In den letzten Monaten hatten wir so ein bisschen das Gefühl, dass sich die Presse ingesamt derartiger Situationen mit deutlich mehr Zurückhaltung annehmen würde als früher.

Dieser Eindruck ist allerdings durch die Berichterstattung über den tödlichen polizeilichen Schusswaffengebrauch in Fulda komplett zunichte gemacht worden. Nach wie vor gibt es durchaus einzelne Presseprodukte, die umfassend berichten, ohne Vorverurteilung der eingesetzten Polizeibeamten. Andere eher weniger.

Es begann mit einer Aussage einer Reporterin von n-tv, man müsse prüfen, ob die Schussabgabe der Polizei nicht vielleicht rassistisch motiviert gewesen sei. Diese Aussage fiel bereits am 13. April – dem Tag des Geschehens selbst. Damit war dann die Jagd sozusagen eröffnet.

Gut, es wurde erst drei Tage später genauer bekannt, welches Szenario die Polizei am Einsatzort vorfand – einen mit einem Stein am Kopf schwer verletzten Bäckereiausfahrer. Ein Polizist ist mit dem 19-Jährigen in ein „Gerangel“ gegangen, dabei wurde dem Polizisten der Schlagstock entwendet und der Polizist schwer am Arm verletzt.

Das ging weit über „harmlose“ Randale hinaus. Man muss schon der Realität ziemlich weit entrückt sein, um die Idee zu haben, dass in einer solchen Einsatzlage ein Polizist sich ernsthaft Gedanken über die Herkunft des Angreifers macht, bevor er zur Waffe greift.

Am 16.04. überschlugen sich diverse Medien mit der Feststellung in diversen Artikelüberschriften, dass insgesamt 12 Schüsse abgefeuert wurden. Diese Information reicht den meisten Menschen mit unbedingtem Willen zur Empörung dicke aus, um genau zu wissen, dass dieser Polizist nicht rechtmäßig gehandelt haben kann. Erst weiter unten im Artikeltext findet man dann die Information, dass es sich bei einigen der Schüsse um Warnschüsse gehandelt haben dürfte. Übrigens ein ziemlich gutes Indiz dafür, dass der Schusswaffengebrauch rechtlich durchaus im grünen Bereich gewesen sein dürfte, dafür muss man allerdings einen Blick ins Gesetz tun und nicht aus dem Bauch heraus irgendetwas absondern, was gerade durch den Kopf springt.

Bis hierher habe ich übrigens nichts darüber geschrieben, dass der 19-Jährige ein Afghane war, weil ich ehrlich gesagt den unbedingten Willen zur Empörung gegen alles, was nicht deutsch ist, genau so daneben finde. Diese Verallgemeinerei hilft keinem Menschen weiter und macht die Sache nur noch schlimmer, weil es irgendwann nämlich dann gar nicht mehr um den Vorfall an sich geht, sondern sich beide Seiten nur noch ihre Stereotypen um die Ohren schlagen. Sowohl der 19-Jährige als auch der Schütze werden durch solche Diskussionen einfach nur missbraucht.

Der Vorsitzende des Fuldaer Ausländerbeirats, Abdulkerim Demir, bezeichnete gegenüber dem Portal Osthessen-News das Verhalten der Polizei als „aggressiv“ und „gänzlich falsch“. War er als Augenzeuge dabei, oder was befähigt ihn zu einer derartigen Aussage? Ist er ausgebildeter Polizist? Bei allem Verständnis dafür, dass man die Interessen einer bestimmten Gruppe vertritt – es gibt echt Grenzen.

Der Vorsitzende Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte Hessen, Enis Gülegen, forderte eine lückenlose Aufklärung sowie eine Prüfung der Verhältnismäßigkeit des Schusswaffengebrauchs zu prüfen. Für Herrn Gülegen eine gute Nachricht: Das ist in Deutschland bei unnatürlichen Todesfällen, also auch bei polizeilichen Schusswaffengebräuchen, generell üblich. Es wird immer ein Ermittlungsverfahren durch die Staatsanwaltschaft eingeleitet. Deutschland ist nämlich ein Rechtsstaat und das ist auch gut so. Wir von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. sind übrigens große Freunde dieser Verfahren, die Gründe dafür haben wir schon oft genug dargelegt. Einer davon ist der, dass die Verarbeitung für die betroffenen Polizisten einfacher ist, wenn eine unabhängige Instanz draufsieht und bescheinigt, dass der Schusswaffengebrauch juristisch gerechtfertigt war. Entgegen der obskuren Vorstellungen, die manch einer über unsere Polizisten und Polizistinnen zu haben scheinen, will nämlich keiner von ihnen die Schusswaffe in die Hand nehmen. Keiner von ihnen tritt an, um Leben zu beenden.

Hier nun einige Links zur Debatte. Lobend hervorheben möchte ich dabei die Statements des Staatsanwaltes Harry Wilke sowie des LKA-Sprechers Christoph Schule, die versuchen, mit Sachlichkeit gegen die ins Kraut schießenden Spekulationen anzugehen.

https://www.hersfelder-zeitung.de/hessen/getoeteter-mann-in-fulda-polizist-schoss-zwoelf-mal-9786536.html

http://www.fr.de/rhein-main/landespolitik/schuesse-aus-polizeipistole-zwei-von-vier-kugeln-waren-toedlich-a-1487884?GEPC=s5

Unsere Gedanken sind bei den eingesetzten Polizeibeamten. Wie mag es ihnen damit gehen, einer derartigen Hexenjagd ausgesetzt zu sein? Hoffentlich finden sie ausreichend Ruhe, um den Einsatz für sich nachzubearbeiten, denn – auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – keine Polizistin und kein Polizist tritt an, um Leben zu nehmen.

Wedding – sozusagen das Ludwigshafen von Berlin. Nur noch krasser – um es mal für den Rheinland-Pfälzer runterzubrechen. Die meisten meiner Leser wissen damit vermutlich, was ich meine…

Im Wedding tut Dirk Dienst. Dirk ist stellvertretender Vorsitzender von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. und Polizist. Mindestens einen Polizisten wollen wir im Vorstand, um das Ohr an der Zielgruppe unseres Vereins von Bürgern für Polizisten zu haben.

In einer Nacht Anfang Februar durfte ich im Abschnitt 35 im Wedding eine Nachtschicht begleiten. Dabei stellte ich einige Unterschiede fest. Keinen Unterschied gab es übrigens im herzlichen Empfang. Danke dafür! Ich war auch sehr gern bei Euch!

Daheim war gerade Karneval, was in Berlin nur in wenigen Subkulturen, mehr oder weniger unbemerkt, gefeiert wird.

Mein Streifenteam bestand natürlich aus Dirk sowie aus Rüdiger, beide um die 50.

Dirk, Rüdiger und ich

Überhaupt fiel mir auf, dass in der anwesenden Dienstgruppe mehr ältere Beamte waren als ich sie in Ludwigshafen, dem einzigen wenigstens im Ansatz vergleichbaren Dienstgebiet in Rheinland-Pfalz, zu sehen bekomme. In anderen Bundesländern ist es oft so, dass ältere Beamte sich aus dem Schichtdienst in den Stadtdienststellen wegbewerben und in eher ruhigeren Landdienststellen landen. Eine Vorgehensweise, die sich in Berlin eher schwierig gestalten dürfte…

Wer regelmäßig bei mir mitliest, weiß auch, dass „ruhigere Landdienststellen“ keine Wertung enthält. Meine Heimatdienststelle steht bei mir ganz hoch im Kurs, da ich weiß, was für eine fantastische Arbeit die leisten. Ich bin stolz auf „meine“ Landdienststellen in meinem Bundesland. (Ihr seid der Grund, warum ich nachts ruhig schlafen kann.)

 

Nun aber zum Geschehen im Funkwagen im Wedding.

Zuerst einmal fiel mir auf, dass der Funk zwar lebhaft war, aber gar nicht mal so viel lebhafter als in den rheinland-pfälzischen Städten. Das liegt wohl daran, dass in Rheinland-Pfalz immer die ganze Direktion im Funk zu hören ist.

Hier in Berlin waren drei Abschnitte zu einem Funkkreis zusammengeschaltet.

Dirk hatte noch ein zusätzliches Funkgerät dabei, das er auf den Funkkanal des Nachbarfunkkreises einstellte. Eine sehr vorausschauende Idee, denn plötzlich entschied er:

„Wir fahren da mal hin.“

Mit Blaulicht und Martinshorn ging es los zu einem Schnellrestaurant. Das Grundstück des Schnellrestaurants gehört zum Dienstgebiet des Abschnitts 35, die Straße davor zum Dienstgebiet im Nachbarfunkkreis. Entsprechend war der Notruf beim Nachbarabschnitt aufgelaufen.

 

„Wir dachten zuerst, die kämen von einer Karnevalsparty. Wegen der Masken. Bis die ihre Messer zogen“, gab eine junge Frau zu Protokoll. „Als ich das kapierte, schrie ich nur noch ‚Raus hier, raus hier!'“

„Ja, und ich verstand das erst gar nicht. ‚Ich will meinen Burger‘, hab ich gesagt“, ergänzte eine weitere Zeugin.

Beiden zitterte die Stimme. Verständlich.

Zwei Männer waren in den McDonalds bekommen, einer hatte offensichtlich den Rückzugsweg überwacht, der andere sofort den Kassierer bedroht. Auf der Kasse selbst war eine Kerbe zu sehen, wo der Täter mit dem Messer auf die Kasse eingestochen hatte, um seine Forderung zu verstärken.

„KASSE AUF!“

Nun war er an einen nigelnagelneuen Angestellten geraten, der nicht die leiseste Ahnung hatte, wie diese Kasse zu öffnen sei. Das versuchte er auch klarzumachen. Nun ist aber auch ein Mensch, der gerade einen bewaffneten Raubüberfall vornimmt, nicht schlecht unter Adrenalin – also voll auf Instinkten. Logisches Denkvermögen – Fehlanzeige!

„KASSE AUF!“

Ein weiterer Mitarbeiter stürzte mit einem Messer und einem Spachtel, mit dem man die Pattys (so heißen die Frikadellen, die in die Burger kommen) ablöst, aus dem Küchenbereich nach vorne und lief auf den Räuber an der Kasse zu.

Beide Täter ergriffen die Flucht durch zwei unterschiedliche Türen.

 

Als erstes löste Dirk die beiden Beamten des (im Gebäude unzuständigen) Nachbarabschnitts aus dem Einsatz, dann veranlasste er die Schließung des Restaurants.

„Im Bereich der Kasse nichts mehr anfassen“, hieß die Parole des Tages – die sich leider beim einen oder anderen nicht setzte.

 

Die Kunden, die auch Zeugen waren, durften bleiben und bekamen auch noch serviert.

Ein Vater und seine Tochter hatten die Räuber auch noch über ein paar Straßen verfolgt, deswegen war auch der Notruf falsch aufgelaufen.

Der Geschäftsführer, der gleich mehrere Filialen in Berlin betreut, kam hinzu.

Eine Zivilstreife half bei dem Vernehmungen der Zeugen und dem Aufnehmen der Personalien.

Parallel dazu unternahmen Streifen draußen vor Ort eine Nahbereichssuche nach den Tätern.

Dirk nahm mich mit zur Vernehmung des Personals im Sozialraum. Auf die Art bekam ich auch mal ein Schnellrestaurant hinter der Theke zu sehen, was ich mal wieder äußerst spannend fand. Es war übrigens alles pieksauber.

Der Angestellte, der seinerseits den Täter verscheucht hatte, gab noch einmal seine Geschichte zum Besten. Innerlich schlug ich die Hände über dem Kopf zusammen.

Da hätte ja Gott weiß was bei rauskommen können…

Auch Dirk sah diese Aktion kritisch:
„Was hätten Sie denn gemacht, wenn der Räuber eine Schusswaffe bei sich gehabt hätte? Man geht nicht mit dem Messer zu einer Schießerei.“

Der Angestellte wirkte insgesamt nicht wirklich überzeugt. Ich hoffe für ihn, dass er niemals in einer Berliner Polizeipressemitteilung auftaucht…

Kurz darauf, wir befanden uns wieder vorm Tresen, trafen Kriminalpolizisten ein, die sich u.a. um die Spurensicherung kümmern würden.

„Was kommt denn da? Eure Jugendbrigade?“ ließ sich einer der Anwesenden vor Ort vernehmen.

Wie bist du denn drauf?

Ja, da kamen in der Tat tatsächlich drei Männer, die altersmäßig deutlich unter Dirk, mir oder demjenigen Mitbürger lagen, der diese Frage gestellt hatte. Was im Übrigen keine Kunst ist.

Das aber mit einem Unterton zu unterlegen, der zu besagen schien, dass Jugend und Kompetenz sich automatisch widersprechen… wie sinnentleert…

 

Nachdem alle Zeugen vernommen und ihre Personalien aufgenommen worden waren sowie die Kriminalpolizisten ihre Tätigkeiten zur Spurensicherung verrichteten, rückten wir wieder ab.

 

 

Die Nacht neigte sich ihrem Ende zu. Im Funk hörten wir, wie im Nachbarabschnitt zwei Männer festgenommen wurden, die offenbar einen Einbruchsdiebstahl begehen wollten. Ein dritter Komplize war noch flüchtig. Das Einkaufszentrum, in dem der Einbruch begangen werden sollte, wurde umstellt.

„Da fahren wir auch mal hin“, entschieden meine beiden Herren.

Blaulichtfahrt.

Nun ist der Verkehr in Berlin auch zu nachtschlafender Zeit so, dass man das Martinshorn nicht abstellen kann. In der gesamten Republik scheint ein Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn für einen Fahrer an einer roten Ampel keinen Grund darzustellen, mal Platz auf der Fahrbahn zu machen. Oder auch an anderen Orten.

Ich bekam einige interessante Flüche in breitestem Berlinerisch zu Gehör.

Das Einkaufszentrum befindet sich neben dem S-Bahnhof Gesundbrunnen. Es ist riesig. Entsprechend waren sicherlich gut 30 – 35 Polizeibeamte erschienen, die es umstellt hatten. Auch ein Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei war gekommen. Das war ein sehr, sehr beeindruckender Anblick für mich.

 

Allein eine Front des Einkaufszentrums wurde von drei Streifenwagen abgedeckt, Das sollte ich kurz darauf einmal ganz anders erleben.

Doch bleiben wir in Berlin-Gesundbrunnen.

 

Vorgeschichte: Ein aufmerksamer Bürger hatte gesehen, wie drei junge Männer über einen Zaun kletterten. Das war ihm komisch vorgekommen und er hatte die Polizei angerufen.

Es war die Festnahme erfolgt sowie die Umstellung des Gebäudes.

Den Zaun zeigten uns andere Beamte.

„Die müssen wahnsinnig gewesen sein“, stellte Dirk fest. Da konnte ich ihm nur beipflichten. Der Zaun war so gebaut, dass man eigentlich nicht drüberklettern KONNTE. Mit schweren Stahldornen – und an einer Seite ging es gute sechs Meter nach unten.

 

Vom dritten Mann lag derzeit nur eine Smartphone-Nachricht vor: „Ich bin hier umzingelt von Polizei.“

Das ließ den Schluss zu, dass er irgendwo im Einkaufszentrum war. Mutmaßlich im Parkhaus.

Dieses wurde letztlich von acht Bereitschaftspolizisten durchsucht, von denen jeder mit einer Maschinenpistole bewaffnet war.

Leider war er nicht mehr aufzufinden. Vielleicht hatte er sich doch ganz woanders in Sicherheit gebracht – und sich nur blöd ausgedrückt. Manche fühlen sich ja schon „umzingelt von Polizei“, wenn in 50 Meter Entfernung eine Streife vorbeiläuft oder wähnen sich im „Polizeistaat“, wenn mal ein Streifenwagen irgendwo steht…

Letztlich rückten wir ab.

 

 

Natürlich war das nicht alles für diese Nacht. Immerhin spielt die in Berlin:

 

Es gab zwei Einsätze wegen Schlägereien am Leopoldplatz. „Fliegende Flaschen“ spielten eine Rolle im Funk.

Einer der Eingangsbereiche der dortigen U-Bahn-Station ist im Winter ein beliebter Aufenthaltsort der örtlichen Trinker-Szene. Es ist warm, es ist trocken und man kommt recht schnell an Nachschub.

Alkohol ist ja generell dem menschlichen Denkvermögen nicht förderlich, schon gar nicht, wenn man sowieso gerade ganz unten angekommen ist. Entsprechend eskalieren die Gespräche unter Trinkbrüdern regelmäßig, einer der ortsansässigen Geschäftsleute ruft die Polizei und die rückt ein.

In unseren Fällen mit sieben Streifenwagen. Innerhalb von drei Minuten.

„Meine“ Landdienststellen wären begeistert.

Nicht mal die Hälfte der in drei Minuten angerückten Streifen.

 

Beide Male war bei Eintreffen der Funkwagen bereits alles wieder ruhig. Die Verbrüderungen gehen in diesem Kreise genau so schnell wie die Eskalationen.

Einer der Herren interessierte sich sehr für das Patch von „Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.“, das ich im Einsatz immer trage, um mich kenntlich zu machen. Mir sind schwer alkoholisierte Menschen immer unheimlich, weil ich sie nicht einschätzen kann. Ich ließ es aber zu, dass er sich das genauer ansah. Weil ich dankbar für jeden Menschen bin, der sich für mein Herzblut-Thema interessiert. Weil ich kein Quell neuen Ärgers für die anwesenden Polizisten sein wollte. Und weil ich genau sah, dass einer von Dirks Kollegen die Situation ganz genau im Blick hatte. Mir würde hier nichts passieren.

 

Zwölf Stunden vorher war ich hier noch umgestiegen auf dem Weg zum „Frühshoppen“ im Touristenviertel… und hatte zwar grob daran gedacht, dass ich nachts diesem Bahnhof sicherlich noch einmal begegnen würde. Aber nicht in solchen Details. Wir alle wissen gar nicht, was die Polizei Tag für Tag für Tag für uns alle tut – entsprechend wissen es leider auch nur wenige zu schätzen.

 

 

Wir hatten ebenfalls einen Einsatz wegen eines Mannes, der in einer Gaststätte um die Ecke der Dienststelle seine Frau verprügelt hatte.

„In der Kneipe sind einige Jahre Knast versammelt“, klärte Dirk mich auf.

Eine erfolglose Nahbereichssuche schloss sich dem an.

 

Dirk und Rüdiger nahmen eine Anzeige wegen Unfallflucht auf.

 

Ein Fahrer, der meinte, bei gelb noch kräftig Gas geben und um eine Kurve hämmern zu müssen, wurde kontrolliert. Wieder einmal kam ich in den Genuss, die unendliche Geduld eines Polizeibeamten in der Diskussion mit einem weitgehend uneinsichtigen Mitbürger zu bewundern. Mir geht ja nur sehr wenig mehr auf die Nerven als Menschen, die objektiv vorhandene Gesetze abbügeln mit Wendungen wie „Meine Meinung ist eine andere.“ Mag ja sein, mir gefallen auch nicht alle Gesetze. Eine Gesellschaft, die funktionieren soll, braucht aber Spielregeln. Wenn jeder jede Spielregel mit seiner Privatmeinung außer Kraft setzen könnte, dann bräuchten wir auch keine. Und auch keine Polizei. Dann würden wir alle ein sehr spannungsgeladenes und äußerst unsicheres Leben in der Anarchie führen. Allerdings nicht sehr lange – es würde sich sicherlich irgendein Babo finden, der gern in dieses Machtvakuum hineinstößt – und ob dessen Regime dann angenehmer ist als ein demokratischer Rechtsstaat, das wage ich mal zu bezweifeln. Da bezahle ich dann doch lieber meine Bußgelder, wenn ich mal meinen Bleifuß nicht so recht im Griff hatte, und gönne mir und dem erhebenden Beamten ansonsten einen ruhigen Resttag.

Dirk hingegen gab alles, um Einsicht zu erzeugen. Am Ende hatte er sogar ein bisschen Erfolg. Hoffen wir, dass die Einsicht auch nachhaltig war.

 

Zum Abschluss möchte ich noch auf einen Unfall zu sprechen kommen. Die Unfallverursacherin hatte sich selbst bei der Polizei gemeldet. Sie hatte beim Einparken ein weiteres Auto touchiert.

Dirk und Rüdiger nahmen den Unfall auf. Während Rüdiger noch mit der jungen Dame und dem Zeugen redete, suchten Dirk und ich die Fahrzeughalterin auf.

Auf der Suche nach der Fahrzeughalterin

 

Dort war Dirk erstmal kurzfristig für eine halbe Minute abgelenkt, die Dame öffnete nämlich mit einem riesigen hübschen Kater auf dem Arm. Dirk als Katzenfan musste da erstmal einen kurzen Flirt einlegen. (Sagte ich schon mal, dass in Uniformen Menschen stecken? Falls nicht, wiederhole ich das hier gerne nochmal…)

 

Alles in allem endete das Ganze freundlich. „Hauptsache, es ist niemandem etwas passiert und nur ein Blechschaden“, lautete die allgemeine Formel und am Ende verabredeten sich Unfallbeteiligte und Zeugen noch zum Kaffeetrinken. Auch das ist Berlin!

 

Diese Nachtschicht war für mich sehr interessant. Die Berliner Polizei, besonders der Abschnitt 35, hat einen ganz großen Fan in mir. Ihr wart einfach klasse.

Ich habe freundliche, zugewandte und professionelle Polizisten bei der Arbeit gesehen. Vor dem Hintergrund ist es nicht nachvollziehbar, was bei den Menschen, die bei der Berliner Polizei arbeiten, am Ende des Monats auf dem Gehaltszettel zu stehen kommt. Oder der Bezügemitteilung, um im korrekten Beamtendeutsch zu bleiben.

Lieber Berliner Senat – bezahlt Eure Polizisten endlich ordentlich. Diese Menschen halten für Euch den Kopf hin und den Laden zusammen. Und gebt Ihnen endlich eine ordentliche und angemessene Ausstattung. Es ist für mich nach wie vor nicht nachvollziehbar, wieso ausgerechnet eine Hauptstadtpolizei noch keine anständige Ausrüstung für Terroranschläge hat. Wer fährt denn bspw. bei einem Terroranschlag als erstes am Einsatzort vor?

Polizistinnen und Polizisten repräsentieren und vertreten diesen Staat und sie schützen ihn auch. Dafür sollte man ihnen den Rückhalt geben, den sie verdammt noch mal verdienen.

Den Polizistinnen und Polizisten des Abschnitt 35 an dieser Stelle ein dickes Danke für den herzlichen Empfang! Ihr seid klasse!

Hallo liebes KGgP-Team!

Herzlichen Dank für eure Anteilnahme an meinem dienstlichen Ereignis, bei dem ich verletzt wurde. Die Genesungswünsche sind bei mir eingegangen und ich habe mich sehr darüber gefreut!
Von mir zum Vorfall ein kurzes Feedback:
Ich bin mittlerweile vollständig genesen und befinde mich auch wieder im Dienst. Zum Glück blieb es bei der Prellung meines rechten Knöchels und den verbalen Ausfällen des Herrn, welcher mir diese Verletzung zugefügt hatte.

Weiterhin möchte ich euch für euer Engagement und den Respekt gegenüber uns Polizisten entgegenbringt, bedanken. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass man als Polizist dies in dem von euch gezeigten Umfang erfährt. Bei solch einem Zuspruch fühle ich mich in meinem Beruf wieder etwas wohler und kann auf Rückhalt von Personen zählen, welche keine Kollegen sind.

Macht weiter so!

Viele Grüße aus Mittelfranken!

Nach dem furiosen Einstieg in Sachen häuslicher Gewalt, der gleich in einer Gewahrsamnahme endete, quartierte Kai mich kurzerhand um in einen anderen Streifenwagen – zu Kai und Tim.

„Bei denen wirst du dich zu Tode langweilen – die reden kein Wort miteinander“, kündigte mir Tim, der Anwärter, an. Das mit einem Zwinkern in den Augen, das mir klar machte, dass ich vermutlich lustige Zeiten vor mir haben würde.

 

 

Unsere erste Mission begann ganz harmlos – wir zogen aus, Essen zu beschaffen. Nicht nur ich, auch meine beiden Herren hatten Hunger bis unter beide Arme.

„Schlägerei auf der Kerbe in Trippstadt, alle anderen Streifen im Einsatz.“

Kai trat das Gaspedal durch, Tim warf Blaulicht und Martinshorn an. Ich hielt mich fest und verabschiedete mich von dem Gedanken an Essen. Von Kaiserslautern bis Trippstadt sind es etwa 12 km, von denen die wenigsten durch den Stadtverkehr führen, sondern durch den Pfälzer Wald.

Alter Schalter!

Das war ja wie daheim, wenn es durch die Eifel- oder Westerwaldausläufer geht. Wieder einmal konnte ich mich nur wundern, wie weit man die Gesetze der Physik ausnutzen kann, ohne sie zu brechen. Nicht zur privaten Nachahmung empfohlen, übrigens…

Auf dem Weg überholten wir sogar einen Rettungswagen, der ebenfalls mit Blaulicht und Martinshorn nach Süden raste. Ich nehme an, die Besatzung war ganz froh, dass die Polizei als erstes bei der Schlägerei eintreffen würde – die haben einfach die bessere Ausstattung, um Gewalt zu begegnen.

 

Mit einem letzten Schlenker passierten wir das Ortsschild von Trippstadt. Tim kannte sich aus und dirigierte Kai in Richtung des Volksfestes (falls sich einer der Leser fragte, was eine „Kerbe“ ist. Ich persönlich glaube, dass Rheinland-Pfalz das Bundesland mit den meisten regional unterschiedlichen Bezeichnungen für so etwas ist.)

Wir stiegen aus und drängelten uns durch die Menschenmenge.

Zu meiner Erleichterung hatte sich schon ein kräftiger Herr Mitte 30 des Hauptschlägers angenommen und hielt ihn gekonnt am Boden. Deshalb war ich auch wenig verwundert, als sich herausstellte, dass der Helfer Bundespolizist ist. Erleichtert war ich auch.

Offensichtlich hatte der ziemlich betrunken wirkende Mann, der da am Boden lag, an der Theke das eine oder andere Bier konsumiert. Aus heiterem Himmel hatte er dann auf einen der anderen Gäste eingeschlagen.

Ich sah den Rettungswagen am anderen Ende des Volksfestes eintreffen und sich hinter unseren Streifenwagen arbeiten.

Da hier alles friedlich war und meine beiden Herren Zeugenaussagen aufnahmen, entschied ich, die Besatzung des Rettungswagens einzuweisen. Übrigens dieselbe Besatzung, die wir schon vor dem Haus des Familienvaters im Einsatz getroffen hatten.

Es stellte sich heraus, dass der Schläger der einzige Verletzte war, er hatte eine blutende Wunde an einem Finger. Die sollte im Rettungswagen behandelt werden.

Eine zweite Streife traf ein, Isabell und der dritte Kai. Mit den beiden würde ich auch noch in dieser Nacht fahren. Die beiden gaben aber nur ein sehr kurzes Gastspiel, denn sie wurden zu einer Schlägerei im Stadtpark gerufen und rückten genau so ab, wie sie gekommen waren – in Höchstgeschwindigkeit mit Blaulicht und Martinshorn.

Innerhalb dieses Gastspiels hatten sie zwei Strafanträge gegen unseren Schläger aufgenommen.

Meine beiden Herren waren noch damit beschäftigt, herauszufinden, mit wem wir es da eigentlich zu tun hatten. Der Herr hatte nämlich keine Papiere dabei. Dabei bekamen sie ungeahnte Unterstützung von einem der Lokalpolitiker aus Trippstadt. Nun hatten sie einen Namen. X.

Letztlich entschied die Besatzung des Rettungswagens, Herrn X. ins Krankenhaus nach Kaiserslautern zu bringen. Da er aber nun auf andere eingeschlagen hatte, musste Tim mitfahren, um den Sanitäter zu schützen.

Also rückte ich vorübergehend auf den Beifahrersitz. Mein inneres Kind freute sich einen Wolf, während ich gleichzeitig leise besorgt um Tim und den Sanitäter war.

 

In der Klinik wurde als erstes die Wunde des Mannes gereinigt und genäht. Er war zu diesem Zeitpunkt recht friedlich.

Nun musste noch geklärt werden, ob der Mann im Krankenhaus verbleiben musste – was für Kai und Tim bedeutet hätte, ebenfalls dort bleiben zu müssen, da er ja potentiell gewalttätig war – oder ob er gewahrsamsfähig war.

„Ruf mal bitte Kai, den Dienstgruppenleiter, an und frag nach, ob ein Krankenhausarzt Gewahrsamsfähigkeit bescheinigen darf?“ bat Tim, denn der andere Kai und er waren damit beschäftigt, X. zu halten, während ihn die Ärztin behandelte.

Dafür ging ich vor die Tür.

„Ja, er darf.“

Super!

Ich ging wieder in den Behandlungsraum.

„Er darf.“

Nun galt es herauszufinden, wie viel X. nun genau getrunken hatte und wie viele Promille er hatte.

„Das Ergebnis der Blutprobe dauert aber ein paar Stunden.“

Meine beiden Herren wirkten unbegeistert. Nur zu verständlich. Stefan und Andreas waren gebunden, weil auch für unseren Zellengast, der seiner Frau einen Spiegel übergezogen hatte, wegen seiner Verletzungen eine Gewahrsamsfähigkeitsprüfung anstand – in einem Krankenhaus in der Umgebung von Kaiserslautern. In diesem hier war ja seine Frau untergebracht. Auch da stand durchaus im Raum, dass alle drei die Nacht im Krankenhaus verbringen mussten.

Wenn nun mit Kai und Tim eine zweite Streife im Krankenhaus festsitzen würde, war das keine gute Sache, denn draußen tobte weiter das Kaiserslauterer Nachtleben.

„Wir probieren mal, ihn pusten zu lassen.“

Kai musste dafür den Alkomaten aus dem Auto holen. Weil ich frische Luft brauchte, ging ich mit ihm mit.

 

Raus war kein Problem, rein kamen wir allerdings nicht mehr. Glücklicherweise kam eine Mitarbeiterin des Krankenhauses vorbei und machte uns die Tür auf, gegen die wir hämmerten.

Tim nahm mehrere Anläufe, den Mann pusten zu lassen. Immer gab er kurz vor dem Punkt, an dem der Alkomat genug hat, auf.

Da er kein Wort Deutsch sprach, war es unmöglich, ihm klar zu machen, wo der Fehler lag.

„Wartet mal.“

Einer der Ärzte verschwand.

 

Nach wenigen Minuten kam er in der Begleitung eines weiteren Arztes wieder.

„Wir probieren mal, ob die beiden eine gemeinsame Sprache sprechen.“

Tatsächlich funktionierte es. Die beiden sprachen sehr ausführlich miteinander.

„Was er erzählt, macht keinen großen Sinn“, vermeldete der Arzt.

Wunderte mich nicht weiter. Warum sollten Erzählungen eines Betrunkenen in einer anderen Sprache zusammenhängender ausfallen als auf deutsch?

Aber immerhin verstand X. jetzt, wie er pusten musste. Und tat es.

0,94 Promille.

Damit war er gewahrsamsfähig. Sagte der Arzt.

Super!

Jetzt brauchten wir das ja nur noch schriftlich, dann konnten wir wieder abrücken. Dachten wir…

 

„Toilet“, meldete sich X.

Suchend sahen meine beiden Herren sich um.

Niemand mehr da.

„Ok“, seufzte Tim. „Dann mal los.“

Sie suchten eine Toilette. Die Tür ließen sie offen. Ich begab mich mal wieder um eine Ecke und bewunderte das überall gleiche Aussehen von Krankenhausgängen.

Nachdem X., sich erleichtert hatte, hätten wir gehen können. Uns fehlte aber immer noch die Bescheinigung der Gewahrsamsfähigkeit. Irgendwie war die den Ärzten durchgegangen. Da kam aber auch am laufenden Band neue Kundschaft rein…

Endlich hielten wir das ersehnte Papier in den Händen, um genau zu sein ich. Meine beiden Herren kümmerten sich um X. Ich durfte wieder für eine Weile nach vorne, während Tim sich neben den Mann nach hinten setzte.

Übrigens – er hatte den gleichen Vornamen wie der Mann, den wir schon wegen des Messerangriffs auf seine Frau im Gewahrsam hatten. Von dem Gesichtspunkt her eine gute Nacht für einen Menschen mit einem derart miserablen Namensgedächtnis wie ich es bin.

 

 

Endlich konnten wir Essen beschaffen. Ich hatte schon Hunger bis unter beide Arme.

„Jetzt haben aber nur noch Fastfood-Ketten geöffnet.“

Mir doch egal. Hauptsache, ich kriege was zwischen die Kiemen.

 

Zurück in der Dienststelle versammelten wir uns im Sozialraum, um unsere Beute zu essen. Für mich war auch ein Kaffee drin.

Dann hatten Kai und Tim einige Berichte zu schreiben.

 

Zwei Beamte der Polizeiinspektion Kaiserslautern 1 hatten einen betrunkenen Autofahrer erwischt.

Die PI KL1 wird auch als „Altstadtrevier“ bezeichnet, da sie mitten in derselben liegt. Freitags- und Samstagsnacht haben die Polizistinnen und Polizisten in erster Linie mit den Nachtschwärmern dort zu tun. Entsprechend gibt es dort eine Altstadtstreife. Neben Beamten der PI KL1 besteht diese aus Mitarbeitern des Ordnungsamtes sowie der Military Police, der us-amerikanischen Militärpolizei. Dies hat damit zu tun, dass das US-Militär einige Liegenschaften in und um Kaiserslautern hat, beispielhaft sei Ramstein Air Base genannt, die ja schon in „Air Force One“ mit Harrison Ford eine Rolle hatte – die Älteren unter uns werden sich erinnern. wp-monalisa icon

Nebenher ist aber auch der normale Wahnsinn durch die PI KL1 in ihrem Dienstgebiet abzudecken. Eben wie der betrunkenen Autofahrer, den also eine Polizistin und ein Polizist der Nachbardienststelle dingfest gemacht hatten. Bei diesem handelte es sich um einen US-Amerikaner, deswegen musste er zur Dienststelle der PI KL2 gebracht werden. Die haben nämlich ein Gerät, mit dem man gerichtsfest pusten kann. Das Bußgeld muss in diesem Fall nämlich sofort erhoben werden. Ist der Übeltäter erst einmal in den Vereinigten Staaten, trifft es im Regelfall niemals mehr ein.

Zudem muss auch hier die amerikanische Military Police hinzugezogen werden.

Kai fragte, ob ich dabei zuschauen dürfte. Ich durfte – und es war sehr interessant.

Die beiden Militärpolizisten waren Amerikaner. Das ist jetzt als Feststellung nicht ganz so platt, wie es sich liest, denn die Military Police stellt auch Deutsche ein – weil das die Verständigung mit den Einheimischen unheimlich erleichtert. Kai, mein heutiger Streifenpartner, war vor der Polizei RLP bei der Military Police gewesen.

Entsprechend spielte sich das Ganze auf englisch ab, wobei die beiden Beamten der PI KL1 sich sehr achtbar schlugen. Ich war mal wieder beeindruckt.

Da auch mein Englisch ziemlich gut ist, fand ich die ganze Szene sehr aufschlussreich, denn natürlich hatte der Delinquent nichts gemacht. Niemand, der von der Polizei mitgenommen wird, hat etwas gemacht. Auch, wenn er es vor meinen Augen gemacht hat, ist er immer sicher, nichts gemacht zu haben.

Same procedure as everytime…

Er pustete gerichtsfest 0,93 Promille.

 

Das machte 525 Euro Bußgeld.

„Oh, well. I can’t pay that now. No money on my account. Ich kann das jetzt nicht bezahlen. Konto ist leer.“

Die Augenbrauen der beiden Herren der Military Police wanderten an den Haaransatz.

„We had Payday yesterday“, bemerkte einer der beiden. „Wir hatten gestern Zahltag.“

Jedenfalls wand sich der Mann weiter, bis er letztlich einsah, dass er so nicht weiterkäme und er zugab, dass sein Konto doch ganz gut gefüllt war.

Dann wollte er seine Bank anrufen, um das Konto freizuschalten, er dürfe so immense Mengen nicht abheben.

Nach einiger Diskussion verstand er, dass er auch damit nicht durchkäme – und ließ sich von den deutschen und us-amerikanischen Polizisten zu einem Geldautomaten begleiten.

 

Da war es auch schon wieder Zeit, mit Kai, dem ehemaligen Militärpolizisten, und Tim in den Streifenwagen zu steigen und Kaiserslautern zu bestreifen.

 

 

„Schlägerei auf der x-Straße.“

Blaulichtfahrt.

Wir trafen auf die Altstadtstreife, in hoffnungsvollem Grün unterwegs.

 

Kai: „Seid ihr sicher, dass das unser Dienstgebiet ist?“

Polizist der Altstadtstreife: „Ja, genau 50 Meter in eurem Dienstgebiet.“

Beide hatten bei dem Gespräch Lachfältchen um die Augen und grinsten breit. Ein bisschen Spaß muss sein. Es wurde sich ja in jedem Fall um die Sachlage gekümmert.

Einen der Herren der Altstadtstreife kannte ich übrigens. Sein Partner nahm gerne unser Patch entgegen, als zwischendurch mal Zeit war.

Vorerst ging es noch um die Klärung, was eigentlich vorgefallen war.

Ein junger Mann gab an, geschlagen worden zu sein. Er gab auch zu, ordentlich getrunken zu haben, er pustete 1,72 Promille. Der andere sei weggerannt.

Während meine beiden Herren noch seine Personalien aufnahmen und ich feststellte, dass mindestens einer der Herren der Military Police vor Ort Deutscher war (wie weiter oben geschrieben), rückte eine weitere Streife der PI Kaiserslautern 1 an.

„Wir haben hier einen, auf den die Beschreibung passt.“

Sie hatten den flüchtigen Schläger angehalten und pusten lassen. Spannenderweise hatte er 1,72 Promille gepustet. Das war wirklich eine Nacht der Doppelungen.

 

 

Nächster Einsatz – Ruhestörung.

Kai und Tim mussten zurückfragen, wo wir genau hinsollten. Nicht nur war die Gegend unübersichtlich – es war auch nichts zu hören.

Als Kai schließlich eingeparkt hatte und wir ausgestiegen waren, war es weiterhin bemerkenswert ruhig. Es handelte sich wohl um ein Studentenwohnheim.

Wir betraten das Wohnheim. Auf einer Treppe kamen uns vier junge Menschen entgegen, Frauen und Männer. Meiner Vermutung nach Studenten.

Sie maßen uns mit einem unfassbar herablassenden Blick von oben nach unten und fragen nicht minder herablassend:
„Was wollt Ihr denn hier?“

Schlagartig schämte ich mich fremd. Immerhin hatte ich auch einige Jahre eine Hörsaalbank in einer Uni gedrückt. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, einem Polizisten so dreist zu kommen. Warum auch?

Übrigens war ich als Studentin auch mal auf einer Party, die von der Polizei Rheinland-Pfalz aufgelöst wurde. Und mit was? Mit Recht! Warum hätte ich diese Beamten also auf solche Art ansprechen sollen?

Und meine Herren lösten zu diesem Zeitpunkt gar nichts auf, sondern schauten nur erstmal nach, was überhaupt anlag.

Hier wurde auch nichts mehr aufgelöst, denn es gab keine Ruhestörung. Es gab nicht mal Leute auf dem Gang, die wir ansprechen konnten. Wenn es überhaupt Krach gegeben hatte, dann waren wohl die letzten vier Verursacher gerade gegangen.

Also rückten wir wieder ab.

 

 

Für eine Weile präsentierte sich die Nacht etwas ruhiger. Meine beiden Herren stoppten zwei Fahrer, deren Fahrweise ihnen verdächtig vorkam. Beide Fahrer pusteten aber 0 Promille und durften somit weiterfahren. Beides waren übrigens US-Amerikaner.

 

Eine dritte Kontrolle nahmen die beiden gerade in Angriff, als wir über Funk eine Schlägerei vor der Nachtschicht, der großen Disko von Kaiserslautern, gemeldet bekamen.

 

 

Als wir vor der Nachtschicht eintrafen, hatten die Türsteher die schlägernden Parteien schon auseinander dividiert. Kai und Tim kümmerten sich um einen jungen Mann, der beschuldigt wurde, einer der Schläger zu sein. Allerdings gab es Zeugen, die dem widersprachen.

Er pustete 1,28 Promille.

Er war sehr besorgt, denn er hatte eine Bewerbung bei einer Bundesbehörde laufen und hatte nun Angst, dass sich der Vorfall auf seine Einstellungschancen auswirken würde.

Durchaus verständlich. Auch Kai und Tim waren nicht taub für die Problematik. Allerdings hatten sie dennoch ein Interesse daran, die Fakten zu ermitteln und unterbrachen deswegen die Schilderung seiner beruflichen Probleme.

Auch dieser Vorfall war bald aufgenommen.

 

 

Wir überholten einen Pick-up, dessen Scheinwerfer nicht eingeschaltet waren. Aber auch hier blieb die Kontrolle ohne Ergebnis. 0 Promille. Nach einer Verwarnung konnte er weiterfahren. Mit eingeschalteten Scheinwerfern.

 

 

Wieder in der Dienststelle mussten Kai und Tim erst einmal ihre Berichte schreiben. Also fuhr ich noch einmal mit der dritten Streife, Isabell und Kai, raus.

 

 

Aus diesem Einsatz kam ich pünktlich zur Entlassung der beiden Namensvettern aus dem Gewahrsam zurück. Da die Polizei den ersten bei etwa 20 Grad und Sonnenschein festgenommen hatte, war er ziemlich leicht bekleidet. Mittlerweile zeigte das Thermometer 5 Grad plus. Entsprechend bekam er die Decke geschenkt. Das fand ich sehr nett!

 

Beide versicherten übrigens noch einmal, dass sie gar nichts gemacht hätten, bevor sie die Dienststelle verließen. Der erste recht zügigen Schrittes, der zweite nicht ganz so schnell. Der wollte nämlich noch den Beamten eine Gratistaxifahrt nach Trippstadt abnötigen. Natürlich erfolglos. Die Polizei ist kein Taxi-Unternehmen. Und die Rechtslage hatte sich seit der letzten Anfrage nicht geändert – sie darf es nicht. Letztlich trollte er sich. Ein kleiner Fußmarsch an der frischen Luft soll ja auch sehr gut gegen Kater sein.

 

 

Damit endete eine ganz schön knackige Nachtschicht.

 

Danke mal wieder nach Kaiserslautern. Ihr habt mir wieder sehr gute Polizeiarbeit gezeigt. Für meine Motivation sind diese Nächte wirklich unschätzbar.

Vor über einem Jahr war ich schon einmal in Kaiserslautern mitgefahren. Meine beiden damaligen Streifenpartner, Kai und Stefan, hatten die Schicht als „zu ruhig“ befunden und so hatten wir eine Wiederholung vereinbart.

Diese fand nun im letzten September statt.

Jetzt weiß ich auch, was die beiden meinten…

 

Ich kam knapp vor der Schichtübergabe. Das gab Kai die Zeit, mir kurz den neuen Gefangenentransporter zu zeigen. Beeindruckend. Vor allen Dingen hat er wohl eine sehr gute Straßenlage, was zur allgemeinen Sicherheit beiträgt. Gut so! Jene, die für uns alle den Kopf hinhalten, sollten auch sicher fahren können!

 

Kai war dieses Mal Dienstgruppenleiter. Er hatte gerade noch Zeit, die Dienstgruppe und mich einander vorzustellen. In dieser gab es drei Kais und zwei Tims. Namen merken würde also selbst für mich kein Problem sein. Theoretisch!

„Du fährst mit Stefan und Andreas.“

Dann schlug auch schon der erste Einsatz ein.

„Da bedroht einer seine Frau und seine Kinder mit einem Messer.“

Wir stürzten in die Streifenwagen.

Festhalten, damit man nicht vom Rücksitz geschleudert wird, während der Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Stadt gejagt wird. Innerlich wieder intensives Verfluchen der Wahl des Ehrenamtes.

Wenn der jetzt echt ein Messer hat? Warum ziehe ich nicht einfach verwaiste Robbenbabys an der Nordsee groß?

Weil die Idee des Subsidiaritätsprinzips einfach ist, dass jeder Bürger das beiträgt, was er am besten kann – und ich kann KGgP einfach besser als Robbenbabys großziehen. Darum saß ich nun da.

Am Zielort angekommen spritzten meine Begleiter aus dem Streifenwagen. Direkt hinter uns flog ein weiterer Wagen ein – die Streife, die einen Anwärter dabei hatte.

Auch ich stieg aus. Wusste dann erstmal nicht weiter.

Vier Polizisten rannten schon in das Haus.

Stefan blieb draußen stehen. Ich stand schräg hinter ihm. Der Mann, um den es ging, stand in seinem Fenster.

„Bleiben Sie stehen, ich will mit Ihnen reden.“

„Wieso?“

„Bleiben Sie stehen.“

Der Mann schrie herum.

Es krachte.

Der Mann fuhr herum, stürzte in die Wohnung.

Stefan rannte seinen Kollegen nach.

Eine dritte Streife raste heran, lief in die Wohnung.

Mein Blick auf die Besatzung eines Rettungswagens, die schon vor uns am Ort gewesen war. Die warteten, mit einem aufmerksamen Blick auf die Tür, vor Ort.

Ok, wenn die beiden Retter auch warten, bis die Polizei fertig ist, dann ist das wohl auch für mich die beste Wahl.

„Ach, du warst gar nicht drin“, fragte Stefan mich später überrascht.

Joah!

Im Gegensatz zu meinem Fernsehpendant Castle bin ich nicht der Ansicht, meine Nase immer ganz vorn mit dabei haben zu müssen. Ich will die Damen und Herren zwar auf keinen Fall allein im Regen stehen lassen – aber dumm im Weg rumstehen und in Gefahr bringen will ich sie auch nicht. Nicht immer einfach, da die Balance zu finden.

Die Haustür und der Flur dahinter sahen so klein aus, dass ich wirklich mehr Angst hatte, die Polizeibeamten zu behindern, als selbst was abzukriegen.

 

Durch die Haustür konnte ich aber sehen, dass der Mann mittlerweile in Bauchlage zu Boden gebracht worden war, wo vier Polizisten auf ihm lagen. Einer davon legte ihm die Schließacht an. Eine Polizistin kümmerte sich um die Kinder, einer koordinierte die Lage.

Schließlich halfen die Beamten dem Mann auf und brachten ihn in unseren Streifenwagen. Er tobte und schrie.

Alles klar! Das heißt dann gleich Fußmarsch, oder eine andere Streife nimmt mich mit.

Zuerst versuchte noch Tim, der Anwärter, mit dem Tobenden zu reden, um ihn zu beruhigen. Das erwies sich als sinnlos.

„Bei dem war ich schon mehrmals“, sagte Andreas irgendwann zu mir. „Teilweise noch in der alten Wohnung. Wir erteilen ihm für zehn Tage einen Platzverweis aus der Wohnung, er verbringt die Nacht im Gewahrsam, kommt am Morgen danach nach Hause – und sie lässt ihn wieder rein.“

Oha.

Da hatte ich offensichtlich wieder einen der Dauerkunden vor mir, die bei den eingesetzten Beamten ein gewisses Gefühl der Sinnlosigkeit aufkommen lassen.

 

Das war nicht mein erster Einsatz wegen häuslicher Gewalt. Aber sowas hatte ich noch nicht gesehen.

Auf dem Boden lag ein in tausend Scherben zersplitterte Spiegel. Die Aussagen des Mannes und der Frau waren widersprüchlich, wer nun letztlich wem den Spiegel übergezogen hat.

Auch sonst sah die Wohnung nach einem wilden Kampf aus. Für mich am schockierendsten war allerdings, dass die beiden Kinder ziemlich gelassen wirkten. Offensichtlich gab es da eine hohe Gewöhnung an derartige Szenen. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was das in den Seelen der beiden Kleinen angerichtet haben kann…

Die Frau blutete an einigen Stellen. Gemeinsam mit den Kindern kam sie ins Krankenhaus. Das dauerte eine Weile, da alles gepackt werden musste. Zudem musste ein zweiter Krankenwagen für die Kinder einbestellt werden.

 

Eine der Streifen bekam einen neuen Einsatz rein und raste mit Blaulicht und Martinshorn davon.

 

Schließlich fuhren die beiden Rettungswagen mit Frau und Kindern ins Krankenhaus.

 

Die zweite Streife rückte ab zu einem Einsatz.

Ähm… und ich? Na ja, der Schrittzähler freut sich…

 

Drei Nachbarinnen hatten sich an der Grundstücksgrenze versammelt und seit geraumer Zeit versucht, die Polizei anzusprechen. Endlich fand Stefan Zeit für sie.
„Wir haben Angst. Der hat uns schon bedroht, dass er uns umbringt, wenn wir die Polizei rufen. Nehmen Sie den jetzt endlich dauerhaft mit?“

 

Auch die Vermieterin war vor Ort. Sie hatte die Nase gestrichen voll davon, regelmäßig derartige Szenen in ihrem Haus zu haben.

 

Stefan konnte nur sagen, dass die Polizei den Mann über Nacht bei sich behalten würde. Mehr konnte er nicht versprechen. Allerdings bat er die Damen, bei der Polizei eine Aussage zu diesen Drohungen zu machen.

 

Mit dem Augenblick, in dem seine Kinder aus seinem Blickfeld verschwunden waren, wurde der Mann zahm wie ein Lämmchen. Entsprechend konnte ich mit ihm im gleichen Streifenwagen zur Dienststelle fahren, wo er von Marc in den Gewahrsam verbracht wurde. Dort wurde er durchsucht. Ich ging dafür um die Ecke, da Personen des anderen Geschlechts bei einer Durchsuchung nicht anwesend sein dürfen – was auch gut so ist. Dann bekam er eine Decke und etwas zu trinken.

 

Allerdings hatte der Mann auch einige Verletzungen, u.a. eine Platzwunde am Kopf. Da seine Frau im Krankenhaus vor Ort war, würden Stefan und Andreas in ins Krankenhaus einer nahe gelegenen Stadt transportieren müssen und eine Menge Papierkram ausfüllen. Also quartierte Kai mich kurzerhand um in einen anderen Streifenwagen – zu Kai (ein anderer Kai) und Tim (nicht der Anwärter).

 

Auch da ging es direkt mit einer knackigen Blaulichtfahrt los. Das ist aber ein anderer Artikel, in dem auch eine weitere Gewahrsamnahme vorkommt. Irgendwann mussten auch diese beiden ihre Berichte schreiben.

 

Isabell und der dritte Kai nahmen mich mit zu einem Einsatz. Rauchentwicklung in einem Autohaus.

„Wir sind nicht einmal heute Nacht normal irgendwo angefahren“, stellte Isabell fest, während das Blaulicht auf dem Dach zuckte.

„Das liegt vermutlich an unserem Gast“, knurrte Kai, wirkte dabei aber insgesamt nicht wirklich ernst. Widerspricht auch der Tatsache, dass ich schon zwei Mal gebeten wurde, bitte nichts zu schreiben. Nach zwei Schichten in zwei Dienststellen in zwei Bundesländern, in denen NICHTS los gewesen war.

Am Einsatzort angekommen, stiegen wir aus. Kai schwang sich über den Zaun des Autohauses und ging einmal um das Gebäude drum herum.

Isabell und ich warteten.

„Der Rauch wurde da gesichtet, wo jetzt Euer Kollege rumläuft“, teilte der Melder Kai, dem Dienstgruppenleiter, über Telefon mit, der das wiederum uns mitteilte.

„Da ist nichts mehr.“

Kai hatte seine Runde beendet und kletterte zurück zu uns.

 

 

Als wir zurück in der Dienststelle waren, wurden die beiden Herren, die bei der PI Kaiserslautern 2 einsaßen, aus dem Gewahrsam entlassen.

 

Damit endete eine ganz schön knackige Nachtschicht.

 

Danke mal wieder nach Kaiserslautern. Ihr habt mir wieder sehr gute Polizeiarbeit gezeigt. Für meine Motivation sind diese Nächte wirklich unschätzbar.

 

Und diese Nacht war wirklich der Hammer! Wow!

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„Schau mal“, sagte Don und streckte mir die Zunge heraus.

Mein kleiner Sinn für absurde Situationen amüsierte sich. Da streckt ein Kölner Polizist der Vorsitzenden von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. die Zunge heraus. Und es war absolut nett gemeint.

Dirk Rohde, genannt Don, hat nur noch eine halbe Zunge.

„Ich musste sehr hart üben, um wieder normal sprechen zu können. Sonst hat man in meinem Beruf keine Chance.“

Don und ich waren gerade auf dem Weg zu Bazaar Kebap, einem Lokal in Köln-Nippes, wo er mit mir essen gehen wollte. Ich hatte ihn um ein Interview gebeten, weil mich seine Geschichte fasziniert hat. Der Verein Keine Gewalt gegen Polizisten e.V., dem ich vorsitze, macht es sich ja unter anderem zur Aufgabe, zu zeigen, dass hinter Polizeiuniformen Menschen stecken – und eines war mir im Vorfeld schon klar – dieser Mensch ist ein sehr außergewöhnlicher.

Nun ist es ja grundsätzlich nichts Besonderes, wenn man ein Interview anlässlich eines gemeinsamen Essens vornimmt. Wenn allerdings für einen der Interviewpartner Essen mehr mit Qual als mit Genuss zu tun hat, weil er krankheitsbedingte Schluckbeschwerden hat und auch nichts mehr schmeckt, dann zeigt schon dieser Vorschlag, dass er kein Mensch ist wie jeder andere.

 

Don ist seit 35 Jahren Polizist. Er hat sogar vor etwa 30 Jahren eine Ausbildung beim SEK gemacht, diese aber aus privaten Gründen abgebrochen.

Im Mai 2015 bekam er die Diagnose „Mundbodenkrebs“. Seit Januar 2017 ist er wieder im Dienst als Motorradpolizist in der Kölner Innenstadt. Zwischen diesen Daten lag eine unglaubliche Zeit des Leidens und eines Kampfes zurück ins Leben.

 

Im Bazaar Kebap holte ich zwar mein Notizbuch raus, schrieb dann aber doch nichts auf. Ich entschied, diesen Artikel rein aus der Erinnerung zu schreiben.

Auch meine vorbereiteten Fragen brauchte ich nicht. Don lenkte das Gespräch. Und er lenkte es gut. Wenn etwas gut läuft, kann ich mein inneres Alphatier auch mal im Zaum halten.

 

„Das waren teilweise unvorstellbare Schmerzen“, sagte er über die Zeit seiner Krankheit. „Noch einmal halte ich das so nicht durch.“

Er zeigte mir Bilder von Freunden, die er durch den Krebs kennen gelernt hat. Teilweise schlimme Bilder. Von Menschen, die bereits tot sind. Man sieht diesen Bildern an, dass es kein schöner Tod war.

„So was mache ich nicht mit. Ich muss alle sechs Wochen zur Tumorkontrolle. Sagen die mir, dass der Krebs wieder da ist, schmeiße ich eine Riesenabschiedsfeier. Und dann geht’s in die Schweiz.“ Dort hat er bei einer Sterbehilfeorganisation für den Fall einer tödlichen Diagnose eine Freitodverfügung unterzeichnet.

Er begründet seine Einstellung zum Tod mit seiner SEK-Vergangenheit. „Menschen, die beim SEK waren, sind vermutlich so. Die nehmen ihre Gegner mit, nicht umgekehrt. Ich möchte in Würde gehen. Nicht qualvoll und langsam sterben.“

Er weiß auch, dass dieses Thema polarisiert. Meiner Ansicht nach muss das jeder für sich selbst entscheiden.

„Diese Tumorkontrollen sind für mich immer wieder ein Datum, an dem ich erfahre, ob ich weiterlebe – oder sterbe.“

 

Er erzählt von seinem Kampf gegen die Krankheit und zurück ins Leben. Zeigt mir die Narbe, die er einmal bei einem Bagatellunfall den gegnerischen Parteien gezeigt hat, die sich gegenseitig wegen Kleinkram zerfleischten. Die Unfallbeteiligten trennten sich friedlich. Die Geschichte postete er in seinem Facebook-Blog. Die Presse kam drauf. Und ich dann durch die Berichterstattung auch.

Bei mir traf er damit einen Nerv. Seit ich die Polizei öfters mal in den Einsatz begleiten darf, kommen mir viele Alltagssituationen vor wie Kleinigkeiten. Verstärkt wird das durch zwei Menschen in meinem Umfeld, deren Krebs nur noch palliativ behandelt werden kann. Deswegen wollte ich ihn gern interviewen und über ihn schreiben.

 

Don zeigt mir auch, wie viele Muskeln an seinem Hals weggenommen wurden. Ich bin beeindruckt davon, dass er weiterhin einen Motorradhelm trägt.

 

Essen dauert bei ihm sehr lang. Er trinkt dazu eine Art Smoothie, in dem er Gemüse verarbeitet hat.

„Meine Speichelproduktion ist kaputt. Also muss ich beim Essen viel trinken, weil ich es sonst nicht schlucken kann. Und wenn ich das Gemüse nicht zusetze, dann nehme ich zuviel ab.“

Fast habe ich schon ein schlechtes Gewissen, wie ich meine Lammkoteletts genieße. Aber eben nur fast, denn er schafft es, mir trotz allem das Gefühl zu geben, als sei das hier ein normales Essen.

Was sicherlich auch an den Betreibern des Lokals liegt. Sie kennen sein Problem, er muss nichts erklären.

Deswegen hat er sogar eine Sondergenehmigung des Polizeipräsidiums, dort seine Essenspausen zu machen, obwohl es nicht in seinem Dienstgebiet liegt. Überhaupt verhält sich das Präsidium ihm gegenüber hochanständig. Das finde ich klasse.

Don engagiert sich auch für andere Krebskranke. Nicht nur in seinem Blog „Schockdiagnose Krebs. Und plötzlich ist alles anders.“ auf Facebook. Er fungiert auch als Ansprechpartner für Kopf-Hals-M.U.N.D. Krebs e.V., ein Selbsthilfeverein. Er verschenkt gerne Polizeiteddys. Ich bekam auch einen zum Empfang. Der steht auf einem Ehrenplatz.

„Einer meiner Freunde hat sich damit beerdigen lassen.“

Man merkt Don an, dass ihn das sehr bewegt hat. Mich bewegt es auch.

Bildquelle: privat

Nach dem Essen fährt er mich noch an den Bahnhof. In seinem neuen Auto. Ein schicker Flitzer. Der gehört zu seinem Programm, sein Leben zu genießen, so lange er kann.

„Ich genieße jeden Tag, den ich noch habe. Das Leben ist schön.“

 

Ein Mensch, der durch die Hölle gegangen ist, und für sich nicht nur Lebensfreude wiedergefunden hat, sondern auch einen Sinn. Anderen bei diesem Gang durch die Hölle helfen.

 

Ich wünsche mir, dass Menschen, die einem Polizisten gegenüberstehen, in diesem nicht nur die Funktion sehen, sondern auch den Menschen. Vielleicht ist nicht jeder Mensch ein so beeindruckender Typ wie dieser spezielle Polizist – aber Don ist der Beweis, dass uns diese Menschen überraschen können.

Lassen wir unsere Blicke nicht an der Uniform abprallen, sondern schauen wir tiefer.

„Zur Polizei gehen doch auch nur die überheblichen Typen…“

???

Mit dieser Weisheit überraschte mich an einem tristen Wintermorgen eine junge Dame. Dazu sei gesagt, dass es ein Montag war und deutlich vor neun Uhr – also nicht gerade der Zeitpunkt, zu dem ich warmgelaufen bin und somit eine deutliche Steigerung der winterlichen Tristesse.

 

Damit katapultierte sie mich in die Sprachlosigkeit und etwa 51 Stunden zurück in die Vergangenheit sowie mindestens 150 km nach Südosten. Gerade war für die Nachtschicht, die ich bei der Polizeiinspektion Ludwigshafen 1 begleitet hatte, das Dienstende ausgerufen worden.

„Trinkst du noch mit uns ein Feierabendbier, bevor dein Zug fährt?“

(Einschub für all jene, die an dieser Stelle Schnappatmung bekommen: die Damen und Herren sind im Nachgang entweder gelaufen, gefahren worden oder in ein öffentliches Verkehrsmittel eingestiegen…)

Ich freute mich über diese Frage.
„Sehr gern, aber alkoholfrei oder Radler, wenn möglich. Ich möchte nicht in Sylt aufwachen – oder in einem Knast der Bundespolizei.“

„Och kumm. Du kennsch se doch all.“ (Pfälzisch für: „Ach komm, du kennst sie doch alle.“)

Ich muss immer noch lächeln, wenn ich an diesen Satz des Wachhabenden denke. Eine harmlose Neckerei, verbunden mit einer gewissen Wertschätzung. Immerhin traut er mir zu, dass ich mir neben den Namen von 9000 rheinland-pfälzischen Polizisten auch noch die von 35.000 Bundespolizisten merken könnte. Wenn der wüsste, wie vergesslich ich sein kann… 😉

Übrigens gibt es tatsächlich noch Bahnhöfe, wo ich keinen kenne. 😉

 

Zurück zur soeben zuende gegangenen Nachtschicht. Der Zufall hatte es gewollt, dass das Wetter lausig war.

Darüber hinaus war ich mit einer Dienstgruppe unterwegs gewesen, bei der ich schon öfters die Rückbank gedrückt hatte und die mich immer sehr herzlich empfängt. Ich fühle mich von der ganzen Dienstgruppe, bis hin zum Dienstgruppenleiter, immer äußerst wertschätzend behandelt.

 

Ich war wechselweise mit zwei Streifenteams unterwegs gewesen.

Mein erstes Streifenteam bestand aus Markus und Hannah. Markus, mit Mitte/Ende 30 ein erfahrener Polizist, der mir mit als erstes mitteilte, dass er wieder Vater geworden sei – und zwar von Zwillingen. Ich freute mich mit ihm. Hannah hatte gerade ihre Ausbildung hinter sich gebracht.

Mir gefiel Markus Umgang mit dieser blutjungen Kollegin sehr gut. Sehr wertschätzend.

 

Relativ zu Beginn der Nacht bekamen wir einen Einsatz wegen Hausfriedensbruch rein. Eine Dame ohne festen Wohnsitz war eines Supermarktes verwiesen worden, in dem sie vor einigen Jahren wohl mal aus Not etwas hatte mitgehen lassen. Entsprechend hatte der Marktleiter keine Wahl, als das seitdem bestehende Hausverbot durchzusetzen. Auf der anderen Seite war es kurz vor Toresschluss. Schwierig, woanders noch an das Gewünschte – Kaffee und Wasser – zu kommen. Entsprechend wollte sie einfach nicht gehen. Wieder einmal ein Einsatz, in dem ich beide Seiten sehr gut verstehen konnte.

Übrigens eine wirklich nette Dame, die wir da im Supermarkt antrafen. Mit einem Blick auf Hannahs ungewöhnliche Frisur stellte sie fest: „Seeehr attraktiv! Und sehr mutig!“ Da konnte ich ihr nur beipflichten.

In der Zeit war Markus vor dem Supermarkt bei einem Telefonat mit der Dienststelle damit beschäftigt, Informationen über die Dame zu erlangen.

Zudem ist die Rechtslage wohl so, dass bei Menschen ohne festen Wohnsitz in solchen Fällen eine Sicherheitsleistung angesagt ist. Das gefiel der Dame überhaupt nicht. Nachvollziehbar.

Nach diversen Telefonaten zwischen Markus, der Dienststelle und dem Bereitschaftsstaatsanwalt entschied der Letztere, dass Markus und Hannah eine Sicherheitsleitung von insgesamt 0 Euro erheben sowie die Beschuldigte wegen Hausfriedensbruch anhören sollten.

Für die Abwicklung des Papierkrams wurde sie in den Polizeibus gebeten, mit dem Markus und Hannah ihre Streifenfahrten abwickelten. Bei den bereits von mir beschriebenen Witterungsverhältnissen war die Dame dafür dankbar.

Ich kann nicht genau sagen, woran es lag und wie Markus das gemacht hat, aber sein Umgang mit der Dame war einfach reizend. Er hat sie einfach ganz normal behandelt. Nicht anders, als mich oder Hannah. Die beiden haben sogar miteinander gelacht.

Er gab ihr auch noch eine wohlmeinende Warnung mit auf den Weg: „Der X, der ist neulich eingefahren. Wegen dem 30. Hausfriedensbruch. Also nimm das ernst und meide diesen Supermarkt.“ X ist ein anderer Obdachloser, den sie beide kannten. Irgendwann ist auch in solchen kleinen Dingen Schluss mit lustig.

Und ja, ich würde die Hand dafür ins Feuer legen, dass Markus der Dame ein gleiches Schicksal einfach ersparen wollte. Das drückten sein Tonfall, seine Mimik und seine Gestik ganz deutlich aus.

Zum Abschluss beschrieb er ihr noch den Weg zu einem anderen Supermarkt um die Ecke – wenn sie sich gesputet hat, dann hat sie auch noch bekommen, was sie wollte. Hoffentlich!

 

 

Zuvor hatten wir einen Einsatz bekommen, bei dem sich eine junge Frau über ihren Nachbarn gegenüber beschwert hatte.

Zuerst waren die Angaben recht undurchsichtig. Schließlich aber kristallisierte sich heraus, dass die junge Frau ab und an Sex gegen Geld bietet. Aufgrund des Betrags kam es zu Streitigkeiten, zu denen letztlich die Polizei gerufen worden war. Schließlich wurden die Streitigkeiten beigelegt.

„Kennen wir uns nicht?“ fragte Markus schließlich die junge Frau. Sie bestätigte das.

Im Nachgang erzählte er mir, dass er diese junge Frau schon dienstlich recht lange kannte. In früheren Zeiten war sie oft von zu Hause abgehauen, sein Streifenpartner und er hatten sie dann am Rhein gefunden in ziemlich eindeutiger Lage mit einem Mann.

Also schien in Kindheit und Jugend schon nicht alles zum Besten verlaufen zu sein. Dazu keine Ausbildung, eine Behinderung…

„Die weiß halt auch nicht weiter“, sagte er schließlich.

Weder im Umgang mit ihr noch während er mir über sie erzählte, kam auch nur für einen Atemzug „Überheblichkeit“ auf. Im Gegenteil war erkennbar, wie gut er sich zu den Menschen auf Augenhöhe begeben kann.

Das ist etwas, was mir immer und immer wieder bei sehr vielen Polizistinnen und Polizisten auffällt, mit denen ich unterwegs sein darf.

 

Markus kann übrigens auch anders. Noch in dieser Nacht wurden wir zu einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt gerufen. Eine 18-Jährige beschuldigte ihre Eltern, sie geschlagen zu haben.

Wir kamen in eine hochaggressive Situation mit lautem Geschrei und vielen Tränen auf beiden Seiten.

Letztlich stellte sich heraus, dass die junge Dame gerne verreisen wollte und von ihren Eltern mal eben schlanke 400 Euro wollte. Diese hatten so viel aber gerade nicht übrig.

Markus führte mit der 18-Jährigen dann ein erzieherisches Gespräch, das ich super fand. Er machte ihr deutlich klar, dass es absolut unterste Schublade ist, seinen Eltern derartige Dinge zu unterstellen, weil diese sich gerade nicht in der Lage sehen, einen Reisewunsch zu erfüllen.

 

 

Zuguterletzt fuhren wir zur Verstärkung an einen Unfallort.

Ein Fahrer war mit sehr hoher Geschwindigkeit in eine recht schmale Straße eingefahren. Leider war er dabei volltrunken, so dass er rechts und links nicht gerade wenige Fahrzeuge touchiert hatte. Letztlich war er in einem Transporter mit osteuropäischem Kennzeichen hängen geblieben, dabei hatte er in dessen Heck eine beachtliche Einbeulung hinterlassen.

Bei unserem Eintreffen war ein Streifenteam schon damit beschäftigt, den Unfall aufzunehmen. Zwei Hundeführer kümmerten sich um den mutmaßlichen Fahrer des Wagens – ein junger Mann, der dank seines hochaggressiven Auftretens am Boden gehalten wurde. Um den Schwierigkeitsgrad des Einsatzes zu erhöhen, reklamierte ein zweiter junger Mann für sich, den Wagen gefahren zu sein. Soweit ich das verstanden hatte, widersprach er damit den Zeugenaussagen vor Ort.

 

In der Straße befanden sich eine ganze Menge Leute, die sich den Einsatz sehr interessiert ansahen. Einige hatten auch schon ihr Smartphone filmbereit in der Hand. Vermutlich alles Leute, die es weit von sich weisen würden, als Gaffer bezeichnet zu werden. Fakt ist allerdings, dass sie da äußerst unnötig herumstanden und zusahen.

 

Zwei Rettungswagen inklusive Besatzung hatten sich auch eingefunden.

Um das Durcheinander voll zu machen, kurvten auch ständig Autos durch diese Straße. Entsprechend wurde entschieden, dass zwei weitere Streifen diese Straße absperren sollten.

An beiden Straßen wurde auf der Einfahrtspur ein Streifenwagen quer gestellt und das Blaulicht angeworfen. Eigentlich ziemlich eindeutig. Uneigentlich fuhren dann immer noch ernstlich Fahrer über die Gegenspur in diese Straße ein. Unfassbar. Immerhin wurde es deutlich ruhiger.

 

Leider nicht an der Zuschauer-Front. Dort wurde der Einsatz kräftig kommentiert, natürlich aus einer Position unglaublich fundierten Expertenwissens.

Mein Lieblingssatz war: „Zwanzig gegen einen. Voll der übertriebene Einsatz hier.“

*Seufz*

Ja, schon. Sie waren alle wegen dem einen dort, der irgendwie in der Fahrschule die Stunde verpasst hatte, in der es darum ging, dass besoffen fahren nicht angesagt ist. Aber erstens waren wir nach meiner Zählung in etwa zu zehnt, und nicht zwanzig. Zweitens kümmerten sich maximal zwei um den hochaggressiven Fahrer, die anderen waren mit Unfallaufnahme und Zeugenbefragung (und Zurückschicken der trotz Absperrmaßnahmen in die Straße einfahrenden Mitmenschen) beschäftigt. Und drittens hätte sich maximal ein Rettungsdienstler um den Herrn gekümmert, hätte er sich einfach sozialkompatibel benommen.

Aber Hauptsache, mal wieder der Polizei erklärt, was sie alles falsch macht…

 

 

 

Nach dieser Unfallaufnahme wurde ich an eine weitere Streife übergeben – Gitti und Kevin.

Mit Kevin war ich schon einmal in einer Spätschicht mitgefahren. Auch er hat die Gabe, sich mit Menschen sehr freundlich auf Augenhöhe zu begeben – ich erinnere mich sehr gut daran, wie er einer alten Dame beim Ausfüllen eines Strafantrages geholfen hat, die es einfach nicht so mit Formularen hatte. An der Engelsgeduld kann sich so mancher eine Scheibe abschneiden.

 

 

Unser erster Einsatz in dieser Nacht war allerdings der Versuch, an Essen zu kommen. Was gelang. Teilweise. Mitten im Beschaffungsvorgang kam ein Einsatz wegen Zechbetrugs rein. Blaulichtfahrt.

„Iss am besten jetzt“, sagte Gitti fürsorglich zu mir. „Warm kriegst du das Essen sonst nicht mehr zu Gesicht.“

Ich folgte ihrem Ratschlag, das Essen für die anderen verstaute ich hinter dem Beifahrersitz. Es kam tatsächlich kalt an.

Es ist mir ja irgendwie peinlich, dass mich das Glück in der Nacht so verwöhnt hat.

 

 

Einsatzort war ein Lokal einer Kette, in der ich auch oft und gern verkehre. Ein Mann hatte sein Essen und sein Getränk nicht bezahlt. Als ihm der Geschäftsführer hinterherlief, zeigte der Zechbetrüger ein Messer vor.

Angesichts solch stechender Argumente entschied der Mann, die Lösung dieses Problems der Polizei zu überlassen.

Er gab uns eine sehr gute Personenbeschreibung und wir suchten im Streifenwagen (ich vertilgte dabei die fast schon kalten letzten Überreste meines Menüs) den Nahbereich um das Lokal ab.

Mindestens eine weitere Streife unterstützte uns dabei.

Und tatsächlich:

„Das ist er doch“, sagte Kevin.

Die Beschreibung passte.

Tatsächlich war es unser gesuchter Zechpreller.

Eine weitere Streife kam hinzu, nicht zuletzt, weil die Info mit dem Messer im Raum stand. Auch Kevin und Gitti kommen gern gesund aus dem Dienst nach Hause – so wie alle Polizisten.

Das Messer hatte er nicht mehr bei sich, offensichtlich hatte er es unterwegs entsorgt.

Er gab allerdings zu, in diesem Lokal gewesen zu sein und hatte auch den Kassenzettel bei sich.

Nun schreibt sich das für mich schnell herunter, aber die genaue Abklärung eines solchen Sachverhalts dauert schon eine Weile. Ich habe dabei nicht auf die Uhr gesehen, aber es reichte für zwei Radfahrer sich auf dem Bürgersteig durch unsere Ansammlung hindurchzudrängeln (weil die Polizei grundsätzlich nur zur Dekoration auf Bürgersteigen im Kreis um Bürger herumsteht) sowie einigen Fußgängern.

Einer wollte von uns wissen, wo denn der nächste Taxistand sei – mit einem langen Blick auf die beiden Streifenwagen.

Nix da, mein Freund. Falsche Farbe, falsche Beschriftung.

Einer der jungen Polizisten beschrieb ihm den Weg.

„Wie weit ist denn das?“

„Etwa 800 Meter.“

„800 Meter?“
Dabei ein Schmerz verzerrtes Gesicht. Als hätte man ihm gesagt, dass er 10 km wandern müsse. Stramm bergauf.

„Ist nicht so weit, wie es sich anhört.“

Schließlich gab der Mann klein bei und trollte sich. In die andere Richtung.

 

Der Geschäftsführer des Lokals freute sich sehr, dass wir den Zechpreller hatten. Ich freute mich auch.

 

Für den Rest der Nacht präsentierte Ludwigshafen sich sehr ruhig. Das heißt aber nicht, dass mein Streifenteam arbeitslos gewesen wäre. Gitti und Kevin suchten proaktiv nach Einsätzen. U.a. überprüften wir auch einen einsam an einem Feldweg stehenden Roller und machten Einbruchspräventionsstreifen.

 

Zurück zum darauffolgenden Montag. Ich muss zugeben, dass mir die Polizistinnen und Polizisten, die ich bei ihrer professionellen Arbeit beobachten darf, dabei immer ein Stück weit ans Herz wachsen. Plötzlich diesen Spruch um die Ohren geschlagen zu bekommen, traf mich mitten rein, in dieses Herz.

Überheblichkeit…

Ich schließe ja gar nicht aus, dass die junge Dame tatsächlich Menschen kennt, die zur Polizei gegangen sind und die sie als überheblich empfindet.

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann gibt es sogar bei meiner Lieblingspolizei in Rheinland-Pfalz tatsächlich drei Polizeibeamte, die ich mit dieser Vokabel belegen würde. Das sind 0,03% aller Polizisten in RLP. Als Quote nicht wirklich repräsentativ und somit keine Grundlage für eine Aussage, wie sie mir die junge Dame am Montagmorgen präsentierte.

(Es braucht sich auch niemand Mühe geben, da mehr aus mir herauszubringen. Ich pflege solche Meinungsverschiedenheiten mit den Betroffenen persönlich zu klären. Ebenso braucht sich auch niemand Fragen zu stellen, der mich schon mal im Streifenwagen hatte oder dessen Schicht ich mal begleiten durfte. Ihr hättet es von mir direkt vernommen, wenn ich ein Problem gehabt hätte…. wp-monalisa icon Die Drei wissen Bescheid.)

Ich halte es also nicht für unmöglich, dass meine Gesprächspartnerin Erfahrungen gemacht hat, die sie zu diesem Urteil verleitet haben. Vielleicht kamen ihr die Leute aus ihrer Schulzeit, die sich für die Polizeilaufbahn entschieden haben, wirklich so vor.

Verallgemeinern sollte sie solche Dinge allerdings nicht.

Gerade im Kontrast zu den Einsätzen mit den Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen, kam mir diese Aussage hochgradig ungerecht vor und tat mir sogar ein bisschen weh. Die einzigen, die die Vokabel „überheblich“ in dieser Nacht verdienen, sind jedenfalls nicht die an den Einsätzen beteiligten Polizisten. Bei den Kommentatoren von Polizeieinsätzen, den Respektlosen, die meinen, sie müssten sich noch durch einen Polizeieinsatz drängeln, anstatt ihren Luxuskörper mal einige Meter beiseite zu bemühen, oder jungen Mädchen, die meinen, ihre Eltern wären ihnen eine teure Reise schuldig, würde mir dieses Wort weit eher in den Sinn kommen.

 

Nicht nur diese Schicht nimmt mich immer sehr, sehr herzlich in Ludwigshafen auf. Untereinander hauen sie sich teilweise schon einiges an Sprüchen um die Ohren. Gelegentlich bin auch ich mal Adressatin solcher Ansagen. Ehrlich gesagt macht mich das stolz. Offenbar traut man mir zu, das korrekt einzuordnen. Und wenn es mir zu viel wird, das auch mitzuteilen.

Nicht nur die Menschen, die ich bereits kennen gelernt habe, auch ihre Kollegen halten Tag für Tag im Dienst an uns als Gesellschaft den Kopf für uns hin. Sie sind vor allen Dingen das – Menschen. Mit Fehlern, mit Schwächen, aber auch mit einer ganzen Latte an sehr guten Eigenschaften ausgestattet. Allen voran die Eigenschaft, die Gesellschaft durch ihren Einsatz besser machen zu wollen. Das steht für mich auch bei den 0,03 %, bei denen es im zwischenmenschlichen Bereich nicht so geklappt hat, im Vordergrund.

Ein kleiner Weihnachtswunsch  wäre, dass Menschen in Zukunft besser nachdenken, bevor sie solche verallgemeinernden Wertungen heraushauen.

Mein großer Weihnachtswunsch wäre, dass das Gros der Gesellschaft es wichtiger findet, den Dienst unserer Polizistinnen und Polizisten an uns als Gesellschaft zu würdigen als an irgendwelchem Kleinkram ihre Kritik aufhängen. Oder an Einsätzen, die sie eigentlich nicht wirklich beurteilen können. Ich wünsche mir, dass meine Mitbürgerinnen und Mitbürger sich viel öfter bei unseren Einsatzkräften bedanken. (Nicht nur) Heiligabend und an den folgenden Feiertagen sind sie wieder für uns im Einsatz. Vielleicht findet ja der eine oder andere Zeit dafür, sich zwischen Küchenstress und Geschenkeauspacken daran zu erinnern, wer ihm die Sicherheit dafür schenkt – und einfach mal in seiner örtlichen Dienststelle Danke zu sagen.

 

Danke für Euren täglichen Einsatz, liebe Polizei in Ludwigshafen und anderswo. Ich wünsche allen Polizistinnen und Polizisten ein frohes Weihnachtsfest – und mindestens einen Bürger, der auch daran denkt, ihnen ein frohes Fest  zu wünschen. Kommt alle gesund nach Hause zu euren Lieben.

Am heutigen Morgen, den 22.12.17 kurz nach 6 Uhr, fuhren wir, zwei Streifen des Abschnitt 35, zu „Hilferufen weiblich“.
Alarmiert hatte uns eine Nachbarin des Hauses, welche diese Rufe wahrgenommen hatte.

Wir hörten an der angegebenen Adresse überhaupt nichts. Also hielten wir Rücksprache mit der Anruferin.
Sie konnte uns nicht genau beschreiben, woher das Wimmern und das Schreien wirklich kam.
Aber kurze Zeit später klopfte ein Kollege an eine Tür und Treffer. Wir hatten die vermeintlichen Hilferufe gefunden.
Es öffnete uns eine junge Frau, welche total aufgelöst und verweint war.
Nach einem kurzen Gespräch erfuhren wir auch den Grund.

Sie war maßlos traurig, weil sie ihren Zug in ihre Heimat verpasst hatte und sie Weihnachten nicht mit ihrer Familie feiern konnte.
Eine neue Fahrkarte konnte sie sich nicht leisten.
Im weiteren Gespräch erfuhren wir wohin sie wollte.
Wie es der Zufall so wollte, wollte mein Kollege Rolf am heutigen Tage auch in die Richtung. Er bot ihr also an, sie und ihre Katze mitzunehmen.
(Das hat mich schon richtig gerührt.)
Es wurde also schnell vereinbart, dass sie kurz nach 12 Uhr (da endete unsere Frühschicht) abgeholt wird.
Und so geschah es auch.

Eben gerade, gg. 17.00 Uhr, habe ich die Rückmeldung erhalten, dass Rolf die junge Frau gut an ihren Vater übergeben hat.

Ich bin unheimlich stolz, so einen tollen empathischen Kollegen in meiner Schicht zu haben.
Für mich ist er ein Weihnachtsengel in Uniform.

Danke Rolf. Du bist klasse.

Dirk Heßler

Symbolfoto: Menschen in Uniform

Da wir als gemeinnütziger Verein zur politischen Neutralität verpflichtet sind, hat sich der geschäftsführende Vorstand von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. bislang nur sehr eingeschränkt zu den Einsätzen im Hambacher Forst geäußert – in Form von Genesungswünschen für verletzte Polizeibeamte.

Wir waren der Ansicht, dass ja nun allmählich sattsam bekannt sei, wo wir stehen – als Verein, der sich hinter seine demokratisch legitimierte und rechtsstaatlich verfasste Polizei stellt – und dass ebenso sattsam bekannt sei, dass es uns in erster Linie um die in diesen Einsätzen verletzten Polizistinnen und Polizisten geht.

Nun ergab es sich aber, dass Äußerungen im Internet aufkamen, die sich zwar vordergründig auf die Seite der in diesem Einsatz verletzten Beamtinnen und Beamten stellten – aber gleichzeitig unterschwellig in Zweifel zogen, dass der Einsatz der Polizei Aachen rechtmäßig sei. Es wurde nach einer Einsatz“order“ gefragt.

Manche äußerten die These von der Unrechtmäßigkeit des Polizeieinsatzes auch ganz offen und untermauerten diese mit einem Verweis auf den am 28.11.2017 vom OVG Münster verhängten Rodungsstopp.

In diesem Zusammenhang sei im Übrigen deutlich gemacht, dass das OVG Münster mit diesen Stopp mitnichten die Rodung als solche als unrechtmäßig deklariert hat. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen Zwischenbeschluss, der bis Vorliegen eines finalen Beschlusses Gültigkeit hat. „Die Zwischenentscheidung sei zur Gewährleistung effektiven Rechtsschutzes angesichts der Komplexität des Sachverhalt und der sich stellenden Rechtsfragen sowie zur Vermeidung irreversibler Zustände erforderlich.“ (Pressemitteilung des OVG Münster vom 28.11.2017). Zudem hat es am 01.12.2017 dem BUND und der RWE Power AG einen Vergleichsvorschlag vorgelegt. Bis da also eine finale richterliche Entscheidung vorliegt, dürfte noch einiges an Zeit ins Land ziehen.

Auch hat der Rodungsstopp rückwirkend nicht den Polizeieinsatz unrechtmäßig gemacht, wie der eine oder andere es wohl gerne in einem ideologisch bedingten Schnellschusswunschgedanken gerne hätte.

 

Der Grund und Boden, auf dem diese Rodungen stattfinden, gehört seit 1978 der Rheinbraun AG, die seit Oktober 2003 durch Fusion in der RWE Power AG aufgegangen ist.

Egal, wie man nun zu den Rodungen speziell, zum Braunkohleabbau insgesamt und zur RWE Power AG als Unternehmen steht (in unserem Verein findet sich dazu ein ganzes Sammelsurium an Ansichten – und das ist auch gut so), so gibt es doch keinerlei rechtlichen Zweifel an der Eigenschaft der RWE Power AG als Eigentümerin des fraglichen Grund und Bodens. Zwar darf nicht jeder mit einem Grund und Boden machen, was er will (das ergibt sich auch aus dem Art. 14 Abs. 2 des GG – Eigentum verpflichtet). Da muss eine sorgfältige Interessenabwägung abfinden, daher der Rodungsstopp. Wer nun gewinnen wird – das werden wir sehen. Unbenommen davon darf aber jeder Eigentümer eines Grundstücks entscheiden, wer sich darauf aufhalten darf und wer nicht. Dabei ist es auch vollkommen wurscht, wie hoch oder niedrig die Sympathiewerte des Eigentümers des Grundstücks sind.

Hält sich jemand gegen den Willen der RWE Power AG dort auf, so ist das ein Hausfriedensbruch.

Verletzen dann auch noch einige der Personen, die sich auf diesem Grund und Boden aufhalten, Waldarbeiter, so sind das Körperverletzungsdelikte.

Körperverletzungen und Hausfriedensbruch finden sich beide im Strafgesetzbuch wieder (§§ 223 bis 231 StGB sowie §123 StGB), es handelt sich folgerichtig um Straftaten. Wer ist bei Straftaten zuständig? Korrekt! Die Polizei.

Der Einsatz der Polizei Aachen dort vor Ort war und ist also in keiner Weise juristisch anrüchig.

 

Ich habe grundsätzlich hohen Respekt vor Menschen, die sich engagieren und für andere einsetzen. Aber auch, wenn man glaubt, dass man mit seinen politischen Aktivitäten nur das Beste für die Welt erreichen möchte, so rechtfertigt das weder das Begehen von Straftaten noch das mehr oder minder unterschwellige Adressieren von Unterstellungen an die Polizei Aachen.

Ich distanziere mich im Namen des geschäftsführenden Vorstandes von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V. ausdrücklich von derartigen Unterstellungen.

 

Den im Hambacher Fort bis hierher verletzten Polizistinnen und Polizisten wünschen wir herzlichst gute Besserung! Sollten dort weitere Einsätze vonnöten sein, so wünschen wir allen Einsatzkräften, dass sie aus diesen gesund wieder nach Hause kommen.

 

G. Minrath im Namen des Vorstandes von Keine Gewalt gegen Polizisten e.V.

„Nur noch ein Stündchen“, sagte Aline und klang dabei auch ein bisschen müde.

„Joah“, sagte Stephan.

Ich auf meiner Rückbank hatte zu diesem Zeitpunkt deutliche Schwierigkeiten, die Augen aufzuhalten. Neuwied und Umgebung präsentierten sich nach einer durchschnittlich ereignisreichen Schicht sehr friedlich. Übermächtige Sehnsucht nach meinem Bett machte sich in mir breit. Ich hatte genug erlebt, um einen Artikel zu schreiben – von mir aus konnte jetzt gern das Schichtende in greifbare Nähe rücken.

Plötzlich knackte es noch mal im Funk:

„Fahrt mal zur folgenden Disko.“ (Es folgte eine Ortsangabe in der Innenstadt.) „Da hat es eine Erpressung gegeben, zwei Täter. Wo seid Ihr gerade?“

Zu weit weg. Zwei andere Streifen wurden vorgeschickt.

Aline warf die Sondersignale an, Stephan trat den Gashebel durch. Mit Blaulicht und Martinshorn brausten wir los. Mittlerweile braucht man mir das nicht zu erklären. Die fortgeschrittene Uhrzeit, eine Disko, eine Straftat – alles Zutaten, die man für eine hochaggressive Situation braucht – in die gerade mal zwei Streifen fuhren.

Symbolfoto

Meine Müdigkeit schlug um in wildes Pumpen von Adrenalin.

Über Funk hörten wir, wie die beiden anderen Streifenwagen eintrafen.

„Stephan, beeil dich“, rief Tobi aus dem Funk. Ganz klar unter Dampf.

Schluck.

Zum Glück waren wir fast da, Stephan hatte schon abgebremst.
„Wo sind die denn?“
Suchend sah er sich um.

„Da.“

Meine beiden Begleiter sprangen aus dem Wagen, rannten los, ich hinterher, in Richtung Menschenmenge.

Zwei Polizisten, Wolle und Niklas, hatten bereits einen Herrn auf der Motorhaube eines Streifenwagens abgelegt.

„Ich kann nicht atmen, ich kriege keine Luft“, schrie der laut. Übrigens derart ausgiebig, dass mit seiner Atmung ganz klar alles in bester Ordnung war. Im späteren Verlauf wurde er mit K. angesprochen. Fast über den gesamten Einsatz hinweg demonstrierte K. uns den hervorragenden Zustand seiner Atemorgane und Stimmbänder.

Den anderen Beamten, Tim, Lisa und Tobi, standen etwa 35 Personen gegenüber, die aufgebracht und teilweise aggressiv wirkten und auf die Beamten einredeten. Stephan begab sich zu den Kollegen, die der Menschenansammlung gegenüberstanden, Aline half Wolfgang und Niklas, da K. sich immer wieder mal wehrte.

Ich postierte mich in respektvollem Abstand zu den Beinen des jungen K., falls er nochmal auskeilen sollte. Möglichst nicht im Weg stehen, alles im Blick behalten, im Zweifel die Flucht ergreifen können. Natürlich weiß ich, dass die anwesenden Polizisten alles tun würden, um mich heil aus welcher Lage auch immer rauszubringen. Ich würde jedem einzelnen meiner bisherigen Streifenpartner mein Leben bedingungslos anvertrauen. Aber wenn ich es ihnen einfacher machen kann, indem sie gar nicht in die Lage kommen, mir den Allerwertesten retten zu müssen, finde ich persönlich das noch viel besser.

Aus der Menge kamen Rufe wie „Der hat doch gar nichts gemacht!“ und „Voll übertrieben!“

Schade, dass ich meine Bullshit-Bingo für Polizisten-Karte nicht dabei habe. Das wären schon mal zwei Haken!

Allerdings war mir nicht wirklich lustig zumute. Das waren etwa 35 Leute gegen sieben Polizisten. Mich selbst zähle ich ehrlichkeitshalber nicht dazu. Mein Trainingsstand ist im Vergleich zu dem der Beamten, mit denen ich unterwegs bin, nicht der Beste. Irgendetwas, womit ich im Zweifel zuschlagen konnte, war auch nicht in greifbarer Nähe.

Zwei Männer taten sich besonders hervor. Sie gingen aggressiv auf die Beamten zu.

„Bleiben Sie stehen!“

Diese Aufforderung erfolgte mehrmals.

„Nehmen Sie die Hände aus den Taschen.“

Stephan war unmissverständlich. Diese Ansage galt einem der beiden aggressiven Männer. (Wie ich später erfuhr, heißt er W.)

„Warum?“
Die Frage triefte nur so von Provokation.

Weil er es sagt? Und weil gerade keine Zeit und auch nicht ganz die richtige Situation ist, um Dir haarklein die Grundlagen der Eigensicherung zu erklären.

„Die Hände aus den Taschen.“
Stephan wiederholte seine Aufforderung.

Polizistinnen und Polizisten wissen nie, was ihr Gegenüber in den Taschen hat. Im schlimmsten Fall ein Messer oder eine Schusswaffe. Stephan und seine Kollegen wollten gesund an Leib und Seele nach Hause kommen – und das ist auch ihr verdammtes Recht!

Für den Bruchteil einer Sekunde nahm W. die Hände aus den Hosentaschen. Versenkte sie sofort wieder darin.

„Nehmen Sie die Hände aus den Taschen.“

W. ließ die Hände tief in den Hosentaschen.

„Dann geben Sie mir Ihre Personalien, Sie stören hier eine Amtshandlung.“

Nun wollte W. den Ort des Geschehens verlassen. Stephan griff nach ihm, W. schlug ihm gegen den Arm.

Mit einem Griff beförderte Stephan W. auf den Streifenwagen, dessen Motorhaube er sich nun brüderlich mit K. hätte teilen können.

Stattdessen leistete er heftigen Widerstand, keilte und schlug in alle Richtungen aus. Niklas sprang Stephan zu Hilfe.

Gemeinsam brachten sie W. zu Boden.

Im Gerangel ein heftiger Krach.

Ach du Sch****

Mein Adrenalinpegel stieg noch einmal an.

Später stellte sich heraus, dass durch die Gegenwehr von W. der Kotflügel des Streifenwagens eingebeult worden war.

Das Foto habe ich natürlich erst nach Schichtende gemacht. Es hätte sicherlich nicht deeskalierend gewirkt, wenn ich noch mit der Kamera durch den Einsatz gehüpft wäre.

W. wurden Handschellen angelegt.

Nahezu zeitgleich wurde der dritte im Bunde von Lisa und Tobi zu Boden gebracht.

„Wir brauchen Verstärkung für den Abtransport“, teilte Stephan über Funk mit. Das machte Sinn, in unserem Streifenwagen saßen drei Personen und wenn ich die Polizisten vor Ort durchzählte, war auch eine der anderen Streifen zu dritt eingerückt. Noch nie hatte sich einer der Menschen, die mit mir im selben Streifenwagen transportiert wurden, derart aggressiv gebärdet.

Tim nahm in der Zwischenzeit erste Personalien auf.

Eine blonde Frau rief: „Nun hör doch auf, dich zu wehren. Dann hört auch die Polizei auf. “

Mir war nicht klar, welchen der drei sie meinte. Aber sie zeigte damit eine durchaus realistische Einschätzung der Lage.

Ein weiterer Mann mischte sich ein:
„Ich bin ein besorgter Bürger. Ich hinterfrage die anlasslose Gewalt durch die Polizei, die ich mit ansehen musste.“

Bingo. Und… Hä? Wieso anlasslos?

Er wiederholte das mantraartig.

Stephan erteilte ihm mehrfach einen Platzverweis. Den ignorierte er fröhlich. Vielleicht ist er nicht mehr ganz so fröhlich, wenn er seinen Bußgeldbescheid in Höhe von 250 Euro für das Nichtbefolgen desselben erhält. Der nigelnagelneue §99a des POG RLP erlaubt das. Gute Sache, wenn man mich fragt.

 

„Der Einsatz ist vollkommen übertrieben“, kam irgendwo aus der Menge.

Bingo!

Ja, klar. Sieben Polizisten gegen 35 Mann, die sie attackieren und auf ihnen herumhacken und dann übertrieben.

Interessante Wahrnehmung.

Zwischenzeitlich war W. etwas runtergekommen, fuhr sich aber immer wieder hoch. Aline musste sich auf seine Beine setzen, damit keiner der Beamten von seinen Tritten getroffen wurde.

Niklas unterstützte wieder Wolle.

Ich stand weiterhin auf meinem Standort und versuchte, das Zittern meiner Knie zu unterdrücken, das durch die Flutung mit Adrenalin hervorgerufen wurde. Außerdem war es kalt. Und ich hatte Angst.

Die Menge wurde auch immer wieder durch entsprechende Zwischenrufe hochgebracht.

Was, wenn das hier kippt?

Schließlich rief Wolle laut:
„Die Securitys bitte mal alle zu mir.“

Hier sind Securitys?

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das gar nicht bemerkt.

Etwa fünf Männer traten hervor, Stephan wies sie dann an, sich als „Kette“ zwischen die Polizeibeamten, die ja mit den drei aggressiven Festgenommenen beschäftigt waren, und die Menge zu stellen.

Puh!

Mein Kniezittern ließ merklich nach.

Die Menge wurde dann endlich ruhiger, die ersten trollten sich sogar.

Ein weiterer, bis hierher unbeteiligter, Mann mischte sich ein:
„Ich kenne mich mit Strafrecht aus. Das ist ganz klar ein Rechtsbruch, was ich da vor mir sehe.“

Bingo!

Einer der Mitarbeiter der Security der Disko fragte ihn:
„Machen Sie das beruflich?“

„Ich hab BWL studiert. Aber ich habe auch Ahnung von Strafrecht.“

Ja, das sieht man ja gerade sehr deutlich…

Das Grinsen des Security-Mannes war in etwa so süffisant wie meine Gedanken zu dieser Thematik. Der Gerechtigkeit halber sei dazu gesagt, dass Stephan ihn so verstanden hat, dass der Mann den Polizeieinsatz für rechtmäßig befunden hätte.

 

Allmählich wurde K. ruhiger und konnte aus seiner Haltung entlassen werden. Niklas versuchte mehrfach, ihm zu erklären, dass er nicht wegen der Vorkommnisse in der Diskothek auf der Motorhaube des Streifenwagens gelandet war, sondern weil er auf ganz normale Fragen feindselig und explosiv reagiert hatte. Niklas fand einen Zugang zu K., der dann eine vernünftige Aussage machte.
Ein Bekannter von ihm, ein gewisser S., sei Opfer einer Erpressung geworden. Die Täter seien W. und der Mann gewesen, der gerade mit W. zusammen am Boden lag.
„Ich hab nur meinem Kumpel geholfen.“

„Wo ist denn der S.?“

„Der ist schon im Bett, der muss morgen arbeiten“, schallte es aus der Menge zurück. Tatsächlich war S. nicht mehr vor Ort.

Wie bitte?

Auch K. war darüber einigermaßen fassungslos, was noch verstärkt wurde durch den Spruch einer gemeinsamen Bekannten der beiden:
„Arbeiten ist wichtiger als das hier.“

Ach so?

Ok. Ausgeschlafen bei der Arbeit zu erscheinen ist wichtig. Sehe ich ein. Aber wichtiger, als einem Freund mit einer Aussage bei der Polizei weiterzuhelfen? Mein Freund wäre der die längste Zeit gewesen…

 

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit (meine Armbanduhr sagte was von 10 Minuten), hörte ich in der Ferne Martinshörner.

Oh bitte, lass das die Verstärkung sein.

Zuerst sah ich Blaulichter am Ende der Straße in der mittlerweile diesigen Nachtluft flackern.

Uff!

Dann sah ich sie verschwinden.

Was zum…

Quietschende Reifen.

Die Blaulichter kamen wieder mein Blickfeld.

Ein Motor heulte auf, ein Streifenwagen wurde sichtbar.

Halleluja!

Noch einmal quietschende Reifen. Vom Bremsen. Immerhin waren Kollegen in Not. Bei einer längeren Anfahrt zu solchen Situationen steigt der Adrenalinpegel nicht schlecht an. Besonders, wenn man sich in fremdem Dienstgebiet nicht so gut auskennt und deshalb um ein Haar falsch abgebogen wäre. Nichts, was mit einem Minimum an Einfühlungsvermögen nicht nachzuvollziehen wäre.

„Der hat zu viel GTA gespielt“, demonstrierte jemand aus der Menge einen eklatanten Mangel an genau diesem.

Witzig… ganz witzig…

 

Im Angesicht der neu hinzugekommen Beamten überzog W. Stephan mit einer ganzen Tirade an Unterstellungen, u. a. habe er ihn grundlos angegriffen.
„Sie sind brutal. Sie sind ein gewalttätiger Mensch.“

Die Neuankömmlinge kümmerten sich zuerst um den dritten Mann am Boden.

 

Eine zweite Streife aus Koblenz traf ein. Dem Streifenwagen entstiegen Sven und Kathi, „meine“ Streifenpartner aus meiner Nachtschicht bei der PI Koblenz 1.

Ich freute mich, sie zu sehen. Die beiden nahmen sich kurz die Zeit, mich zu begrüßen. Das freute mich auch, und es beruhigte mich kolossal.

Wenn dafür Zeit ist, ist die Situation jetzt genau so sehr unter Kontrolle, wie sie mir mittlerweile vorkommt.

Auch ihnen erzählte W. von Stephans „Brutalität“. Er schob nach:
„Ich hab nichts gemacht.“

Wenn man bedrohliches Verhalten, Widersetzen gegen eine polizeiliche Anweisung, Widerstand und Unterstellungen am laufenden Band als „Nichts“ definieren möchte…

Da auch die Koblenzer Polizei (wie wohl alle Polizistinnen und Polizisten) mit jeder Menge Leute zu tun hat, die alle nichts gemacht haben wollen, wussten Sven und Kathi diese Botschaften durchaus einzuordnen.

Die beiden brachten auch W. in die Dienststelle.

Im Nachgang erfuhr ich übrigens von Sven, dass auch in Koblenz 1 die Nachtschicht gerade dem Ende zugegangen war, als der Funkspruch aus Neuwied kam. Die Beiden hatten neun Minuten gebraucht, um von Koblenz nach Neuwied zu fahren (Respekt!). Auch meine Einschätzung mit dem gewaltigen Adrenalinpegel hatte gestimmt.

Ich glaube mich zu erinnern, dass noch ein weiterer Streifenwagen einrückte. Ich bin mir allerdings nicht sicher, da Stephan und Aline wieder in die Dienststelle wollten, um sich mit W. zu beschäftigen. Die Schicht neigte sich ihrem Ende zu, aber es war klar, dass die beiden Herren der Polizei noch jede Menge Arbeit bescheren würden. Da die Situation unter Kontrolle war, konnten wir drei auch abrücken.

Als wir auf dem Weg zum Streifenwagen waren, traf dann noch ein letzter Streifenwagen ein, der aus einem entfernten Winkel des Dienstgebietes der Polizeiinspektion Straßenhaus gekommen war. Der Fahrer hatte alles gegeben, aber es dauert eben eine Weile, derartige Entfernungen zu überwinden.

Stephan, Aline und ich fuhren in die Dienststelle. Die beiden Koblenzer Streifen waren mit den beiden Festgenommenen schon eingetroffen, einer der Herren saß im Flur, ein anderer in einem Vernehmungsraum. K. hatte mittlerweile gehen dürfen, da er sich komplett beruhigt und seine Aussage gemacht hatte.

 

Ich hatte im Einsatz mitbekommen, dass Niklas durch die Widerstandshandlungen von W. verletzt worden war. In der Dienststelle hatte er kurz Zeit, mir seine Blessuren zu zeigen.

 

Dazu kam noch ein geschwollenes Handgelenk. Das mag erstmal „gar nicht mal so schlimm“ aussehen. Niklas sagte auch, es sei gar nicht mal so schlimm.

Davon unbenommen ist die Tatsache, dass Polizistinnen und Polizisten das Recht haben, gesund nach Hause zu kommen. Das beinhaltet auch Kratzer und Schürfwunden.

Hinzu kommt, dass sich das Ganze im Nachgang dann doch nicht mehr so harmlos herausstellte. Niklas verschwand erst einmal, um sich in einem nahe gelegenen Krankenhaus untersuchen zu lassen.

 

Nach dem Austausch der Handschellen und einiger Informationen verließen die Koblenzer die Dienststelle.

Stephan und Aline vernahmen W., der weiterhin Handschellen trug (nun ein Neuwieder Modell, kein Koblenzer).

 

Es folgt ein Auszug aus seinem Benehmen den beiden Beamten gegenüber:

Er fragte Stephan mehrmals, warum er festgenommen worden sei, er habe nichts gemacht.

Stephan setzte mehrfach zu einer Erklärung an, wurde dann aber unterbrochen und angeschrien. Dabei fielen folgende Vokabeln:

„Sie sind doch nicht normal.“

„Sie ticken nicht ganz richtig.“

„Drecksack.“

Als Stephan und Aline ihn darauf aufmerksam machten, dass das nun eine Beleidigung sei, sagte er:

„Das ist mir egal, ich sage trotzdem Drecksack.“

Er erhöhte um:
„Ihr könnt mich am Arsch lecken.“

„Sie können mir einen blasen.“ (An Stephan gewandt.)

Örks!

 

Tobias versuchte, ihn einen Atemalkoholtest machen zu lassen. Anstatt einfach in das Plastikröhrchen des Alkomaten zu pusten, bombardierte W. Tobias mit Fragen:
„Warum bin ich hier? Warum mit Gewalt? Warum muss ich das machen?“ und an Stephan wieder und wieder: „Sie sind ein brutaler Mensch.“

Letztlich erklärte er zwar vordergründig seine Bereitschaft, in den Alkomaten zu pusten, tat es dann aber nicht.

Da Stephan und Tobias nicht bis abends mit dem Mann herumdiskutieren wollten, vermerkte Stephan in seinem Bericht, dass der Atemalkoholtest verweigert worden war. Dies teilte er W. mit. Der rastete verbal völlig aus.
„Wieso verweigert? Ich wollte doch pusten!“

Du hast aber nicht gepustet…

Entsprechend lautete Tobias nächste Frage:
„Stimmen Sie einer freiwilligen Blutprobe zu?“

Derselbe Tanz ging von vorne los. „Warum bin ich hier? Warum mit Gewalt? Warum muss ich das machen?“ Dieses Mal erweiterte er sein Repertoire um: „Ich habe den Alkotest nicht verweigert.“

Letztlich lief es auf dasselbe hinaus. Anstatt seine Bereitschaft zu erklären, sich vom Polizeiarzt Blut abnehmen zu lassen, schlug er den beiden sein Lamento um die Ohren.
„Ich habe mich gar nicht gewehrt.“

Der Dienstgruppenleiter rief den Dienst habenden Bereitschaftsstaatsanwalt an. Der ordnete eine Blutprobe an, entsprechend machte sich der Polizeiarzt auf den Weg zur Dienststelle.

 

Beim Warten auf den Polizeiarzt musste Stephan natürlich W. im Auge behalten. Gleichzeitig arbeitete er schon einmal an seinem Bericht zu dem Vorfall. Soweit das möglich ist, wenn man von der Seite pausenlos von W. beschimpft und beleidigt wird.

Niklas, mittlerweile mit Bandage, kam in den Raum, um Stephan den Befund vom Krankenhaus zu geben, da dieser in den Bericht zu dem ganzen Einsatz mit aufgenommen werden musste.

„Du warst doch gar nicht dabei“, behauptete W. schlankweg.

„Doch“, sagte Niklas.

„Ich hab mich doch gar nicht gewehrt. Du kannst nicht verletzt sein. Du bist doch ein kleiner Lutscher.“

„Wie bitte?“

Ich bewunderte Niklas gerade uneingeschränkt für seine Sachlichkeit. Ich kochte innerlich gerade wieder mal.

„Schlag mich doch, schlag mich doch, das willst du doch.“

Niklas lehnte dieses Angebot ab:
„Nein, das gibt mir nichts.“

 

Plötzlich brachte W. eine ganz neue Variante ins Spiel.
„Du hattest deine Füße in meinem Rücken“, warf er Stephan vor, als sein nicht enden wollendes Dauerlamento sich gerade mal wieder um dessen angebliche „Brutalität“ drehte.

Hä?

Das war definitiv nicht der Fall gewesen. Ich habe das von meinem Standort sehen können.

„Nein, das war mein Knie“, teilte Stephan ganz ruhig mit.

Genau so hatte ich das gesehen. Stephan hatte ihn teilweise allein mit dem Knie im Rücken am Boden gehalten.

„Du hast mir ins Gesicht getreten“, kam die nächste Neuigkeit aus den unerforschlichen Tiefen von W.s Fantasie.

Oh, wie ich kochte.

Es wäre für Stephan anatomisch schlicht unmöglich gewesen, W. aus der Position heraus, aus der er ihn mit seinem Knie am Boden gehalten hatte, ins Gesicht zu treten. Abgesehen davon, dass W. zwar ein ordentliches Hämatom aufwies und auch einige andere kleinere Verletzungen, die alle aber keinesfalls von einem ordentlichen Tritt mit dem Einsatzstiefel herrühren konnten.

„Du hast mich auch getreten.“
Nun war Aline an der Reihe, in den Genuss seiner Liebenswürdigkeiten zu kommen. Dabei hatte sie lediglich auf seinen Beinen gesessen, weil er mit den Füßen nach den Beamten gekeilt hatte.

„Ich wurde von euch zusammengetreten.“

Das wird ja immer besser.

 

Im Laufe seines Monologs sprang W. wieder und wieder auf und schrie herum. Zweimal mussten andere Polizisten hereingestürzt kommen, um ihn zu bändigen und auf den Stuhl zurück zu bringen.

Irgendwann brüllte er:
„Ihr könnt einen nur fesseln, ins Gesicht treten, auf einen Stuhl setzen und wenn er aufsteht, tretet ihr ihn wieder ins Gesicht.“

W. war auch in der Dienststelle zu keinem Zeitpunkt mit Tritten traktiert worden, er wurde lediglich mit Hilfe der Hände in eine sitzende Position gebracht. Langsam erreichte ich den Siedepunkt. Falsche Anschuldigungen und dann auch noch auf so eine Art und Weise, sind für mich mit das widerwärtigste Mittel in einer Auseinandersetzung.

 

„Ich bin vierfacher Familienvater. Ich bin selbstständiger Unternehmer. Was tun Sie mit mir?“
Als täte das irgendetwas zur Sache. W.s Benehmen war trotzdem unterirdisch.

„Rufen Sie Herrn X. an.“ Diese Aufforderung an Stephan und Aline erging mehrfach. Im Laufe des Gespräches stellte sich heraus, dass Herr X. offensichtlich bei der Kriminalpolizei beschäftigt ist. Lustigerweise war W. der festen Überzeugung, dass X. Stephans Vorgesetzter sei.

„Ich weiß genau, dass ich einen Anruf frei habe. Sie brechen gerade massiv das Recht.“

Bingo. Und du schaust zu viele amerikanische Krimiserien.

„Sie schauen sich offensichtlich zu viele amerikanische Krimiserien an“, wieRderholte Stephan meine Gedanken.

Deutsche Krimiserien wohl auch, wenn er glaubt, die Kripo sei der Schutzpolizei vorgesetzt…

Innerlich musste ich grinsen. Das fuhr meine Temperatur wieder etwas herunter.

 

„Ich habe der Polizei neulich erst 300 Euro gespendet.“

Die Polizei darf doch gar keine Spenden nehmen. Verwechselst du da was?

„Nun bin ich enttäuscht von der deutschen Polizei, wie soll man deutschen Polizeibeamten noch vertrauen?“

Nun, damit habe ich keine Probleme. Die bleiben nämlich konsequent bei ihren Vorwürfen (Erpressung, Widerstand und fertig). Du packst doch sekündlich eine neue Geschichte aus.

 

Mehrfach wandte sich W. an mich, was ich dazu denken würde.

Zuerst sagte er zu mir:
„Sie finden das sicher auch sehr lustig.“

„Ich kann hier gerade überhaupt nichts lustig finden.“

Fand ich auch nicht. Ich habe ja schon einige Aggressoren erlebt bei der Polizei (und alle hatten nichts gemacht), aber er war ganz klar ein Spitzenreiter. Insbesondere seine Verweigerung, den Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und den Reaktionen der Polizeibeamten darauf auch nur im Ansatz anzuerkennen, war mir unheimlich.

„Was sagen Sie denn dazu? Ich hab doch gar nichts gemacht.“

Ich darf mich ja nicht einmischen, konnte mir aber, da er mich nun schon mal fragte, nicht verkneifen:
„Ich habe das alles genau so wahrgenommen, wie es die Polizeibeamten sagen.“

Offenbar verstand er mich nicht genau, denn er versuchte weiterhin, mich auf seine Seite zu ziehen. U. a. sagte er zu mir:
„Was sagen Sie denn dazu? Sie stehen ja auch ratlos da.“

Stephan sprang mir bei:
„Die ist nicht ratlos, die ist fassungslos, wie sich jemand so benehmen kann.“

„Das trifft es ziemlich genau.“

 

Eine weitere Beamtin, Annika, dokumentierte mit einem Fotoapparat seine Wunden, die er sich bei der Festnahme zugezogen hatte – soweit das möglich war.
„Halten Sie bitte still“, bat sie mehrfach.

„Ich halte doch still“, sagte W. – und zappelte derart herum, dass es wirklich schwer war, vernünftige Fotos zu machen.

 

„Ihr seid wie Bonnie und Clyde“, teilte er irgendwann Stephan und Aline mit. Alles andere wiederholte er mehr oder weniger regelmäßig. Stephan entschied schließlich, seine Body-Cam einzuschalten.

Gute Idee!

 

Selbstverständlich teilte Stephan W. mit, dass dieser nun gefilmt wird. Was diesen zu einer neuen Variante zu animieren schien:

„Flippen Sie öfters so aus?“ wollte er von Stephan wissen. „Ist die deutsche Polizei instabil? Soll ich das so meinen Töchtern erzählen? Wie soll man einer solchen Polizei vertrauen?“

„Sie sind ein schlechter Verlierer“, teilte er Stephan weiter mit. „Sie haben sich zum Affen gemacht. Was kann ich dafür, dass Sie Russlanddeutsche hassen? Sie sind rassistisch, Herr Y. Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?“

Rassistisch. Bingo.

 

Irgendwann sagte Stephan: „Es wäre besser, Sie würden endlich von Ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen.“

Oh ja, bitte. Einfach still sein.

Auf sein Recht, die Aussage zu verweigern, hatte Stephan W. schon ganz zu Anfang mehrfach hingewiesen, aber der hörte ja nicht zu. Wie auch? Dazu hätte er ja für wenige Minuten aufhören müssen, herumzuschreien und Stephan zu beschimpfen.

„Wieso soll ich diesen Gebrauch machen? Ich habe doch nichts gemacht.“

Argh!

Aline versuchte es mit Vernunft: „Der Kollege hat Sie nur auf Ihr Recht aufmerksam gemacht, denn schließlich leiten wir gerade ein Strafverfahren gegen Sie ein.“

W. explodierte förmlich.
„Ein Strafverfahren? Dazu sind Sie nicht befugt. Ohne Staatsanwalt und ohne Richter.“

Aline versuchte ein letztes Mal, ihm zu erklären, dass Richter mitnichten Strafverfahren einleiten, sondern über Strafen entscheiden. Und dass die Polizei natürlich ein Strafverfahren einleiten darf. Ohne Erfolg. Ich persönlich tippe darauf, dass W. der Unterschied zwischen Straf- und Gerichtsverfahren nicht ganz klar ist. Aber Hauptsache, mal wieder der Polizei ihren Job erklärt.

Endlich kam der Polizeiarzt. Da W. auch hier zwar verbal Kooperationsbereitschaft signalisierte, sich aber körperlich sperrte und unkooperativ verhielt, wurde er mit Handschellen auf den Boden in eine liegende Position gebracht und der Arzt entnahm ihm dort sein Blut. Natürlich war auch das aus W.s Warte rechtswidrig, da weder Richter noch Staatsanwalt zugegen seien.

Allen drei dabei anwesenden Beamten (Tobias, Stephan und Aline) drohte er an, dass sie ihren Job los seien (Bingo!). Stephan und Aline bescheinigte er noch: „Sie haben hier ihren Abgang.“ Was immer er damit meinte.

Die Body-Cam hing in einem ungünstigen Winkel an Stephans Revers. Sie würde in erster Linie interessantes Büromobiliar filmen, wenn W. zu Boden gebracht werden würde. Kurzerhand drückte Tobi mir das Gerät noch vor der Blutentnahme in die Hand, damit sie alles aufzeichnen konnte.

Schließlich halfen ihm die drei Polizeibeamten auf und brachten ihn ins Gewahrsam. Dort wollte er sogar noch Tobias seine Uhr in die Hand drücken… was auch immer er nun damit bezweckte.

Danach, es war mittlerweile fast eine Stunde über die Zeit, verließ ich die Dienststelle und machte mich auf den Heimweg. Ich hatte mich als Zeugin zur Verfügung gestellt. Also verfasste ich daheim meine Aktennotiz dazu, solange mein Gedächtnis noch frisch war. Dafür brauchte ich fast bis mittags. Es sei nur am Rande erwähnt, dass ich diese Nachtschicht „heimatnah“ hatte absolvieren wollen, um früh ins Bett zu kommen.

Meine Bullshit-Bingo-Karte war voll. Ok, drei Haken hatte ich einem Einsatz aus dem ersten Teil der Nacht zu verdanken. Dort wurden „meine“ Polizisten beglückt mit „Anstatt mal die Grenzen zu kontrollieren…“,  „Jeder darf hier rein, aber ich werde kontrolliert…“ sowie „Haben Sie keine richtigen Verbrecher zu jagen?“ Aber das wäre ein anderer Artikel…

Später erfuhr ich noch, dass W. den Richter beleidigt hatte, als der zur Polizeiinspektion kam, um über den weiteren Gewahrsam zu entscheiden. Der Richter entschied dann, ihn bis 16 Uhr im Gewahrsam zu lassen. Ebenfalls erfuhr ich, dass Niklas Verletzungen doch nicht so harmlos gewesen waren, wie sie oberflächlich ausgesehen hatten. Er wurde am Folgetag krank geschrieben.

Schon länger lese ich die auf wenige Zeilen komprimierten Pressemitteilungen zu solchen Einsätzen anders als früher. Seit dieser Nacht kann ich mir noch besser vorstellen, was an Zeitaufwand, Aggressionen, die an den Beamten ausgetobt werden, Arbeit und Emotionen dahinterstehen kann.

Auch wenn Stephan und ich unsere inneren Bullshit-Bingo-Karten vollgekriegt hatten – ich brauche solche Erlebnisse nicht wirklich.

Gewalt gegen Polizisten ist hässlich. Wenn man sie live sieht, ist sie noch viel hässlicher. Und wenn es Polizisten trifft, die man persönlich mag, dann ist sie an Hässlichkeit kaum zu überbieten.

Danke nach Neuwied! Ihr seid klasse!