danke dafür nach Mainz 1.

Landstuhl in der Westpfalz. Selbst ich als überzeugte Rheinland-Pfälzerin war erst zwei Mal dort.

Das erste Mal durfte ich die Bundespolizei Kaiserslautern in einer Nachtschicht begleiten. Bei einem der Einsätze ergab es sich, dass wir die Dienststelle der örtlichen Landespolizei aufsuchten, eben die Polizeiinspektion Landstuhl.

 

Wie es der Zufall wollte, erkannte mich ein junger Polizist, Kai, der mich schon mal in Ludwigshafen auf der Rückbank seines Streifenwagens gehabt hatte. Das wollte er gern nochmal wiederholen.

Da sagte ich nicht nein…

Zum einen reizte es mich, die Westpfalz auch mal um Kaiserslautern herum kennenzulernen. Zum anderen komme ich sehr gerne mit den Polizistinnen und Polizisten in den Streifenwagen ins Gespräch. Das ist mir mit das Wichtigste an meinen Schichtbegleitungen.

Möglicherweise habe ich seit meinem letzten Artikel über die Nachtschicht in Berlin den einen oder anderen Leser aus Berlin. Deshalb auch hier eine Parallele – was Landstuhl und andere Landdienststellen für Rheinland-Pfalz sind, ist möglicherweise eine Dienststelle im Grunewald für Berlin. Nur ist es hier in Rheinland-Pfalz viel, viel ländlicher.

Interessanterweise fand die Nachtschicht auch gerade mal zwei Wochen nach meiner Nachtschicht in Berlin statt.

 

 

„Na los, dann fahren wir mal in den Wald“, forderte Kai seinen Streifenpartner Janis und mich auf.

Die Polizeiinspektion Landstuhl ist nämlich unter anderem für den Raumschutz einiger US-amerikanischer Objekte zuständig, u.a. der Airbase Ramstein. Dafür hat sie nicht nur mehr Streifen als eine vergleichbar ländlich gelegene Dienststelle, sondern auch ein anderes Streifenwagenmodell, nämlich einen VW Tiguan.

 

Entsprechend seiner Bestimmung fehlt der zweite Rückspiegel und auch der Kofferraum ist mit weniger Materialen ausgestattet als der Normstreifenwagen. Aus meiner Sicht nur eine mäßig gute Idee, denn für uns Bürger ist Polizei drin, wo Polizei draufsteht. Uns ist es wurscht, ob der Streifenwagen, den wir zur Hilfe heranwinken, eigentlich dafür gedacht ist, über schlammige Waldwege zu fahren. Da unsere Polizeibeamten auch immer helfen, sind sie in diesem Fall leider unterausgestattet.

 

Wir waren gerade auf der Straße nach Ramstein, als wir einen Funkspruch bekamen.

„In einem Supermarkt in Ramstein scheint es einen Einbruchsdiebstahl gegeben zu haben. Fahrt da mal hin“, meldete die Leitstelle.

Guck an, das fängt hier an, wie es in Berlin aufgehört hat.

 

Mit zuckendem Blaulicht trieb Janis den Streifenwagen nach Ramstein. Das Martinshorn ist auf den wenig befahrenen Straßen dort weitgehend entbehrlich. Nur, wenn wir eine Kreuzung überqueren mussten, warf Kai es an.

„Auf dem Parkplatz steht noch ein Wagen, der kommt dem Anrufer komisch vor“, ergänzte der Funk.

 

Auf dem Parkplatz des Supermarktes erwartete uns ein junger Mann.

„Drinnen ist Licht an und ein Regal ist umgekippt“, teilte er mit. Er war sichtlich aufgeregt. „Ein Alarm ist aber nicht angesprungen. Das würde jedoch passieren, wenn einer die Fluchttüren benutzt.“

Kai runzelte kurz die Stirn.
„Dann ist der vielleicht noch drin.“

Sofort begannen meine beiden Herren, den Supermarkt zu umstellen. Das hört sich vielleicht merkwürdig an – ist aber machbar. Zumindest wenn die Gegebenheiten so sind wie an diesem Supermarkt und eine gewisse Ortskenntnis vorhanden ist. Was bei Kai der Fall war.

Er wusste, dass man nur an drei Seiten aus diesem Supermarkt herauskonnte – also genügte es vorerst, sich an zwei Ecken davon zu postieren.

Blieb also nur die Frage – wer nimmt die Personenkontrolle der Personen in dem PKW vor, die dem Anrufer so komisch vorgekommen waren?

Kai gab den aktuellen Stand der Dinge im Funk durch.

Die zweite Streife fuhr auf den Parkplatz auf und kontrollierte den PKW – ohne Ergebnis. Offensichtlich waren die Insassen rein zufällig auf diesem Parkplatz gewesen. Mir persönlich wird sich niemals erschließen, was so attraktiv an Parkplätzen ist.

„Übrigens – ich hab da in dem Supermarkt einen gesehen“, fiel dem Melder plötzlich ein.

Ach so? Und das konnte man nicht schon beim Absetzen des Notrufs mitteilen?

Kai blieb stoisch gelassen und orderte noch mehr Verstärkung nach.

 

Nach und nach trudelten zwei weitere Streifen ein sowie die Geschäftsführerin des Marktes.

„Wieso kam denn da kein Alarm, wenn da einer drin ist?“ wollte Kai wissen.

„Och, den haben wir vermutlich vergessen, scharf zu schalten.“

 

Ein Hundeführer meldete sich auch für den Einsatz an.

Die Temperaturen sanken mittlerweile deutlich unter Null – für mich als Weichei aus der Rheinschiene schon wirklich eisige Kälte. Dazu kam ein schneidender Ostwind sowie eine vergleichsweise hohe Luftfeuchte.

Offensichtlich merkte Kai mir an, dass ich fror.
„Du kannst gern im Streifenwagen warten.“

Nix da.

Ich fand das Angebot sehr, sehr nett, lehnte es aber ab.
„Mitgefangen, mitgehangen.“

„Das dauert aber noch ein Bisschen, bis der Hundeführer hier ist. Der ist eben noch in Kaiserslautern geblitzt worden.“

Zwar ist das für den Hundeführer nicht lustig, denn er würde dafür eine Stellungnahme verfassen müssen – aber grinsen musste ich trotzdem. Und draußen blieb ich auch.

Es geht ja nicht darum, bespaßt zu werden. Zwar habe ich Spaß an Schichtbegleitungen, sonst würde ich mir nicht so oft Nächte um die Ohren schlagen – aber das ist nur die positive Nebenwirkung. Eigentlich geht es ja u.a. darum, mitzubekommen, wie Polizeiarbeit geht. Wenn diese Polizeiarbeit darin besteht, sich zwei Stunden lang vor einem Supermarkt einen abzufrieren, dann friere ich mir eben zwei Stunden lang einen ab. Frei nach dem indianischen Sprichwort: „Urteile nie über einen anderen, bevor du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist.“ Und der Mond ist noch lange nicht voll…

 

Schließlich traf der Hundeführer ein. Er selbst, sein Hund und Kai nahmen eine erste Durchsuchung des Supermarktes vor.

Dabei lösten sie einen Alarm in der dem Supermarkt angehängten Bäckerei aus.

„Können Sie das abstellen?“ fragte einer der Polizisten die Geschäftsführerin. Zumindest las ich das an seinen Lippen ab, denn das Heulen der Alarmanlage war nahezu undurchdringlich.

Sie schüttelte den Kopf.
„Da ist ein anderer zuständig.“

Na prima. Die Mokassins waren gerade äußerst unbequem.

Zwischendurch entstand Hektik, weil sich jemand in der Nähe des Supermarktes bewegte. Einige Polizisten rannten los. Die Geschäftsführerin hinterher. Dahinter dann ich.

Plötzlich schlug die Geschäftsführerin lang hin.

Ich blieb stehen.
„Alles in Ordnung?“

„Ja.“

Sie stand auf, ich blieb bei ihr. Einige Polizisten blickten sich kurz um, sahen, dass ich mich kümmerte, und rannten weiter.

Gut so. Ich war also nicht ganz überflüssig und musste nicht hinter im Vergleich zu mir sehr sportlichen Menschen herhecheln. Und passiert war der Dame auch nichts. Besser konnte es nicht laufen.

Letztlich erwies sich der plötzliche Aufbruch der Beamten als Fehlstart, denn es war nur ein Passant gewesen.

Die Durchsuchung dauerte an. Irgendwann hörte der Alarm auf zu jaulen.

Während wir draußen warteten, strategisch um den Supermarkt verteilt (ich positionierte mich neben Janis, um nicht im falschen Streifenwagen zu landen, schließlich wollte ich noch die Airbase Ramstein aus der Nähe sehen… 😉 ), kam ein Trupp Jugendlicher vorbei.

„Haben Sie eine Zigarette, bitte?“

Jeder, der um diesen Supermarkt herumstand, kam in den Genuss dieser Frage. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Immerhin hatten sie sich ja der Höflichkeitsform befleißigt. In Ludwigshafen hätte die Frage wahrscheinlich schon „Haste mal ’ne Kippe?“ gelautet. Dennoch finde ich es nach wie vor grenzwertig, Polizisten im Einsatz anzuquatschen.

 

Der Diensthund fand niemanden, also rückte der Hundeführer wieder ab. Das umgefallene Regal entpuppte sich als ein Haufen leerer Kartons, der für die Nacht in Sichtweite des Eingangs hingeworfen worden war.

Symbolfoto

 

Bei einer zweiten Absuche durfte ich mit in den Supermarkt – was ich mal wieder äußerst spannend fand. Ich hatte noch nie ein Lager oder einen Kühlraum gesehen.

Auch diese Suche blieb ergebnislos. Mir drängte sich der Verdacht auf, dass da einfach einiges vergessen worden war. Licht aus- und Alarm einschalten bspw.

Letztlich schaltete die Geschäftsführerin den Alarm wieder scharf und wir verließen den Einsatzort.

Übrigens trafen wir zum letzten Einsatz der Nacht noch einmal dort ein – weil der Alarm durch die morgens früh eintreffenden Angestellten ausgelöst wurde. Nun drängte sich mir auch noch der Verdacht auf, dass möglicherweise das Einschalten des Alarms der Ausnahmezustand war.

Wie dem auch sei, dem Mitarbeiter gebührt aus meiner Sicht dennoch ein Lob für seine Aufmerksamkeit. Andere sehen weg und irgendwann wird der Laden wirklich ausgeräumt.

 

 

Das Umstellen eines Gebäudes, in dem man einkaufen kann, sollte nicht die einzige Parallele zu meiner Berliner Nachtschicht bleiben.

„In einem Schnellrestaurant machen sechs Jugendliche Ärger. Die haben sich selbst bedient und bezahlen das jetzt nicht.“
Das meldete der Funk, als wir gerade einmal die Airbase Ramstein umrundet hatten.

„Verstanden“, bestätigte Kai. „Bei sechs hätte ich gern noch eine weitere Streife.“

Das fand ich schon gut, als ich es hörte. Im Schnellrestaurant selbst fand ich es noch besser, denn die sechs „Jugendlichen“ entpuppten sich als Mitglieder und Roadies einer Art Gangsta Rapper Band aus einer der größten deutschen Städte. Ziemliche Kanten. Und vor der Tür stand noch ein Tour-Bus mit einer unbekannten Anzahl an weiteren Kleiderschränken. Nach allem, was ich mitbekam, waren sie auch durchaus bereit, an ihrem Gangster-Image durch entsprechende Einträge in die polizeilichen Datenbanken dieser Republik noch weiter zu feilen.

Einer der Herren hatte sich also an einer Theke, die ganz eindeutig keine Selbstbedienungstheke ist, selbst bedient. Er war sogar bereit, das Stück Kuchen zu bezahlen. Allerdings besagen die Hygienevorschriften des Schnellrestaurants, dass das ganze Blech weggeworfen werden muss, wenn sich ein Kunde daran vergreift. Das ganze Blech wollte der Missetäter aber nun nicht bezahlen.

Nach und nach rückten, zu meiner Beruhigung, wieder insgesamt vier Streifen ein.

Leider bekam ich nicht genau mit, WAS Kai sagte (ich war zwar in der Nähe, hörte aber leider wenig), seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen war er jedenfalls weiterhin stoisch gelassen und sehr ruhig.

 

Ein Vertreter der Dorfjugend betrat das Etablissement und hielt sich in sicherem Abstand hinter den Polizisten auf. Einer der Beamten wollte ihm einen Gefallen tun:
„Sie können gerne durch.“
Er lehnte ab und verwies darauf, dass er Angst vor den Gangsta Rappern habe. Für mich durchaus nachvollziehbar.

Dennoch rückte er neugierig ein paar Schritte vor und landete so neben einem weiteren Polizisten. Der bedeutete ihm ebenfalls, er könne gerne vorbei.

„Bleiben Sie mal ruhig“; war die Antwort.

Hä?

Nicht nachvollziehbar.

Niemand war unruhig geworden. Im Gegenteil waren die Polizisten höflich zu ihm gewesen. Vielleicht fühlte der junge Mann sich davon angepisst, dass er zweimal angesprochen wurde – aber woher sollte der zweite Polizist wissen, was mit dem ersten besprochen worden war.

Außerdem kann ich es auf den Tod nicht ausstehen, wenn jemand auf eine solche Art arrogant wird.

Wie man es als Polizei macht, macht man es falsch.

Dem hätte ich gerne ein paar Takte dazu gesagt, aber ich sage ja nie etwas im Einsatz, um keine zweite Front zu eröffnen. Das übernahm in diesem Fall aber gerne der junge Mann im Verein mit zwei weiteren Exemplaren der Dorfjugend – als sie nämlich zu dritt auf einen der Kleiderschränke zugingen und ihm mitteilten.
„Das hier ist unsere Heimat. Und wir wollen hier einfach nur essen.“

Ich griff nach meinem Handy und entsperrte es unauffällig – immer bereit sein, Verstärkung herbeizutelefonieren. Zum Glück erwies sich das als unnötig.

 

Kais Ansprache und die Präsenz der weiteren Polizisten zeigte Wirkung. Die Bandmitglieder verließen das Etablissement. Die Auseinandersetzung würde zivilrechtlich geklärt werden müssen. Die Polizei hatte dafür gesorgt, dass der Personalienaustausch ordnungsgemäß stattfinden konnte, dann eskortierte sie die Band zu ihrem Tourbus. Dem just in diesem Moment ein weiblicher Fan entstieg, komplett in Ekstase vom Leadsänger umarmt worden zu sein. Hach ja. Das konnte ich nachvollziehen. Auch wenn ich in dem Alter Fan einer anderen Musik war…

Die Beschriftung des Busses löste bei einem der Polizisten echte Begeisterung aus. Später im Streifenwagen outete sich Janis als Kenner und zeigte uns kurz zwei Minuten eines Musikvideos der Band. Wobei seine Begeisterung eher ironisch war – sein Rapgeschmack ist anders. Kais Musik schien es auch nicht so zu sein. Meine übrigens auch nicht. Rap generell nicht. Aber das ist ja wurscht.

Fakt ist, dass die äußerst unterschiedlichen Reaktionen meiner Begleiter auf Band, Bus und Musik mal wieder zeigen, was ich immer wieder sage – in den Uniformen stecken höchst individuelle Menschen.

 

„Und? Was haben sie dir in Landstuhl gezeigt?“
Diese Frage stellten mir im Nachgang nach die Nachtschicht mehrere Polizisten, u.a. ein Bundespolizist, den ich zufällig privat auf der Heimfahrt im Bahnhof Kaiserslautern traf.

Bis auf zwei Ausnahmen, wenn ich beim Erzählen bei der Umrundung der Airbase Ramstein zwischen diesen beiden Einsätzen ankam und das Wort „Raumschutzstreife“ in den Mund nahm, schauten sie mich mit einem eher mitfühlendem Blick an.
„Oh! Raumschutzstreife!“

Auch Janis und Kai schienen sich nicht ganz sicher zu sein, ob ich mich angemessen unterhalten fühlte. Und das, obwohl Kai mir bei unserem Zufallstreffen diesen Raumschutz als Besonderheit der PI Landstuhl benannt hatte.

Nun ja, was soll ich sagen?

Ich fand es SUPERSPANNEND. Das meine ich keineswegs ironisch.

Allein schon aus historischen Gründen war ich durchaus hingerissen. Ramstein Airbase ist die größte Einrichtung der US Air Force außerhalb der USA – und das in dem Bundesland, in dem ich aufgewachsen bin und lebe. Eigentlich schon fast peinlich, dass ich noch nie dort war.

Zudem bin ich ja schon ein paar Tage älter und erinnere mich sehr gut an 1988. Im August fand dort bei einer Flugshow ein Unglück statt. Drei Jets einer italienischen Kunstflugstaffel kollidierten und stürzten in die Menge. Insgesamt starben 70 Menschen, hunderte wurden verletzt.

Obwohl ich das damals nur im Fernsehen sah (und in den 80ern war Katastrophenfernsehen noch weit weniger auf Schock getrimmt als heutzutage) ging mir das massiv unter die Haut. Erst wenige Tage vorher war ich selbst auf einer Flugshow eines Standorts der bundesdeutschen Luftwaffe gewesen. Das werde ich sicherlich nie vergessen.

Last but not least mochte ich immer Harrison Ford, entsprechend habe ich das eine oder andere mal „Air Force One“ gesehen. Das war schon interessant, mal einen Blick auf einen der Handlungsorte zu werfen.

Andererer Einsatzort – aber so sahen die besseren Wege um die Airbase aus.

 

Wir waren übrigens gut eine Stunde unterwegs, um die Airbase einmal zu umrunden. Teilweise passierten wir dabei sehr ausgesetzte Wege. Auf einigen hatte ein Förster großzügig Holzschnitt verteilt. Wir begannen beim West Gate, kamen dann zum East Gate und letztlich passierten wir das LVis Gate, von dem Kai und Janis schon vorher ein paar Mal gesprochen hatten.

„Ach! LVis Gate. Ich hatte gedacht Elvis. Wie Presley“, entfuhr mir.

Damit konnte ich zwei so junge Männer zum Lächeln bringen. Was zeigt, was für ein großer Künstler Elvis war.

Wir sahen übrigens nichts Verdächtiges. Außer dieser Gestalten:

 

Zusätzlich gab es einige Verkehrskontrollen. Bis auf ein kaputtes Rücklicht, für das eine Mängelkarte ausgestellt wurde, verhielten sich alle vorschriftsmäßig. Offensichtlich baut die PI Landstuhl da seit einiger Zeit einen gewissen Kontrolldruck auf, so dass die Leute sich Trunkenheitsfahrten verkneifen.

 

Im Laufe der Nacht passierten wir auch einen Spielplatz, auf dem sich gelegentlich Drogengeschäfte abspielen. Als wir eintrafen, fanden wir nur eine Flasche Cola und etwas Alkohol. Dass die Cola noch nicht gefroren war, schien darauf hinzudeuten, dass sie noch nicht allzu lange dort stand.

Tatsächlich stießen wir auf zwei Verdächtige, die meine Herren auch gleich einer Personenkontrolle unterzogen. Einen der beiden hatten sie auch schon mal mit Drogen erwischt. Dieses Mal hatte er aber nichts dabei, sein Kumpel auch nicht. Also ließen sie die beiden ziehen.

 

Alles in allem war das eine für mich sehr spannende Nacht und mal wieder sehr gut für meine Motivation.

Danke für die spannenden Einblicke und den supernetten Empfang! Und danke, Kai, für den Vorschlag! Das war eine tolle Idee.

 

In den letzten Monaten hatten wir so ein bisschen das Gefühl, dass sich die Presse ingesamt derartiger Situationen mit deutlich mehr Zurückhaltung annehmen würde als früher.

Dieser Eindruck ist allerdings durch die Berichterstattung über den tödlichen polizeilichen Schusswaffengebrauch in Fulda komplett zunichte gemacht worden. Nach wie vor gibt es durchaus einzelne Presseprodukte, die umfassend berichten, ohne Vorverurteilung der eingesetzten Polizeibeamten. Andere eher weniger.

Es begann mit einer Aussage einer Reporterin von n-tv, man müsse prüfen, ob die Schussabgabe der Polizei nicht vielleicht rassistisch motiviert gewesen sei. Diese Aussage fiel bereits am 13. April – dem Tag des Geschehens selbst. Damit war dann die Jagd sozusagen eröffnet.

Gut, es wurde erst drei Tage später genauer bekannt, welches Szenario die Polizei am Einsatzort vorfand – einen mit einem Stein am Kopf schwer verletzten Bäckereiausfahrer. Ein Polizist ist mit dem 19-Jährigen in ein „Gerangel“ gegangen, dabei wurde dem Polizisten der Schlagstock entwendet und der Polizist schwer am Arm verletzt.

Das ging weit über „harmlose“ Randale hinaus. Man muss schon der Realität ziemlich weit entrückt sein, um die Idee zu haben, dass in einer solchen Einsatzlage ein Polizist sich ernsthaft Gedanken über die Herkunft des Angreifers macht, bevor er zur Waffe greift.

Am 16.04. überschlugen sich diverse Medien mit der Feststellung in diversen Artikelüberschriften, dass insgesamt 12 Schüsse abgefeuert wurden. Diese Information reicht den meisten Menschen mit unbedingtem Willen zur Empörung dicke aus, um genau zu wissen, dass dieser Polizist nicht rechtmäßig gehandelt haben kann. Erst weiter unten im Artikeltext findet man dann die Information, dass es sich bei einigen der Schüsse um Warnschüsse gehandelt haben dürfte. Übrigens ein ziemlich gutes Indiz dafür, dass der Schusswaffengebrauch rechtlich durchaus im grünen Bereich gewesen sein dürfte, dafür muss man allerdings einen Blick ins Gesetz tun und nicht aus dem Bauch heraus irgendetwas absondern, was gerade durch den Kopf springt.

Bis hierher habe ich übrigens nichts darüber geschrieben, dass der 19-Jährige ein Afghane war, weil ich ehrlich gesagt den unbedingten Willen zur Empörung gegen alles, was nicht deutsch ist, genau so daneben finde. Diese Verallgemeinerei hilft keinem Menschen weiter und macht die Sache nur noch schlimmer, weil es irgendwann nämlich dann gar nicht mehr um den Vorfall an sich geht, sondern sich beide Seiten nur noch ihre Stereotypen um die Ohren schlagen. Sowohl der 19-Jährige als auch der Schütze werden durch solche Diskussionen einfach nur missbraucht.

Der Vorsitzende des Fuldaer Ausländerbeirats, Abdulkerim Demir, bezeichnete gegenüber dem Portal Osthessen-News das Verhalten der Polizei als „aggressiv“ und „gänzlich falsch“. War er als Augenzeuge dabei, oder was befähigt ihn zu einer derartigen Aussage? Ist er ausgebildeter Polizist? Bei allem Verständnis dafür, dass man die Interessen einer bestimmten Gruppe vertritt – es gibt echt Grenzen.

Der Vorsitzende Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte Hessen, Enis Gülegen, forderte eine lückenlose Aufklärung sowie eine Prüfung der Verhältnismäßigkeit des Schusswaffengebrauchs zu prüfen. Für Herrn Gülegen eine gute Nachricht: Das ist in Deutschland bei unnatürlichen Todesfällen, also auch bei polizeilichen Schusswaffengebräuchen, generell üblich. Es wird immer ein Ermittlungsverfahren durch die Staatsanwaltschaft eingeleitet. Deutschland ist nämlich ein Rechtsstaat und das ist auch gut so. Wir von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. sind übrigens große Freunde dieser Verfahren, die Gründe dafür haben wir schon oft genug dargelegt. Einer davon ist der, dass die Verarbeitung für die betroffenen Polizisten einfacher ist, wenn eine unabhängige Instanz draufsieht und bescheinigt, dass der Schusswaffengebrauch juristisch gerechtfertigt war. Entgegen der obskuren Vorstellungen, die manch einer über unsere Polizisten und Polizistinnen zu haben scheinen, will nämlich keiner von ihnen die Schusswaffe in die Hand nehmen. Keiner von ihnen tritt an, um Leben zu beenden.

Hier nun einige Links zur Debatte. Lobend hervorheben möchte ich dabei die Statements des Staatsanwaltes Harry Wilke sowie des LKA-Sprechers Christoph Schule, die versuchen, mit Sachlichkeit gegen die ins Kraut schießenden Spekulationen anzugehen.

https://www.hersfelder-zeitung.de/hessen/getoeteter-mann-in-fulda-polizist-schoss-zwoelf-mal-9786536.html

http://www.fr.de/rhein-main/landespolitik/schuesse-aus-polizeipistole-zwei-von-vier-kugeln-waren-toedlich-a-1487884?GEPC=s5

Unsere Gedanken sind bei den eingesetzten Polizeibeamten. Wie mag es ihnen damit gehen, einer derartigen Hexenjagd ausgesetzt zu sein? Hoffentlich finden sie ausreichend Ruhe, um den Einsatz für sich nachzubearbeiten, denn – auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – keine Polizistin und kein Polizist tritt an, um Leben zu nehmen.

Wedding – sozusagen das Ludwigshafen von Berlin. Nur noch krasser – um es mal für den Rheinland-Pfälzer runterzubrechen. Die meisten meiner Leser wissen damit vermutlich, was ich meine…

Im Wedding tut Dirk Dienst. Dirk ist stellvertretender Vorsitzender von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. und Polizist. Mindestens einen Polizisten wollen wir im Vorstand, um das Ohr an der Zielgruppe unseres Vereins von Bürgern für Polizisten zu haben.

In einer Nacht Anfang Februar durfte ich im Abschnitt 35 im Wedding eine Nachtschicht begleiten. Dabei stellte ich einige Unterschiede fest. Keinen Unterschied gab es übrigens im herzlichen Empfang. Danke dafür! Ich war auch sehr gern bei Euch!

Daheim war gerade Karneval, was in Berlin nur in wenigen Subkulturen, mehr oder weniger unbemerkt, gefeiert wird.

Mein Streifenteam bestand natürlich aus Dirk sowie aus Rüdiger, beide um die 50.

Dirk, Rüdiger und ich

Überhaupt fiel mir auf, dass in der anwesenden Dienstgruppe mehr ältere Beamte waren als ich sie in Ludwigshafen, dem einzigen wenigstens im Ansatz vergleichbaren Dienstgebiet in Rheinland-Pfalz, zu sehen bekomme. In anderen Bundesländern ist es oft so, dass ältere Beamte sich aus dem Schichtdienst in den Stadtdienststellen wegbewerben und in eher ruhigeren Landdienststellen landen. Eine Vorgehensweise, die sich in Berlin eher schwierig gestalten dürfte…

Wer regelmäßig bei mir mitliest, weiß auch, dass „ruhigere Landdienststellen“ keine Wertung enthält. Meine Heimatdienststelle steht bei mir ganz hoch im Kurs, da ich weiß, was für eine fantastische Arbeit die leisten. Ich bin stolz auf „meine“ Landdienststellen in meinem Bundesland. (Ihr seid der Grund, warum ich nachts ruhig schlafen kann.)

 

Nun aber zum Geschehen im Funkwagen im Wedding.

Zuerst einmal fiel mir auf, dass der Funk zwar lebhaft war, aber gar nicht mal so viel lebhafter als in den rheinland-pfälzischen Städten. Das liegt wohl daran, dass in Rheinland-Pfalz immer die ganze Direktion im Funk zu hören ist.

Hier in Berlin waren drei Abschnitte zu einem Funkkreis zusammengeschaltet.

Dirk hatte noch ein zusätzliches Funkgerät dabei, das er auf den Funkkanal des Nachbarfunkkreises einstellte. Eine sehr vorausschauende Idee, denn plötzlich entschied er:

„Wir fahren da mal hin.“

Mit Blaulicht und Martinshorn ging es los zu einem Schnellrestaurant. Das Grundstück des Schnellrestaurants gehört zum Dienstgebiet des Abschnitts 35, die Straße davor zum Dienstgebiet im Nachbarfunkkreis. Entsprechend war der Notruf beim Nachbarabschnitt aufgelaufen.

 

„Wir dachten zuerst, die kämen von einer Karnevalsparty. Wegen der Masken. Bis die ihre Messer zogen“, gab eine junge Frau zu Protokoll. „Als ich das kapierte, schrie ich nur noch ‚Raus hier, raus hier!'“

„Ja, und ich verstand das erst gar nicht. ‚Ich will meinen Burger‘, hab ich gesagt“, ergänzte eine weitere Zeugin.

Beiden zitterte die Stimme. Verständlich.

Zwei Männer waren in den McDonalds bekommen, einer hatte offensichtlich den Rückzugsweg überwacht, der andere sofort den Kassierer bedroht. Auf der Kasse selbst war eine Kerbe zu sehen, wo der Täter mit dem Messer auf die Kasse eingestochen hatte, um seine Forderung zu verstärken.

„KASSE AUF!“

Nun war er an einen nigelnagelneuen Angestellten geraten, der nicht die leiseste Ahnung hatte, wie diese Kasse zu öffnen sei. Das versuchte er auch klarzumachen. Nun ist aber auch ein Mensch, der gerade einen bewaffneten Raubüberfall vornimmt, nicht schlecht unter Adrenalin – also voll auf Instinkten. Logisches Denkvermögen – Fehlanzeige!

„KASSE AUF!“

Ein weiterer Mitarbeiter stürzte mit einem Messer und einem Spachtel, mit dem man die Pattys (so heißen die Frikadellen, die in die Burger kommen) ablöst, aus dem Küchenbereich nach vorne und lief auf den Räuber an der Kasse zu.

Beide Täter ergriffen die Flucht durch zwei unterschiedliche Türen.

 

Als erstes löste Dirk die beiden Beamten des (im Gebäude unzuständigen) Nachbarabschnitts aus dem Einsatz, dann veranlasste er die Schließung des Restaurants.

„Im Bereich der Kasse nichts mehr anfassen“, hieß die Parole des Tages – die sich leider beim einen oder anderen nicht setzte.

 

Die Kunden, die auch Zeugen waren, durften bleiben und bekamen auch noch serviert.

Ein Vater und seine Tochter hatten die Räuber auch noch über ein paar Straßen verfolgt, deswegen war auch der Notruf falsch aufgelaufen.

Der Geschäftsführer, der gleich mehrere Filialen in Berlin betreut, kam hinzu.

Eine Zivilstreife half bei dem Vernehmungen der Zeugen und dem Aufnehmen der Personalien.

Parallel dazu unternahmen Streifen draußen vor Ort eine Nahbereichssuche nach den Tätern.

Dirk nahm mich mit zur Vernehmung des Personals im Sozialraum. Auf die Art bekam ich auch mal ein Schnellrestaurant hinter der Theke zu sehen, was ich mal wieder äußerst spannend fand. Es war übrigens alles pieksauber.

Der Angestellte, der seinerseits den Täter verscheucht hatte, gab noch einmal seine Geschichte zum Besten. Innerlich schlug ich die Hände über dem Kopf zusammen.

Da hätte ja Gott weiß was bei rauskommen können…

Auch Dirk sah diese Aktion kritisch:
„Was hätten Sie denn gemacht, wenn der Räuber eine Schusswaffe bei sich gehabt hätte? Man geht nicht mit dem Messer zu einer Schießerei.“

Der Angestellte wirkte insgesamt nicht wirklich überzeugt. Ich hoffe für ihn, dass er niemals in einer Berliner Polizeipressemitteilung auftaucht…

Kurz darauf, wir befanden uns wieder vorm Tresen, trafen Kriminalpolizisten ein, die sich u.a. um die Spurensicherung kümmern würden.

„Was kommt denn da? Eure Jugendbrigade?“ ließ sich einer der Anwesenden vor Ort vernehmen.

Wie bist du denn drauf?

Ja, da kamen in der Tat tatsächlich drei Männer, die altersmäßig deutlich unter Dirk, mir oder demjenigen Mitbürger lagen, der diese Frage gestellt hatte. Was im Übrigen keine Kunst ist.

Das aber mit einem Unterton zu unterlegen, der zu besagen schien, dass Jugend und Kompetenz sich automatisch widersprechen… wie sinnentleert…

 

Nachdem alle Zeugen vernommen und ihre Personalien aufgenommen worden waren sowie die Kriminalpolizisten ihre Tätigkeiten zur Spurensicherung verrichteten, rückten wir wieder ab.

 

 

Die Nacht neigte sich ihrem Ende zu. Im Funk hörten wir, wie im Nachbarabschnitt zwei Männer festgenommen wurden, die offenbar einen Einbruchsdiebstahl begehen wollten. Ein dritter Komplize war noch flüchtig. Das Einkaufszentrum, in dem der Einbruch begangen werden sollte, wurde umstellt.

„Da fahren wir auch mal hin“, entschieden meine beiden Herren.

Blaulichtfahrt.

Nun ist der Verkehr in Berlin auch zu nachtschlafender Zeit so, dass man das Martinshorn nicht abstellen kann. In der gesamten Republik scheint ein Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn für einen Fahrer an einer roten Ampel keinen Grund darzustellen, mal Platz auf der Fahrbahn zu machen. Oder auch an anderen Orten.

Ich bekam einige interessante Flüche in breitestem Berlinerisch zu Gehör.

Das Einkaufszentrum befindet sich neben dem S-Bahnhof Gesundbrunnen. Es ist riesig. Entsprechend waren sicherlich gut 30 – 35 Polizeibeamte erschienen, die es umstellt hatten. Auch ein Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei war gekommen. Das war ein sehr, sehr beeindruckender Anblick für mich.

 

Allein eine Front des Einkaufszentrums wurde von drei Streifenwagen abgedeckt, Das sollte ich kurz darauf einmal ganz anders erleben.

Doch bleiben wir in Berlin-Gesundbrunnen.

 

Vorgeschichte: Ein aufmerksamer Bürger hatte gesehen, wie drei junge Männer über einen Zaun kletterten. Das war ihm komisch vorgekommen und er hatte die Polizei angerufen.

Es war die Festnahme erfolgt sowie die Umstellung des Gebäudes.

Den Zaun zeigten uns andere Beamte.

„Die müssen wahnsinnig gewesen sein“, stellte Dirk fest. Da konnte ich ihm nur beipflichten. Der Zaun war so gebaut, dass man eigentlich nicht drüberklettern KONNTE. Mit schweren Stahldornen – und an einer Seite ging es gute sechs Meter nach unten.

 

Vom dritten Mann lag derzeit nur eine Smartphone-Nachricht vor: „Ich bin hier umzingelt von Polizei.“

Das ließ den Schluss zu, dass er irgendwo im Einkaufszentrum war. Mutmaßlich im Parkhaus.

Dieses wurde letztlich von acht Bereitschaftspolizisten durchsucht, von denen jeder mit einer Maschinenpistole bewaffnet war.

Leider war er nicht mehr aufzufinden. Vielleicht hatte er sich doch ganz woanders in Sicherheit gebracht – und sich nur blöd ausgedrückt. Manche fühlen sich ja schon „umzingelt von Polizei“, wenn in 50 Meter Entfernung eine Streife vorbeiläuft oder wähnen sich im „Polizeistaat“, wenn mal ein Streifenwagen irgendwo steht…

Letztlich rückten wir ab.

 

 

Natürlich war das nicht alles für diese Nacht. Immerhin spielt die in Berlin:

 

Es gab zwei Einsätze wegen Schlägereien am Leopoldplatz. „Fliegende Flaschen“ spielten eine Rolle im Funk.

Einer der Eingangsbereiche der dortigen U-Bahn-Station ist im Winter ein beliebter Aufenthaltsort der örtlichen Trinker-Szene. Es ist warm, es ist trocken und man kommt recht schnell an Nachschub.

Alkohol ist ja generell dem menschlichen Denkvermögen nicht förderlich, schon gar nicht, wenn man sowieso gerade ganz unten angekommen ist. Entsprechend eskalieren die Gespräche unter Trinkbrüdern regelmäßig, einer der ortsansässigen Geschäftsleute ruft die Polizei und die rückt ein.

In unseren Fällen mit sieben Streifenwagen. Innerhalb von drei Minuten.

„Meine“ Landdienststellen wären begeistert.

Nicht mal die Hälfte der in drei Minuten angerückten Streifen.

 

Beide Male war bei Eintreffen der Funkwagen bereits alles wieder ruhig. Die Verbrüderungen gehen in diesem Kreise genau so schnell wie die Eskalationen.

Einer der Herren interessierte sich sehr für das Patch von „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“, das ich im Einsatz immer trage, um mich kenntlich zu machen. Mir sind schwer alkoholisierte Menschen immer unheimlich, weil ich sie nicht einschätzen kann. Ich ließ es aber zu, dass er sich das genauer ansah. Weil ich dankbar für jeden Menschen bin, der sich für mein Herzblut-Thema interessiert. Weil ich kein Quell neuen Ärgers für die anwesenden Polizisten sein wollte. Und weil ich genau sah, dass einer von Dirks Kollegen die Situation ganz genau im Blick hatte. Mir würde hier nichts passieren.

 

Zwölf Stunden vorher war ich hier noch umgestiegen auf dem Weg zum „Frühshoppen“ im Touristenviertel… und hatte zwar grob daran gedacht, dass ich nachts diesem Bahnhof sicherlich noch einmal begegnen würde. Aber nicht in solchen Details. Wir alle wissen gar nicht, was die Polizei Tag für Tag für Tag für uns alle tut – entsprechend wissen es leider auch nur wenige zu schätzen.

 

 

Wir hatten ebenfalls einen Einsatz wegen eines Mannes, der in einer Gaststätte um die Ecke der Dienststelle seine Frau verprügelt hatte.

„In der Kneipe sind einige Jahre Knast versammelt“, klärte Dirk mich auf.

Eine erfolglose Nahbereichssuche schloss sich dem an.

 

Dirk und Rüdiger nahmen eine Anzeige wegen Unfallflucht auf.

 

Ein Fahrer, der meinte, bei gelb noch kräftig Gas geben und um eine Kurve hämmern zu müssen, wurde kontrolliert. Wieder einmal kam ich in den Genuss, die unendliche Geduld eines Polizeibeamten in der Diskussion mit einem weitgehend uneinsichtigen Mitbürger zu bewundern. Mir geht ja nur sehr wenig mehr auf die Nerven als Menschen, die objektiv vorhandene Gesetze abbügeln mit Wendungen wie „Meine Meinung ist eine andere.“ Mag ja sein, mir gefallen auch nicht alle Gesetze. Eine Gesellschaft, die funktionieren soll, braucht aber Spielregeln. Wenn jeder jede Spielregel mit seiner Privatmeinung außer Kraft setzen könnte, dann bräuchten wir auch keine. Und auch keine Polizei. Dann würden wir alle ein sehr spannungsgeladenes und äußerst unsicheres Leben in der Anarchie führen. Allerdings nicht sehr lange – es würde sich sicherlich irgendein Babo finden, der gern in dieses Machtvakuum hineinstößt – und ob dessen Regime dann angenehmer ist als ein demokratischer Rechtsstaat, das wage ich mal zu bezweifeln. Da bezahle ich dann doch lieber meine Bußgelder, wenn ich mal meinen Bleifuß nicht so recht im Griff hatte, und gönne mir und dem erhebenden Beamten ansonsten einen ruhigen Resttag.

Dirk hingegen gab alles, um Einsicht zu erzeugen. Am Ende hatte er sogar ein bisschen Erfolg. Hoffen wir, dass die Einsicht auch nachhaltig war.

 

Zum Abschluss möchte ich noch auf einen Unfall zu sprechen kommen. Die Unfallverursacherin hatte sich selbst bei der Polizei gemeldet. Sie hatte beim Einparken ein weiteres Auto touchiert.

Dirk und Rüdiger nahmen den Unfall auf. Während Rüdiger noch mit der jungen Dame und dem Zeugen redete, suchten Dirk und ich die Fahrzeughalterin auf.

Auf der Suche nach der Fahrzeughalterin

 

Dort war Dirk erstmal kurzfristig für eine halbe Minute abgelenkt, die Dame öffnete nämlich mit einem riesigen hübschen Kater auf dem Arm. Dirk als Katzenfan musste da erstmal einen kurzen Flirt einlegen. (Sagte ich schon mal, dass in Uniformen Menschen stecken? Falls nicht, wiederhole ich das hier gerne nochmal…)

 

Alles in allem endete das Ganze freundlich. „Hauptsache, es ist niemandem etwas passiert und nur ein Blechschaden“, lautete die allgemeine Formel und am Ende verabredeten sich Unfallbeteiligte und Zeugen noch zum Kaffeetrinken. Auch das ist Berlin!

 

Diese Nachtschicht war für mich sehr interessant. Die Berliner Polizei, besonders der Abschnitt 35, hat einen ganz großen Fan in mir. Ihr wart einfach klasse.

Ich habe freundliche, zugewandte und professionelle Polizisten bei der Arbeit gesehen. Vor dem Hintergrund ist es nicht nachvollziehbar, was bei den Menschen, die bei der Berliner Polizei arbeiten, am Ende des Monats auf dem Gehaltszettel zu stehen kommt. Oder der Bezügemitteilung, um im korrekten Beamtendeutsch zu bleiben.

Lieber Berliner Senat – bezahlt Eure Polizisten endlich ordentlich. Diese Menschen halten für Euch den Kopf hin und den Laden zusammen. Und gebt Ihnen endlich eine ordentliche und angemessene Ausstattung. Es ist für mich nach wie vor nicht nachvollziehbar, wieso ausgerechnet eine Hauptstadtpolizei noch keine anständige Ausrüstung für Terroranschläge hat. Wer fährt denn bspw. bei einem Terroranschlag als erstes am Einsatzort vor?

Polizistinnen und Polizisten repräsentieren und vertreten diesen Staat und sie schützen ihn auch. Dafür sollte man ihnen den Rückhalt geben, den sie verdammt noch mal verdienen.

Den Polizistinnen und Polizisten des Abschnitt 35 an dieser Stelle ein dickes Danke für den herzlichen Empfang! Ihr seid klasse!

Hallo liebes KGgP-Team!

Herzlichen Dank für eure Anteilnahme an meinem dienstlichen Ereignis, bei dem ich verletzt wurde. Die Genesungswünsche sind bei mir eingegangen und ich habe mich sehr darüber gefreut!
Von mir zum Vorfall ein kurzes Feedback:
Ich bin mittlerweile vollständig genesen und befinde mich auch wieder im Dienst. Zum Glück blieb es bei der Prellung meines rechten Knöchels und den verbalen Ausfällen des Herrn, welcher mir diese Verletzung zugefügt hatte.

Weiterhin möchte ich euch für euer Engagement und den Respekt gegenüber uns Polizisten entgegenbringt, bedanken. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass man als Polizist dies in dem von euch gezeigten Umfang erfährt. Bei solch einem Zuspruch fühle ich mich in meinem Beruf wieder etwas wohler und kann auf Rückhalt von Personen zählen, welche keine Kollegen sind.

Macht weiter so!

Viele Grüße aus Mittelfranken!

Nach dem furiosen Einstieg in Sachen häuslicher Gewalt, der gleich in einer Gewahrsamnahme endete, quartierte Kai mich kurzerhand um in einen anderen Streifenwagen – zu Kai und Tim.

„Bei denen wirst du dich zu Tode langweilen – die reden kein Wort miteinander“, kündigte mir Tim, der Anwärter, an. Das mit einem Zwinkern in den Augen, das mir klar machte, dass ich vermutlich lustige Zeiten vor mir haben würde.

 

 

Unsere erste Mission begann ganz harmlos – wir zogen aus, Essen zu beschaffen. Nicht nur ich, auch meine beiden Herren hatten Hunger bis unter beide Arme.

„Schlägerei auf der Kerbe in Trippstadt, alle anderen Streifen im Einsatz.“

Kai trat das Gaspedal durch, Tim warf Blaulicht und Martinshorn an. Ich hielt mich fest und verabschiedete mich von dem Gedanken an Essen. Von Kaiserslautern bis Trippstadt sind es etwa 12 km, von denen die wenigsten durch den Stadtverkehr führen, sondern durch den Pfälzer Wald.

Alter Schalter!

Das war ja wie daheim, wenn es durch die Eifel- oder Westerwaldausläufer geht. Wieder einmal konnte ich mich nur wundern, wie weit man die Gesetze der Physik ausnutzen kann, ohne sie zu brechen. Nicht zur privaten Nachahmung empfohlen, übrigens…

Auf dem Weg überholten wir sogar einen Rettungswagen, der ebenfalls mit Blaulicht und Martinshorn nach Süden raste. Ich nehme an, die Besatzung war ganz froh, dass die Polizei als erstes bei der Schlägerei eintreffen würde – die haben einfach die bessere Ausstattung, um Gewalt zu begegnen.

 

Mit einem letzten Schlenker passierten wir das Ortsschild von Trippstadt. Tim kannte sich aus und dirigierte Kai in Richtung des Volksfestes (falls sich einer der Leser fragte, was eine „Kerbe“ ist. Ich persönlich glaube, dass Rheinland-Pfalz das Bundesland mit den meisten regional unterschiedlichen Bezeichnungen für so etwas ist.)

Wir stiegen aus und drängelten uns durch die Menschenmenge.

Zu meiner Erleichterung hatte sich schon ein kräftiger Herr Mitte 30 des Hauptschlägers angenommen und hielt ihn gekonnt am Boden. Deshalb war ich auch wenig verwundert, als sich herausstellte, dass der Helfer Bundespolizist ist. Erleichtert war ich auch.

Offensichtlich hatte der ziemlich betrunken wirkende Mann, der da am Boden lag, an der Theke das eine oder andere Bier konsumiert. Aus heiterem Himmel hatte er dann auf einen der anderen Gäste eingeschlagen.

Ich sah den Rettungswagen am anderen Ende des Volksfestes eintreffen und sich hinter unseren Streifenwagen arbeiten.

Da hier alles friedlich war und meine beiden Herren Zeugenaussagen aufnahmen, entschied ich, die Besatzung des Rettungswagens einzuweisen. Übrigens dieselbe Besatzung, die wir schon vor dem Haus des Familienvaters im Einsatz getroffen hatten.

Es stellte sich heraus, dass der Schläger der einzige Verletzte war, er hatte eine blutende Wunde an einem Finger. Die sollte im Rettungswagen behandelt werden.

Eine zweite Streife traf ein, Isabell und der dritte Kai. Mit den beiden würde ich auch noch in dieser Nacht fahren. Die beiden gaben aber nur ein sehr kurzes Gastspiel, denn sie wurden zu einer Schlägerei im Stadtpark gerufen und rückten genau so ab, wie sie gekommen waren – in Höchstgeschwindigkeit mit Blaulicht und Martinshorn.

Innerhalb dieses Gastspiels hatten sie zwei Strafanträge gegen unseren Schläger aufgenommen.

Meine beiden Herren waren noch damit beschäftigt, herauszufinden, mit wem wir es da eigentlich zu tun hatten. Der Herr hatte nämlich keine Papiere dabei. Dabei bekamen sie ungeahnte Unterstützung von einem der Lokalpolitiker aus Trippstadt. Nun hatten sie einen Namen. X.

Letztlich entschied die Besatzung des Rettungswagens, Herrn X. ins Krankenhaus nach Kaiserslautern zu bringen. Da er aber nun auf andere eingeschlagen hatte, musste Tim mitfahren, um den Sanitäter zu schützen.

Also rückte ich vorübergehend auf den Beifahrersitz. Mein inneres Kind freute sich einen Wolf, während ich gleichzeitig leise besorgt um Tim und den Sanitäter war.

 

In der Klinik wurde als erstes die Wunde des Mannes gereinigt und genäht. Er war zu diesem Zeitpunkt recht friedlich.

Nun musste noch geklärt werden, ob der Mann im Krankenhaus verbleiben musste – was für Kai und Tim bedeutet hätte, ebenfalls dort bleiben zu müssen, da er ja potentiell gewalttätig war – oder ob er gewahrsamsfähig war.

„Ruf mal bitte Kai, den Dienstgruppenleiter, an und frag nach, ob ein Krankenhausarzt Gewahrsamsfähigkeit bescheinigen darf?“ bat Tim, denn der andere Kai und er waren damit beschäftigt, X. zu halten, während ihn die Ärztin behandelte.

Dafür ging ich vor die Tür.

„Ja, er darf.“

Super!

Ich ging wieder in den Behandlungsraum.

„Er darf.“

Nun galt es herauszufinden, wie viel X. nun genau getrunken hatte und wie viele Promille er hatte.

„Das Ergebnis der Blutprobe dauert aber ein paar Stunden.“

Meine beiden Herren wirkten unbegeistert. Nur zu verständlich. Stefan und Andreas waren gebunden, weil auch für unseren Zellengast, der seiner Frau einen Spiegel übergezogen hatte, wegen seiner Verletzungen eine Gewahrsamsfähigkeitsprüfung anstand – in einem Krankenhaus in der Umgebung von Kaiserslautern. In diesem hier war ja seine Frau untergebracht. Auch da stand durchaus im Raum, dass alle drei die Nacht im Krankenhaus verbringen mussten.

Wenn nun mit Kai und Tim eine zweite Streife im Krankenhaus festsitzen würde, war das keine gute Sache, denn draußen tobte weiter das Kaiserslauterer Nachtleben.

„Wir probieren mal, ihn pusten zu lassen.“

Kai musste dafür den Alkomaten aus dem Auto holen. Weil ich frische Luft brauchte, ging ich mit ihm mit.

 

Raus war kein Problem, rein kamen wir allerdings nicht mehr. Glücklicherweise kam eine Mitarbeiterin des Krankenhauses vorbei und machte uns die Tür auf, gegen die wir hämmerten.

Tim nahm mehrere Anläufe, den Mann pusten zu lassen. Immer gab er kurz vor dem Punkt, an dem der Alkomat genug hat, auf.

Da er kein Wort Deutsch sprach, war es unmöglich, ihm klar zu machen, wo der Fehler lag.

„Wartet mal.“

Einer der Ärzte verschwand.

 

Nach wenigen Minuten kam er in der Begleitung eines weiteren Arztes wieder.

„Wir probieren mal, ob die beiden eine gemeinsame Sprache sprechen.“

Tatsächlich funktionierte es. Die beiden sprachen sehr ausführlich miteinander.

„Was er erzählt, macht keinen großen Sinn“, vermeldete der Arzt.

Wunderte mich nicht weiter. Warum sollten Erzählungen eines Betrunkenen in einer anderen Sprache zusammenhängender ausfallen als auf deutsch?

Aber immerhin verstand X. jetzt, wie er pusten musste. Und tat es.

0,94 Promille.

Damit war er gewahrsamsfähig. Sagte der Arzt.

Super!

Jetzt brauchten wir das ja nur noch schriftlich, dann konnten wir wieder abrücken. Dachten wir…

 

„Toilet“, meldete sich X.

Suchend sahen meine beiden Herren sich um.

Niemand mehr da.

„Ok“, seufzte Tim. „Dann mal los.“

Sie suchten eine Toilette. Die Tür ließen sie offen. Ich begab mich mal wieder um eine Ecke und bewunderte das überall gleiche Aussehen von Krankenhausgängen.

Nachdem X., sich erleichtert hatte, hätten wir gehen können. Uns fehlte aber immer noch die Bescheinigung der Gewahrsamsfähigkeit. Irgendwie war die den Ärzten durchgegangen. Da kam aber auch am laufenden Band neue Kundschaft rein…

Endlich hielten wir das ersehnte Papier in den Händen, um genau zu sein ich. Meine beiden Herren kümmerten sich um X. Ich durfte wieder für eine Weile nach vorne, während Tim sich neben den Mann nach hinten setzte.

Übrigens – er hatte den gleichen Vornamen wie der Mann, den wir schon wegen des Messerangriffs auf seine Frau im Gewahrsam hatten. Von dem Gesichtspunkt her eine gute Nacht für einen Menschen mit einem derart miserablen Namensgedächtnis wie ich es bin.

 

 

Endlich konnten wir Essen beschaffen. Ich hatte schon Hunger bis unter beide Arme.

„Jetzt haben aber nur noch Fastfood-Ketten geöffnet.“

Mir doch egal. Hauptsache, ich kriege was zwischen die Kiemen.

 

Zurück in der Dienststelle versammelten wir uns im Sozialraum, um unsere Beute zu essen. Für mich war auch ein Kaffee drin.

Dann hatten Kai und Tim einige Berichte zu schreiben.

 

Zwei Beamte der Polizeiinspektion Kaiserslautern 1 hatten einen betrunkenen Autofahrer erwischt.

Die PI KL1 wird auch als „Altstadtrevier“ bezeichnet, da sie mitten in derselben liegt. Freitags- und Samstagsnacht haben die Polizistinnen und Polizisten in erster Linie mit den Nachtschwärmern dort zu tun. Entsprechend gibt es dort eine Altstadtstreife. Neben Beamten der PI KL1 besteht diese aus Mitarbeitern des Ordnungsamtes sowie der Military Police, der us-amerikanischen Militärpolizei. Dies hat damit zu tun, dass das US-Militär einige Liegenschaften in und um Kaiserslautern hat, beispielhaft sei Ramstein Air Base genannt, die ja schon in „Air Force One“ mit Harrison Ford eine Rolle hatte – die Älteren unter uns werden sich erinnern. wp-monalisa icon

Nebenher ist aber auch der normale Wahnsinn durch die PI KL1 in ihrem Dienstgebiet abzudecken. Eben wie der betrunkenen Autofahrer, den also eine Polizistin und ein Polizist der Nachbardienststelle dingfest gemacht hatten. Bei diesem handelte es sich um einen US-Amerikaner, deswegen musste er zur Dienststelle der PI KL2 gebracht werden. Die haben nämlich ein Gerät, mit dem man gerichtsfest pusten kann. Das Bußgeld muss in diesem Fall nämlich sofort erhoben werden. Ist der Übeltäter erst einmal in den Vereinigten Staaten, trifft es im Regelfall niemals mehr ein.

Zudem muss auch hier die amerikanische Military Police hinzugezogen werden.

Kai fragte, ob ich dabei zuschauen dürfte. Ich durfte – und es war sehr interessant.

Die beiden Militärpolizisten waren Amerikaner. Das ist jetzt als Feststellung nicht ganz so platt, wie es sich liest, denn die Military Police stellt auch Deutsche ein – weil das die Verständigung mit den Einheimischen unheimlich erleichtert. Kai, mein heutiger Streifenpartner, war vor der Polizei RLP bei der Military Police gewesen.

Entsprechend spielte sich das Ganze auf englisch ab, wobei die beiden Beamten der PI KL1 sich sehr achtbar schlugen. Ich war mal wieder beeindruckt.

Da auch mein Englisch ziemlich gut ist, fand ich die ganze Szene sehr aufschlussreich, denn natürlich hatte der Delinquent nichts gemacht. Niemand, der von der Polizei mitgenommen wird, hat etwas gemacht. Auch, wenn er es vor meinen Augen gemacht hat, ist er immer sicher, nichts gemacht zu haben.

Same procedure as everytime…

Er pustete gerichtsfest 0,93 Promille.

 

Das machte 525 Euro Bußgeld.

„Oh, well. I can’t pay that now. No money on my account. Ich kann das jetzt nicht bezahlen. Konto ist leer.“

Die Augenbrauen der beiden Herren der Military Police wanderten an den Haaransatz.

„We had Payday yesterday“, bemerkte einer der beiden. „Wir hatten gestern Zahltag.“

Jedenfalls wand sich der Mann weiter, bis er letztlich einsah, dass er so nicht weiterkäme und er zugab, dass sein Konto doch ganz gut gefüllt war.

Dann wollte er seine Bank anrufen, um das Konto freizuschalten, er dürfe so immense Mengen nicht abheben.

Nach einiger Diskussion verstand er, dass er auch damit nicht durchkäme – und ließ sich von den deutschen und us-amerikanischen Polizisten zu einem Geldautomaten begleiten.

 

Da war es auch schon wieder Zeit, mit Kai, dem ehemaligen Militärpolizisten, und Tim in den Streifenwagen zu steigen und Kaiserslautern zu bestreifen.

 

 

„Schlägerei auf der x-Straße.“

Blaulichtfahrt.

Wir trafen auf die Altstadtstreife, in hoffnungsvollem Grün unterwegs.

 

Kai: „Seid ihr sicher, dass das unser Dienstgebiet ist?“

Polizist der Altstadtstreife: „Ja, genau 50 Meter in eurem Dienstgebiet.“

Beide hatten bei dem Gespräch Lachfältchen um die Augen und grinsten breit. Ein bisschen Spaß muss sein. Es wurde sich ja in jedem Fall um die Sachlage gekümmert.

Einen der Herren der Altstadtstreife kannte ich übrigens. Sein Partner nahm gerne unser Patch entgegen, als zwischendurch mal Zeit war.

Vorerst ging es noch um die Klärung, was eigentlich vorgefallen war.

Ein junger Mann gab an, geschlagen worden zu sein. Er gab auch zu, ordentlich getrunken zu haben, er pustete 1,72 Promille. Der andere sei weggerannt.

Während meine beiden Herren noch seine Personalien aufnahmen und ich feststellte, dass mindestens einer der Herren der Military Police vor Ort Deutscher war (wie weiter oben geschrieben), rückte eine weitere Streife der PI Kaiserslautern 1 an.

„Wir haben hier einen, auf den die Beschreibung passt.“

Sie hatten den flüchtigen Schläger angehalten und pusten lassen. Spannenderweise hatte er 1,72 Promille gepustet. Das war wirklich eine Nacht der Doppelungen.

 

 

Nächster Einsatz – Ruhestörung.

Kai und Tim mussten zurückfragen, wo wir genau hinsollten. Nicht nur war die Gegend unübersichtlich – es war auch nichts zu hören.

Als Kai schließlich eingeparkt hatte und wir ausgestiegen waren, war es weiterhin bemerkenswert ruhig. Es handelte sich wohl um ein Studentenwohnheim.

Wir betraten das Wohnheim. Auf einer Treppe kamen uns vier junge Menschen entgegen, Frauen und Männer. Meiner Vermutung nach Studenten.

Sie maßen uns mit einem unfassbar herablassenden Blick von oben nach unten und fragen nicht minder herablassend:
„Was wollt Ihr denn hier?“

Schlagartig schämte ich mich fremd. Immerhin hatte ich auch einige Jahre eine Hörsaalbank in einer Uni gedrückt. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, einem Polizisten so dreist zu kommen. Warum auch?

Übrigens war ich als Studentin auch mal auf einer Party, die von der Polizei Rheinland-Pfalz aufgelöst wurde. Und mit was? Mit Recht! Warum hätte ich diese Beamten also auf solche Art ansprechen sollen?

Und meine Herren lösten zu diesem Zeitpunkt gar nichts auf, sondern schauten nur erstmal nach, was überhaupt anlag.

Hier wurde auch nichts mehr aufgelöst, denn es gab keine Ruhestörung. Es gab nicht mal Leute auf dem Gang, die wir ansprechen konnten. Wenn es überhaupt Krach gegeben hatte, dann waren wohl die letzten vier Verursacher gerade gegangen.

Also rückten wir wieder ab.

 

 

Für eine Weile präsentierte sich die Nacht etwas ruhiger. Meine beiden Herren stoppten zwei Fahrer, deren Fahrweise ihnen verdächtig vorkam. Beide Fahrer pusteten aber 0 Promille und durften somit weiterfahren. Beides waren übrigens US-Amerikaner.

 

Eine dritte Kontrolle nahmen die beiden gerade in Angriff, als wir über Funk eine Schlägerei vor der Nachtschicht, der großen Disko von Kaiserslautern, gemeldet bekamen.

 

 

Als wir vor der Nachtschicht eintrafen, hatten die Türsteher die schlägernden Parteien schon auseinander dividiert. Kai und Tim kümmerten sich um einen jungen Mann, der beschuldigt wurde, einer der Schläger zu sein. Allerdings gab es Zeugen, die dem widersprachen.

Er pustete 1,28 Promille.

Er war sehr besorgt, denn er hatte eine Bewerbung bei einer Bundesbehörde laufen und hatte nun Angst, dass sich der Vorfall auf seine Einstellungschancen auswirken würde.

Durchaus verständlich. Auch Kai und Tim waren nicht taub für die Problematik. Allerdings hatten sie dennoch ein Interesse daran, die Fakten zu ermitteln und unterbrachen deswegen die Schilderung seiner beruflichen Probleme.

Auch dieser Vorfall war bald aufgenommen.

 

 

Wir überholten einen Pick-up, dessen Scheinwerfer nicht eingeschaltet waren. Aber auch hier blieb die Kontrolle ohne Ergebnis. 0 Promille. Nach einer Verwarnung konnte er weiterfahren. Mit eingeschalteten Scheinwerfern.

 

 

Wieder in der Dienststelle mussten Kai und Tim erst einmal ihre Berichte schreiben. Also fuhr ich noch einmal mit der dritten Streife, Isabell und Kai, raus.

 

 

Aus diesem Einsatz kam ich pünktlich zur Entlassung der beiden Namensvettern aus dem Gewahrsam zurück. Da die Polizei den ersten bei etwa 20 Grad und Sonnenschein festgenommen hatte, war er ziemlich leicht bekleidet. Mittlerweile zeigte das Thermometer 5 Grad plus. Entsprechend bekam er die Decke geschenkt. Das fand ich sehr nett!

 

Beide versicherten übrigens noch einmal, dass sie gar nichts gemacht hätten, bevor sie die Dienststelle verließen. Der erste recht zügigen Schrittes, der zweite nicht ganz so schnell. Der wollte nämlich noch den Beamten eine Gratistaxifahrt nach Trippstadt abnötigen. Natürlich erfolglos. Die Polizei ist kein Taxi-Unternehmen. Und die Rechtslage hatte sich seit der letzten Anfrage nicht geändert – sie darf es nicht. Letztlich trollte er sich. Ein kleiner Fußmarsch an der frischen Luft soll ja auch sehr gut gegen Kater sein.

 

 

Damit endete eine ganz schön knackige Nachtschicht.

 

Danke mal wieder nach Kaiserslautern. Ihr habt mir wieder sehr gute Polizeiarbeit gezeigt. Für meine Motivation sind diese Nächte wirklich unschätzbar.

Vor über einem Jahr war ich schon einmal in Kaiserslautern mitgefahren. Meine beiden damaligen Streifenpartner, Kai und Stefan, hatten die Schicht als „zu ruhig“ befunden und so hatten wir eine Wiederholung vereinbart.

Diese fand nun im letzten September statt.

Jetzt weiß ich auch, was die beiden meinten…

 

Ich kam knapp vor der Schichtübergabe. Das gab Kai die Zeit, mir kurz den neuen Gefangenentransporter zu zeigen. Beeindruckend. Vor allen Dingen hat er wohl eine sehr gute Straßenlage, was zur allgemeinen Sicherheit beiträgt. Gut so! Jene, die für uns alle den Kopf hinhalten, sollten auch sicher fahren können!

 

Kai war dieses Mal Dienstgruppenleiter. Er hatte gerade noch Zeit, die Dienstgruppe und mich einander vorzustellen. In dieser gab es drei Kais und zwei Tims. Namen merken würde also selbst für mich kein Problem sein. Theoretisch!

„Du fährst mit Stefan und Andreas.“

Dann schlug auch schon der erste Einsatz ein.

„Da bedroht einer seine Frau und seine Kinder mit einem Messer.“

Wir stürzten in die Streifenwagen.

Festhalten, damit man nicht vom Rücksitz geschleudert wird, während der Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Stadt gejagt wird. Innerlich wieder intensives Verfluchen der Wahl des Ehrenamtes.

Wenn der jetzt echt ein Messer hat? Warum ziehe ich nicht einfach verwaiste Robbenbabys an der Nordsee groß?

Weil die Idee des Subsidiaritätsprinzips einfach ist, dass jeder Bürger das beiträgt, was er am besten kann – und ich kann KGgP einfach besser als Robbenbabys großziehen. Darum saß ich nun da.

Am Zielort angekommen spritzten meine Begleiter aus dem Streifenwagen. Direkt hinter uns flog ein weiterer Wagen ein – die Streife, die einen Anwärter dabei hatte.

Auch ich stieg aus. Wusste dann erstmal nicht weiter.

Vier Polizisten rannten schon in das Haus.

Stefan blieb draußen stehen. Ich stand schräg hinter ihm. Der Mann, um den es ging, stand in seinem Fenster.

„Bleiben Sie stehen, ich will mit Ihnen reden.“

„Wieso?“

„Bleiben Sie stehen.“

Der Mann schrie herum.

Es krachte.

Der Mann fuhr herum, stürzte in die Wohnung.

Stefan rannte seinen Kollegen nach.

Eine dritte Streife raste heran, lief in die Wohnung.

Mein Blick auf die Besatzung eines Rettungswagens, die schon vor uns am Ort gewesen war. Die warteten, mit einem aufmerksamen Blick auf die Tür, vor Ort.

Ok, wenn die beiden Retter auch warten, bis die Polizei fertig ist, dann ist das wohl auch für mich die beste Wahl.

„Ach, du warst gar nicht drin“, fragte Stefan mich später überrascht.

Joah!

Im Gegensatz zu meinem Fernsehpendant Castle bin ich nicht der Ansicht, meine Nase immer ganz vorn mit dabei haben zu müssen. Ich will die Damen und Herren zwar auf keinen Fall allein im Regen stehen lassen – aber dumm im Weg rumstehen und in Gefahr bringen will ich sie auch nicht. Nicht immer einfach, da die Balance zu finden.

Die Haustür und der Flur dahinter sahen so klein aus, dass ich wirklich mehr Angst hatte, die Polizeibeamten zu behindern, als selbst was abzukriegen.

 

Durch die Haustür konnte ich aber sehen, dass der Mann mittlerweile in Bauchlage zu Boden gebracht worden war, wo vier Polizisten auf ihm lagen. Einer davon legte ihm die Schließacht an. Eine Polizistin kümmerte sich um die Kinder, einer koordinierte die Lage.

Schließlich halfen die Beamten dem Mann auf und brachten ihn in unseren Streifenwagen. Er tobte und schrie.

Alles klar! Das heißt dann gleich Fußmarsch, oder eine andere Streife nimmt mich mit.

Zuerst versuchte noch Tim, der Anwärter, mit dem Tobenden zu reden, um ihn zu beruhigen. Das erwies sich als sinnlos.

„Bei dem war ich schon mehrmals“, sagte Andreas irgendwann zu mir. „Teilweise noch in der alten Wohnung. Wir erteilen ihm für zehn Tage einen Platzverweis aus der Wohnung, er verbringt die Nacht im Gewahrsam, kommt am Morgen danach nach Hause – und sie lässt ihn wieder rein.“

Oha.

Da hatte ich offensichtlich wieder einen der Dauerkunden vor mir, die bei den eingesetzten Beamten ein gewisses Gefühl der Sinnlosigkeit aufkommen lassen.

 

Das war nicht mein erster Einsatz wegen häuslicher Gewalt. Aber sowas hatte ich noch nicht gesehen.

Auf dem Boden lag ein in tausend Scherben zersplitterte Spiegel. Die Aussagen des Mannes und der Frau waren widersprüchlich, wer nun letztlich wem den Spiegel übergezogen hat.

Auch sonst sah die Wohnung nach einem wilden Kampf aus. Für mich am schockierendsten war allerdings, dass die beiden Kinder ziemlich gelassen wirkten. Offensichtlich gab es da eine hohe Gewöhnung an derartige Szenen. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was das in den Seelen der beiden Kleinen angerichtet haben kann…

Die Frau blutete an einigen Stellen. Gemeinsam mit den Kindern kam sie ins Krankenhaus. Das dauerte eine Weile, da alles gepackt werden musste. Zudem musste ein zweiter Krankenwagen für die Kinder einbestellt werden.

 

Eine der Streifen bekam einen neuen Einsatz rein und raste mit Blaulicht und Martinshorn davon.

 

Schließlich fuhren die beiden Rettungswagen mit Frau und Kindern ins Krankenhaus.

 

Die zweite Streife rückte ab zu einem Einsatz.

Ähm… und ich? Na ja, der Schrittzähler freut sich…

 

Drei Nachbarinnen hatten sich an der Grundstücksgrenze versammelt und seit geraumer Zeit versucht, die Polizei anzusprechen. Endlich fand Stefan Zeit für sie.
„Wir haben Angst. Der hat uns schon bedroht, dass er uns umbringt, wenn wir die Polizei rufen. Nehmen Sie den jetzt endlich dauerhaft mit?“

 

Auch die Vermieterin war vor Ort. Sie hatte die Nase gestrichen voll davon, regelmäßig derartige Szenen in ihrem Haus zu haben.

 

Stefan konnte nur sagen, dass die Polizei den Mann über Nacht bei sich behalten würde. Mehr konnte er nicht versprechen. Allerdings bat er die Damen, bei der Polizei eine Aussage zu diesen Drohungen zu machen.

 

Mit dem Augenblick, in dem seine Kinder aus seinem Blickfeld verschwunden waren, wurde der Mann zahm wie ein Lämmchen. Entsprechend konnte ich mit ihm im gleichen Streifenwagen zur Dienststelle fahren, wo er von Marc in den Gewahrsam verbracht wurde. Dort wurde er durchsucht. Ich ging dafür um die Ecke, da Personen des anderen Geschlechts bei einer Durchsuchung nicht anwesend sein dürfen – was auch gut so ist. Dann bekam er eine Decke und etwas zu trinken.

 

Allerdings hatte der Mann auch einige Verletzungen, u.a. eine Platzwunde am Kopf. Da seine Frau im Krankenhaus vor Ort war, würden Stefan und Andreas in ins Krankenhaus einer nahe gelegenen Stadt transportieren müssen und eine Menge Papierkram ausfüllen. Also quartierte Kai mich kurzerhand um in einen anderen Streifenwagen – zu Kai (ein anderer Kai) und Tim (nicht der Anwärter).

 

Auch da ging es direkt mit einer knackigen Blaulichtfahrt los. Das ist aber ein anderer Artikel, in dem auch eine weitere Gewahrsamnahme vorkommt. Irgendwann mussten auch diese beiden ihre Berichte schreiben.

 

Isabell und der dritte Kai nahmen mich mit zu einem Einsatz. Rauchentwicklung in einem Autohaus.

„Wir sind nicht einmal heute Nacht normal irgendwo angefahren“, stellte Isabell fest, während das Blaulicht auf dem Dach zuckte.

„Das liegt vermutlich an unserem Gast“, knurrte Kai, wirkte dabei aber insgesamt nicht wirklich ernst. Widerspricht auch der Tatsache, dass ich schon zwei Mal gebeten wurde, bitte nichts zu schreiben. Nach zwei Schichten in zwei Dienststellen in zwei Bundesländern, in denen NICHTS los gewesen war.

Am Einsatzort angekommen, stiegen wir aus. Kai schwang sich über den Zaun des Autohauses und ging einmal um das Gebäude drum herum.

Isabell und ich warteten.

„Der Rauch wurde da gesichtet, wo jetzt Euer Kollege rumläuft“, teilte der Melder Kai, dem Dienstgruppenleiter, über Telefon mit, der das wiederum uns mitteilte.

„Da ist nichts mehr.“

Kai hatte seine Runde beendet und kletterte zurück zu uns.

 

 

Als wir zurück in der Dienststelle waren, wurden die beiden Herren, die bei der PI Kaiserslautern 2 einsaßen, aus dem Gewahrsam entlassen.

 

Damit endete eine ganz schön knackige Nachtschicht.

 

Danke mal wieder nach Kaiserslautern. Ihr habt mir wieder sehr gute Polizeiarbeit gezeigt. Für meine Motivation sind diese Nächte wirklich unschätzbar.

 

Und diese Nacht war wirklich der Hammer! Wow!

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„Schau mal“, sagte Don und streckte mir die Zunge heraus.

Mein kleiner Sinn für absurde Situationen amüsierte sich. Da streckt ein Kölner Polizist der Vorsitzenden von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. die Zunge heraus. Und es war absolut nett gemeint.

Dirk Rohde, genannt Don, hat nur noch eine halbe Zunge.

„Ich musste sehr hart üben, um wieder normal sprechen zu können. Sonst hat man in meinem Beruf keine Chance.“

Don und ich waren gerade auf dem Weg zu Bazaar Kebap, einem Lokal in Köln-Nippes, wo er mit mir essen gehen wollte. Ich hatte ihn um ein Interview gebeten, weil mich seine Geschichte fasziniert hat. Der Verein Keine Gewalt gegen Polizisten e.V., dem ich vorsitze, macht es sich ja unter anderem zur Aufgabe, zu zeigen, dass hinter Polizeiuniformen Menschen stecken – und eines war mir im Vorfeld schon klar – dieser Mensch ist ein sehr außergewöhnlicher.

Nun ist es ja grundsätzlich nichts Besonderes, wenn man ein Interview anlässlich eines gemeinsamen Essens vornimmt. Wenn allerdings für einen der Interviewpartner Essen mehr mit Qual als mit Genuss zu tun hat, weil er krankheitsbedingte Schluckbeschwerden hat und auch nichts mehr schmeckt, dann zeigt schon dieser Vorschlag, dass er kein Mensch ist wie jeder andere.

 

Don ist seit 35 Jahren Polizist. Er hat sogar vor etwa 30 Jahren eine Ausbildung beim SEK gemacht, diese aber aus privaten Gründen abgebrochen.

Im Mai 2015 bekam er die Diagnose „Mundbodenkrebs“. Seit Januar 2017 ist er wieder im Dienst als Motorradpolizist in der Kölner Innenstadt. Zwischen diesen Daten lag eine unglaubliche Zeit des Leidens und eines Kampfes zurück ins Leben.

 

Im Bazaar Kebap holte ich zwar mein Notizbuch raus, schrieb dann aber doch nichts auf. Ich entschied, diesen Artikel rein aus der Erinnerung zu schreiben.

Auch meine vorbereiteten Fragen brauchte ich nicht. Don lenkte das Gespräch. Und er lenkte es gut. Wenn etwas gut läuft, kann ich mein inneres Alphatier auch mal im Zaum halten.

 

„Das waren teilweise unvorstellbare Schmerzen“, sagte er über die Zeit seiner Krankheit. „Noch einmal halte ich das so nicht durch.“

Er zeigte mir Bilder von Freunden, die er durch den Krebs kennen gelernt hat. Teilweise schlimme Bilder. Von Menschen, die bereits tot sind. Man sieht diesen Bildern an, dass es kein schöner Tod war.

„So was mache ich nicht mit. Ich muss alle sechs Wochen zur Tumorkontrolle. Sagen die mir, dass der Krebs wieder da ist, schmeiße ich eine Riesenabschiedsfeier. Und dann geht’s in die Schweiz.“ Dort hat er bei einer Sterbehilfeorganisation für den Fall einer tödlichen Diagnose eine Freitodverfügung unterzeichnet.

Er begründet seine Einstellung zum Tod mit seiner SEK-Vergangenheit. „Menschen, die beim SEK waren, sind vermutlich so. Die nehmen ihre Gegner mit, nicht umgekehrt. Ich möchte in Würde gehen. Nicht qualvoll und langsam sterben.“

Er weiß auch, dass dieses Thema polarisiert. Meiner Ansicht nach muss das jeder für sich selbst entscheiden.

„Diese Tumorkontrollen sind für mich immer wieder ein Datum, an dem ich erfahre, ob ich weiterlebe – oder sterbe.“

 

Er erzählt von seinem Kampf gegen die Krankheit und zurück ins Leben. Zeigt mir die Narbe, die er einmal bei einem Bagatellunfall den gegnerischen Parteien gezeigt hat, die sich gegenseitig wegen Kleinkram zerfleischten. Die Unfallbeteiligten trennten sich friedlich. Die Geschichte postete er in seinem Facebook-Blog. Die Presse kam drauf. Und ich dann durch die Berichterstattung auch.

Bei mir traf er damit einen Nerv. Seit ich die Polizei öfters mal in den Einsatz begleiten darf, kommen mir viele Alltagssituationen vor wie Kleinigkeiten. Verstärkt wird das durch zwei Menschen in meinem Umfeld, deren Krebs nur noch palliativ behandelt werden kann. Deswegen wollte ich ihn gern interviewen und über ihn schreiben.

 

Don zeigt mir auch, wie viele Muskeln an seinem Hals weggenommen wurden. Ich bin beeindruckt davon, dass er weiterhin einen Motorradhelm trägt.

 

Essen dauert bei ihm sehr lang. Er trinkt dazu eine Art Smoothie, in dem er Gemüse verarbeitet hat.

„Meine Speichelproduktion ist kaputt. Also muss ich beim Essen viel trinken, weil ich es sonst nicht schlucken kann. Und wenn ich das Gemüse nicht zusetze, dann nehme ich zuviel ab.“

Fast habe ich schon ein schlechtes Gewissen, wie ich meine Lammkoteletts genieße. Aber eben nur fast, denn er schafft es, mir trotz allem das Gefühl zu geben, als sei das hier ein normales Essen.

Was sicherlich auch an den Betreibern des Lokals liegt. Sie kennen sein Problem, er muss nichts erklären.

Deswegen hat er sogar eine Sondergenehmigung des Polizeipräsidiums, dort seine Essenspausen zu machen, obwohl es nicht in seinem Dienstgebiet liegt. Überhaupt verhält sich das Präsidium ihm gegenüber hochanständig. Das finde ich klasse.

Don engagiert sich auch für andere Krebskranke. Nicht nur in seinem Blog „Schockdiagnose Krebs. Und plötzlich ist alles anders.“ auf Facebook. Er fungiert auch als Ansprechpartner für Kopf-Hals-M.U.N.D. Krebs e.V., ein Selbsthilfeverein. Er verschenkt gerne Polizeiteddys. Ich bekam auch einen zum Empfang. Der steht auf einem Ehrenplatz.

„Einer meiner Freunde hat sich damit beerdigen lassen.“

Man merkt Don an, dass ihn das sehr bewegt hat. Mich bewegt es auch.

Bildquelle: privat

Nach dem Essen fährt er mich noch an den Bahnhof. In seinem neuen Auto. Ein schicker Flitzer. Der gehört zu seinem Programm, sein Leben zu genießen, so lange er kann.

„Ich genieße jeden Tag, den ich noch habe. Das Leben ist schön.“

 

Ein Mensch, der durch die Hölle gegangen ist, und für sich nicht nur Lebensfreude wiedergefunden hat, sondern auch einen Sinn. Anderen bei diesem Gang durch die Hölle helfen.

 

Ich wünsche mir, dass Menschen, die einem Polizisten gegenüberstehen, in diesem nicht nur die Funktion sehen, sondern auch den Menschen. Vielleicht ist nicht jeder Mensch ein so beeindruckender Typ wie dieser spezielle Polizist – aber Don ist der Beweis, dass uns diese Menschen überraschen können.

Lassen wir unsere Blicke nicht an der Uniform abprallen, sondern schauen wir tiefer.

„Zur Polizei gehen doch auch nur die überheblichen Typen…“

???

Mit dieser Weisheit überraschte mich an einem tristen Wintermorgen eine junge Dame. Dazu sei gesagt, dass es ein Montag war und deutlich vor neun Uhr – also nicht gerade der Zeitpunkt, zu dem ich warmgelaufen bin und somit eine deutliche Steigerung der winterlichen Tristesse.

 

Damit katapultierte sie mich in die Sprachlosigkeit und etwa 51 Stunden zurück in die Vergangenheit sowie mindestens 150 km nach Südosten. Gerade war für die Nachtschicht, die ich bei der Polizeiinspektion Ludwigshafen 1 begleitet hatte, das Dienstende ausgerufen worden.

„Trinkst du noch mit uns ein Feierabendbier, bevor dein Zug fährt?“

(Einschub für all jene, die an dieser Stelle Schnappatmung bekommen: die Damen und Herren sind im Nachgang entweder gelaufen, gefahren worden oder in ein öffentliches Verkehrsmittel eingestiegen…)

Ich freute mich über diese Frage.
„Sehr gern, aber alkoholfrei oder Radler, wenn möglich. Ich möchte nicht in Sylt aufwachen – oder in einem Knast der Bundespolizei.“

„Och kumm. Du kennsch se doch all.“ (Pfälzisch für: „Ach komm, du kennst sie doch alle.“)

Ich muss immer noch lächeln, wenn ich an diesen Satz des Wachhabenden denke. Eine harmlose Neckerei, verbunden mit einer gewissen Wertschätzung. Immerhin traut er mir zu, dass ich mir neben den Namen von 9000 rheinland-pfälzischen Polizisten auch noch die von 35.000 Bundespolizisten merken könnte. Wenn der wüsste, wie vergesslich ich sein kann… 😉

Übrigens gibt es tatsächlich noch Bahnhöfe, wo ich keinen kenne. 😉

 

Zurück zur soeben zuende gegangenen Nachtschicht. Der Zufall hatte es gewollt, dass das Wetter lausig war.

Darüber hinaus war ich mit einer Dienstgruppe unterwegs gewesen, bei der ich schon öfters die Rückbank gedrückt hatte und die mich immer sehr herzlich empfängt. Ich fühle mich von der ganzen Dienstgruppe, bis hin zum Dienstgruppenleiter, immer äußerst wertschätzend behandelt.

 

Ich war wechselweise mit zwei Streifenteams unterwegs gewesen.

Mein erstes Streifenteam bestand aus Markus und Hannah. Markus, mit Mitte/Ende 30 ein erfahrener Polizist, der mir mit als erstes mitteilte, dass er wieder Vater geworden sei – und zwar von Zwillingen. Ich freute mich mit ihm. Hannah hatte gerade ihre Ausbildung hinter sich gebracht.

Mir gefiel Markus Umgang mit dieser blutjungen Kollegin sehr gut. Sehr wertschätzend.

 

Relativ zu Beginn der Nacht bekamen wir einen Einsatz wegen Hausfriedensbruch rein. Eine Dame ohne festen Wohnsitz war eines Supermarktes verwiesen worden, in dem sie vor einigen Jahren wohl mal aus Not etwas hatte mitgehen lassen. Entsprechend hatte der Marktleiter keine Wahl, als das seitdem bestehende Hausverbot durchzusetzen. Auf der anderen Seite war es kurz vor Toresschluss. Schwierig, woanders noch an das Gewünschte – Kaffee und Wasser – zu kommen. Entsprechend wollte sie einfach nicht gehen. Wieder einmal ein Einsatz, in dem ich beide Seiten sehr gut verstehen konnte.

Übrigens eine wirklich nette Dame, die wir da im Supermarkt antrafen. Mit einem Blick auf Hannahs ungewöhnliche Frisur stellte sie fest: „Seeehr attraktiv! Und sehr mutig!“ Da konnte ich ihr nur beipflichten.

In der Zeit war Markus vor dem Supermarkt bei einem Telefonat mit der Dienststelle damit beschäftigt, Informationen über die Dame zu erlangen.

Zudem ist die Rechtslage wohl so, dass bei Menschen ohne festen Wohnsitz in solchen Fällen eine Sicherheitsleistung angesagt ist. Das gefiel der Dame überhaupt nicht. Nachvollziehbar.

Nach diversen Telefonaten zwischen Markus, der Dienststelle und dem Bereitschaftsstaatsanwalt entschied der Letztere, dass Markus und Hannah eine Sicherheitsleitung von insgesamt 0 Euro erheben sowie die Beschuldigte wegen Hausfriedensbruch anhören sollten.

Für die Abwicklung des Papierkrams wurde sie in den Polizeibus gebeten, mit dem Markus und Hannah ihre Streifenfahrten abwickelten. Bei den bereits von mir beschriebenen Witterungsverhältnissen war die Dame dafür dankbar.

Ich kann nicht genau sagen, woran es lag und wie Markus das gemacht hat, aber sein Umgang mit der Dame war einfach reizend. Er hat sie einfach ganz normal behandelt. Nicht anders, als mich oder Hannah. Die beiden haben sogar miteinander gelacht.

Er gab ihr auch noch eine wohlmeinende Warnung mit auf den Weg: „Der X, der ist neulich eingefahren. Wegen dem 30. Hausfriedensbruch. Also nimm das ernst und meide diesen Supermarkt.“ X ist ein anderer Obdachloser, den sie beide kannten. Irgendwann ist auch in solchen kleinen Dingen Schluss mit lustig.

Und ja, ich würde die Hand dafür ins Feuer legen, dass Markus der Dame ein gleiches Schicksal einfach ersparen wollte. Das drückten sein Tonfall, seine Mimik und seine Gestik ganz deutlich aus.

Zum Abschluss beschrieb er ihr noch den Weg zu einem anderen Supermarkt um die Ecke – wenn sie sich gesputet hat, dann hat sie auch noch bekommen, was sie wollte. Hoffentlich!

 

 

Zuvor hatten wir einen Einsatz bekommen, bei dem sich eine junge Frau über ihren Nachbarn gegenüber beschwert hatte.

Zuerst waren die Angaben recht undurchsichtig. Schließlich aber kristallisierte sich heraus, dass die junge Frau ab und an Sex gegen Geld bietet. Aufgrund des Betrags kam es zu Streitigkeiten, zu denen letztlich die Polizei gerufen worden war. Schließlich wurden die Streitigkeiten beigelegt.

„Kennen wir uns nicht?“ fragte Markus schließlich die junge Frau. Sie bestätigte das.

Im Nachgang erzählte er mir, dass er diese junge Frau schon dienstlich recht lange kannte. In früheren Zeiten war sie oft von zu Hause abgehauen, sein Streifenpartner und er hatten sie dann am Rhein gefunden in ziemlich eindeutiger Lage mit einem Mann.

Also schien in Kindheit und Jugend schon nicht alles zum Besten verlaufen zu sein. Dazu keine Ausbildung, eine Behinderung…

„Die weiß halt auch nicht weiter“, sagte er schließlich.

Weder im Umgang mit ihr noch während er mir über sie erzählte, kam auch nur für einen Atemzug „Überheblichkeit“ auf. Im Gegenteil war erkennbar, wie gut er sich zu den Menschen auf Augenhöhe begeben kann.

Das ist etwas, was mir immer und immer wieder bei sehr vielen Polizistinnen und Polizisten auffällt, mit denen ich unterwegs sein darf.

 

Markus kann übrigens auch anders. Noch in dieser Nacht wurden wir zu einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt gerufen. Eine 18-Jährige beschuldigte ihre Eltern, sie geschlagen zu haben.

Wir kamen in eine hochaggressive Situation mit lautem Geschrei und vielen Tränen auf beiden Seiten.

Letztlich stellte sich heraus, dass die junge Dame gerne verreisen wollte und von ihren Eltern mal eben schlanke 400 Euro wollte. Diese hatten so viel aber gerade nicht übrig.

Markus führte mit der 18-Jährigen dann ein erzieherisches Gespräch, das ich super fand. Er machte ihr deutlich klar, dass es absolut unterste Schublade ist, seinen Eltern derartige Dinge zu unterstellen, weil diese sich gerade nicht in der Lage sehen, einen Reisewunsch zu erfüllen.

 

 

Zuguterletzt fuhren wir zur Verstärkung an einen Unfallort.

Ein Fahrer war mit sehr hoher Geschwindigkeit in eine recht schmale Straße eingefahren. Leider war er dabei volltrunken, so dass er rechts und links nicht gerade wenige Fahrzeuge touchiert hatte. Letztlich war er in einem Transporter mit osteuropäischem Kennzeichen hängen geblieben, dabei hatte er in dessen Heck eine beachtliche Einbeulung hinterlassen.

Bei unserem Eintreffen war ein Streifenteam schon damit beschäftigt, den Unfall aufzunehmen. Zwei Hundeführer kümmerten sich um den mutmaßlichen Fahrer des Wagens – ein junger Mann, der dank seines hochaggressiven Auftretens am Boden gehalten wurde. Um den Schwierigkeitsgrad des Einsatzes zu erhöhen, reklamierte ein zweiter junger Mann für sich, den Wagen gefahren zu sein. Soweit ich das verstanden hatte, widersprach er damit den Zeugenaussagen vor Ort.

 

In der Straße befanden sich eine ganze Menge Leute, die sich den Einsatz sehr interessiert ansahen. Einige hatten auch schon ihr Smartphone filmbereit in der Hand. Vermutlich alles Leute, die es weit von sich weisen würden, als Gaffer bezeichnet zu werden. Fakt ist allerdings, dass sie da äußerst unnötig herumstanden und zusahen.

 

Zwei Rettungswagen inklusive Besatzung hatten sich auch eingefunden.

Um das Durcheinander voll zu machen, kurvten auch ständig Autos durch diese Straße. Entsprechend wurde entschieden, dass zwei weitere Streifen diese Straße absperren sollten.

An beiden Straßen wurde auf der Einfahrtspur ein Streifenwagen quer gestellt und das Blaulicht angeworfen. Eigentlich ziemlich eindeutig. Uneigentlich fuhren dann immer noch ernstlich Fahrer über die Gegenspur in diese Straße ein. Unfassbar. Immerhin wurde es deutlich ruhiger.

 

Leider nicht an der Zuschauer-Front. Dort wurde der Einsatz kräftig kommentiert, natürlich aus einer Position unglaublich fundierten Expertenwissens.

Mein Lieblingssatz war: „Zwanzig gegen einen. Voll der übertriebene Einsatz hier.“

*Seufz*

Ja, schon. Sie waren alle wegen dem einen dort, der irgendwie in der Fahrschule die Stunde verpasst hatte, in der es darum ging, dass besoffen fahren nicht angesagt ist. Aber erstens waren wir nach meiner Zählung in etwa zu zehnt, und nicht zwanzig. Zweitens kümmerten sich maximal zwei um den hochaggressiven Fahrer, die anderen waren mit Unfallaufnahme und Zeugenbefragung (und Zurückschicken der trotz Absperrmaßnahmen in die Straße einfahrenden Mitmenschen) beschäftigt. Und drittens hätte sich maximal ein Rettungsdienstler um den Herrn gekümmert, hätte er sich einfach sozialkompatibel benommen.

Aber Hauptsache, mal wieder der Polizei erklärt, was sie alles falsch macht…

 

 

 

Nach dieser Unfallaufnahme wurde ich an eine weitere Streife übergeben – Gitti und Kevin.

Mit Kevin war ich schon einmal in einer Spätschicht mitgefahren. Auch er hat die Gabe, sich mit Menschen sehr freundlich auf Augenhöhe zu begeben – ich erinnere mich sehr gut daran, wie er einer alten Dame beim Ausfüllen eines Strafantrages geholfen hat, die es einfach nicht so mit Formularen hatte. An der Engelsgeduld kann sich so mancher eine Scheibe abschneiden.

 

 

Unser erster Einsatz in dieser Nacht war allerdings der Versuch, an Essen zu kommen. Was gelang. Teilweise. Mitten im Beschaffungsvorgang kam ein Einsatz wegen Zechbetrugs rein. Blaulichtfahrt.

„Iss am besten jetzt“, sagte Gitti fürsorglich zu mir. „Warm kriegst du das Essen sonst nicht mehr zu Gesicht.“

Ich folgte ihrem Ratschlag, das Essen für die anderen verstaute ich hinter dem Beifahrersitz. Es kam tatsächlich kalt an.

Es ist mir ja irgendwie peinlich, dass mich das Glück in der Nacht so verwöhnt hat.

 

 

Einsatzort war ein Lokal einer Kette, in der ich auch oft und gern verkehre. Ein Mann hatte sein Essen und sein Getränk nicht bezahlt. Als ihm der Geschäftsführer hinterherlief, zeigte der Zechbetrüger ein Messer vor.

Angesichts solch stechender Argumente entschied der Mann, die Lösung dieses Problems der Polizei zu überlassen.

Er gab uns eine sehr gute Personenbeschreibung und wir suchten im Streifenwagen (ich vertilgte dabei die fast schon kalten letzten Überreste meines Menüs) den Nahbereich um das Lokal ab.

Mindestens eine weitere Streife unterstützte uns dabei.

Und tatsächlich:

„Das ist er doch“, sagte Kevin.

Die Beschreibung passte.

Tatsächlich war es unser gesuchter Zechpreller.

Eine weitere Streife kam hinzu, nicht zuletzt, weil die Info mit dem Messer im Raum stand. Auch Kevin und Gitti kommen gern gesund aus dem Dienst nach Hause – so wie alle Polizisten.

Das Messer hatte er nicht mehr bei sich, offensichtlich hatte er es unterwegs entsorgt.

Er gab allerdings zu, in diesem Lokal gewesen zu sein und hatte auch den Kassenzettel bei sich.

Nun schreibt sich das für mich schnell herunter, aber die genaue Abklärung eines solchen Sachverhalts dauert schon eine Weile. Ich habe dabei nicht auf die Uhr gesehen, aber es reichte für zwei Radfahrer sich auf dem Bürgersteig durch unsere Ansammlung hindurchzudrängeln (weil die Polizei grundsätzlich nur zur Dekoration auf Bürgersteigen im Kreis um Bürger herumsteht) sowie einigen Fußgängern.

Einer wollte von uns wissen, wo denn der nächste Taxistand sei – mit einem langen Blick auf die beiden Streifenwagen.

Nix da, mein Freund. Falsche Farbe, falsche Beschriftung.

Einer der jungen Polizisten beschrieb ihm den Weg.

„Wie weit ist denn das?“

„Etwa 800 Meter.“

„800 Meter?“
Dabei ein Schmerz verzerrtes Gesicht. Als hätte man ihm gesagt, dass er 10 km wandern müsse. Stramm bergauf.

„Ist nicht so weit, wie es sich anhört.“

Schließlich gab der Mann klein bei und trollte sich. In die andere Richtung.

 

Der Geschäftsführer des Lokals freute sich sehr, dass wir den Zechpreller hatten. Ich freute mich auch.

 

Für den Rest der Nacht präsentierte Ludwigshafen sich sehr ruhig. Das heißt aber nicht, dass mein Streifenteam arbeitslos gewesen wäre. Gitti und Kevin suchten proaktiv nach Einsätzen. U.a. überprüften wir auch einen einsam an einem Feldweg stehenden Roller und machten Einbruchspräventionsstreifen.

 

Zurück zum darauffolgenden Montag. Ich muss zugeben, dass mir die Polizistinnen und Polizisten, die ich bei ihrer professionellen Arbeit beobachten darf, dabei immer ein Stück weit ans Herz wachsen. Plötzlich diesen Spruch um die Ohren geschlagen zu bekommen, traf mich mitten rein, in dieses Herz.

Überheblichkeit…

Ich schließe ja gar nicht aus, dass die junge Dame tatsächlich Menschen kennt, die zur Polizei gegangen sind und die sie als überheblich empfindet.

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann gibt es sogar bei meiner Lieblingspolizei in Rheinland-Pfalz tatsächlich drei Polizeibeamte, die ich mit dieser Vokabel belegen würde. Das sind 0,03% aller Polizisten in RLP. Als Quote nicht wirklich repräsentativ und somit keine Grundlage für eine Aussage, wie sie mir die junge Dame am Montagmorgen präsentierte.

(Es braucht sich auch niemand Mühe geben, da mehr aus mir herauszubringen. Ich pflege solche Meinungsverschiedenheiten mit den Betroffenen persönlich zu klären. Ebenso braucht sich auch niemand Fragen zu stellen, der mich schon mal im Streifenwagen hatte oder dessen Schicht ich mal begleiten durfte. Ihr hättet es von mir direkt vernommen, wenn ich ein Problem gehabt hätte…. wp-monalisa icon Die Drei wissen Bescheid.)

Ich halte es also nicht für unmöglich, dass meine Gesprächspartnerin Erfahrungen gemacht hat, die sie zu diesem Urteil verleitet haben. Vielleicht kamen ihr die Leute aus ihrer Schulzeit, die sich für die Polizeilaufbahn entschieden haben, wirklich so vor.

Verallgemeinern sollte sie solche Dinge allerdings nicht.

Gerade im Kontrast zu den Einsätzen mit den Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen, kam mir diese Aussage hochgradig ungerecht vor und tat mir sogar ein bisschen weh. Die einzigen, die die Vokabel „überheblich“ in dieser Nacht verdienen, sind jedenfalls nicht die an den Einsätzen beteiligten Polizisten. Bei den Kommentatoren von Polizeieinsätzen, den Respektlosen, die meinen, sie müssten sich noch durch einen Polizeieinsatz drängeln, anstatt ihren Luxuskörper mal einige Meter beiseite zu bemühen, oder jungen Mädchen, die meinen, ihre Eltern wären ihnen eine teure Reise schuldig, würde mir dieses Wort weit eher in den Sinn kommen.

 

Nicht nur diese Schicht nimmt mich immer sehr, sehr herzlich in Ludwigshafen auf. Untereinander hauen sie sich teilweise schon einiges an Sprüchen um die Ohren. Gelegentlich bin auch ich mal Adressatin solcher Ansagen. Ehrlich gesagt macht mich das stolz. Offenbar traut man mir zu, das korrekt einzuordnen. Und wenn es mir zu viel wird, das auch mitzuteilen.

Nicht nur die Menschen, die ich bereits kennen gelernt habe, auch ihre Kollegen halten Tag für Tag im Dienst an uns als Gesellschaft den Kopf für uns hin. Sie sind vor allen Dingen das – Menschen. Mit Fehlern, mit Schwächen, aber auch mit einer ganzen Latte an sehr guten Eigenschaften ausgestattet. Allen voran die Eigenschaft, die Gesellschaft durch ihren Einsatz besser machen zu wollen. Das steht für mich auch bei den 0,03 %, bei denen es im zwischenmenschlichen Bereich nicht so geklappt hat, im Vordergrund.

Ein kleiner Weihnachtswunsch  wäre, dass Menschen in Zukunft besser nachdenken, bevor sie solche verallgemeinernden Wertungen heraushauen.

Mein großer Weihnachtswunsch wäre, dass das Gros der Gesellschaft es wichtiger findet, den Dienst unserer Polizistinnen und Polizisten an uns als Gesellschaft zu würdigen als an irgendwelchem Kleinkram ihre Kritik aufhängen. Oder an Einsätzen, die sie eigentlich nicht wirklich beurteilen können. Ich wünsche mir, dass meine Mitbürgerinnen und Mitbürger sich viel öfter bei unseren Einsatzkräften bedanken. (Nicht nur) Heiligabend und an den folgenden Feiertagen sind sie wieder für uns im Einsatz. Vielleicht findet ja der eine oder andere Zeit dafür, sich zwischen Küchenstress und Geschenkeauspacken daran zu erinnern, wer ihm die Sicherheit dafür schenkt – und einfach mal in seiner örtlichen Dienststelle Danke zu sagen.

 

Danke für Euren täglichen Einsatz, liebe Polizei in Ludwigshafen und anderswo. Ich wünsche allen Polizistinnen und Polizisten ein frohes Weihnachtsfest – und mindestens einen Bürger, der auch daran denkt, ihnen ein frohes Fest  zu wünschen. Kommt alle gesund nach Hause zu euren Lieben.

Am heutigen Morgen, den 22.12.17 kurz nach 6 Uhr, fuhren wir, zwei Streifen des Abschnitt 35, zu „Hilferufen weiblich“.
Alarmiert hatte uns eine Nachbarin des Hauses, welche diese Rufe wahrgenommen hatte.

Wir hörten an der angegebenen Adresse überhaupt nichts. Also hielten wir Rücksprache mit der Anruferin.
Sie konnte uns nicht genau beschreiben, woher das Wimmern und das Schreien wirklich kam.
Aber kurze Zeit später klopfte ein Kollege an eine Tür und Treffer. Wir hatten die vermeintlichen Hilferufe gefunden.
Es öffnete uns eine junge Frau, welche total aufgelöst und verweint war.
Nach einem kurzen Gespräch erfuhren wir auch den Grund.

Sie war maßlos traurig, weil sie ihren Zug in ihre Heimat verpasst hatte und sie Weihnachten nicht mit ihrer Familie feiern konnte.
Eine neue Fahrkarte konnte sie sich nicht leisten.
Im weiteren Gespräch erfuhren wir wohin sie wollte.
Wie es der Zufall so wollte, wollte mein Kollege Rolf am heutigen Tage auch in die Richtung. Er bot ihr also an, sie und ihre Katze mitzunehmen.
(Das hat mich schon richtig gerührt.)
Es wurde also schnell vereinbart, dass sie kurz nach 12 Uhr (da endete unsere Frühschicht) abgeholt wird.
Und so geschah es auch.

Eben gerade, gg. 17.00 Uhr, habe ich die Rückmeldung erhalten, dass Rolf die junge Frau gut an ihren Vater übergeben hat.

Ich bin unheimlich stolz, so einen tollen empathischen Kollegen in meiner Schicht zu haben.
Für mich ist er ein Weihnachtsengel in Uniform.

Danke Rolf. Du bist klasse.

Dirk Heßler